Der Schweizer Abfalleimer am Atlantik

CITRON ⋅ In Le Havre läuft der Prozess gegen die Protagonisten eines Umweltskandals unter helvetischer Flagge. Entsorgt ist bis heute erst ein kleiner Teil der Riesenmüllhalde.

09. Oktober 2016, 00:00

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

Fast auf den Tag genau vor sechs Jahren kündigte sich das Ende der Firma Citron mit einer Katastrophe an. Ein Grossbrand im Werk von Rogerville bei Le Havre legte den auf thermische Verwertung von Sondermüll ausgerichteten Betrieb mit seinen 150 Mitarbeitern lahm.

Zwei Monate nach dem Vorfall deponierte die in Zürich domizilierte Holding beim zuständigen Konkursrichteramt die überschuldete Bilanz. Rück­blickend muss man das abrupte Ende dieser einst hochgelobten Recycling­firma vermutlich als Glück bezeichnen. Denn was die Firma Citron in ihren gut zehn Betriebsjahren in der Normandie angerichtet hat, ist nichts anderes als ein dicker Umweltskandal.

Mit dem 49-jährigen Zürcher Michael Brüggler und zwei seiner ehemaligen unterstellten französischen Mitstreiter standen in der vergangenen Woche drei zentrale Figuren des Unternehmens vor dem Tribune de Grande Instance, dem erstinstanzlichen Zivilgericht der nordfranzösischen Hafenstadt. Die Vorwürfe an das Trio sind happig: wiederholte, gravierende Verletzungen amtlicher Umwelt- und Sicherheitsvorschriften, Mobbing und schwerwiegende Gefährdung an Leib und Leben von Mitarbeitenden, Urkundenfälschung, verbotener internationaler Handel mit Abfällen und so weiter.

Börsenwert lag bei 200 Millionen

Die Vorgeschichte der Affäre ist lang und fast so trübe wie ihr schlimmes Ende. 1991 gründen die Schweizer Ingenieure Adrien Antenen und Roger Burri die Firma Citron. Ziel ist der Bau eines Ofens, bei dem der zu verbrennende Sondermüll unter grosser Hitze in seine wiederverwertbaren Teile aufgespalten wird. Giftige Schwermetalle werden von den übrigen metallischen Elementen und von den mineralischen Stoffen separiert, so dass am Ende lauter Recyclingproduk­te herauskommen. Diese verkaufen sich im günstigeren Fall an die Metall- oder Bauindustrie oder können mindestens kostenlos auf Schutthalden depo­niert werden. Das sogenannte Oxyreducer-Verfahren stösst auf breites Interesse.

Für den Bau des ersten Ofens wählen die beiden Gründer das Industriegebiet von Le Havre, wo das Geschäft mit dem Abfall Tradition hat. Namhafte Privat­investoren wie Swiss Re sind an Bord. Sie finanzieren ein Werk, das auf 150 000 Jahrestonnen ausgelegt ist. Man bezeichnet sich als «europäischer Leader» namentlich im Bereich des Batterienrecyclings. Bald darauf werden die Aktien an der Berner Börse gehandelt. Schon da beginnen die ersten Probleme. Burri springt ab. Man ist sich uneinig darüber, welche kommerziellen Ziele mit der Recyclinganlage erreicht werden können.

Inzwischen ist Brüggler an Bord. Der ehemalige Banker agiert als Finanzchef und will vor allem eines: wachsen. Seine Investorenkommunikation zielt auf das immense Potenzial des europäischen Recyclingmarktes ab und verfehlt die Wirkung nicht. Bald ist die Firma Citron an der Börse gegen 200 Millionen Franken wert. Geld hat das Unternehmen bis dahin aber kaum verdient. 2004 gibt man mit Hilfe der Bank Vontobel eine Obligation über 40 Millionen Franken heraus. Das Geld für den Ausbau der Anlage ist nun vorhanden. 2007 erteilen die Behörden in Le Havre grünes Licht zum Ausbau. Die Kapazität kann auf 450000 Jahrestonnen erhöht werden.

Gute Kunden sind diverse Schweizer Kehrichtverbrennungsanlagen, die ihre giftige Filterasche nach Le Havre schicken. Statt die heisse Ware provisorisch in einer Untertagdeponie für 150 Franken pro Tonne zu lagern, wird sie in Nordfrankreich anscheinend ökologisch einwandfrei aufbereitet, und dies erst noch zu einem Bruchteil der Deponiekosten. Das ökologisch-ökonomische Perpetuum mobile stösst jetzt auch bei Politikern auf offene Ohren. Citron gewinnt die frühere Zürcher FDP-Präsidentin und aktuelle Nationalrätin Doris Fiala für den Verwaltungsrat.

Bundesbern warnte schon früh

Das Image von Citron ist schon 2006 längst nicht mehr zum Besten bestellt. Die Informationen über Beanstandungen der französischen Umweltbehörden häufen sich. Dennoch lobbyiert Citron im Parlament für eine Aufhebung des Exportverbotes von Schweizer Altbatterien. Neben der Schweizer Filterasche und den grossen Mengen an helvetischem Autoshredder hätte man mehr als genügend Kapazität, um auch die quecksilberhaltigen Batterien aus der Schweiz in Le Havre zu verarbeiten. Vom ehemaligen St. Galler Ökonomieprofessor Franz Jäger lässt man sich ein Gutachten über den Nutzen offener Grenzen beim Batterienrecycling erstellen. Doch das Bundesamt für Umwelt kämpft hartnäckig und letztlich vor Bundesgericht erfolgreich für die Beibehaltung des Exportverbotes: Das Citron-Verfahren sei «nicht optimal», heisst es in Bern – eine krasse Untertreibung, wie man schon damals hätte wissen können und vermutlich auch gewusst hat.

Brüggler überwirft sich danach mit Antenen und übernimmt 2007 die alleinige Kontrolle über die Firma. Die 48 ehemaligen Mitarbeiter betreiben im aktuellen Strafprozess kollektive Vergangenheitsbewältigung. Ihre Zeit bei ­Citron beschreiben manche am Lokalfernsehen als Albtraum. Die Ankunft Brügglers an der Firmenspitze sei eine Zäsur gewesen, sagt einer: Man sei zum Prinzip «Rendite um jeden Preis» übergegangen. Brüggler springt mit seinen Mitarbeitern offensichtlich ganz und gar nicht zimperlich um, wie auch die Anklageschrift deutlich macht.

Immer wieder Brände und Explosionen

Er habe persönlich angeordnet, 15 statt wie bisher nur 7 Tonnen Abfall pro Stunde in den Ofen zu schieben, erinnert sich jemand. Was vorne als Sondermüll hereingeschoben wird, kommt hinten als Sondermüll heraus. Der Ofenaustrag kann nicht, wie im Geschäftsplan vorgesehen, als Baumaterial verwendet, sondern muss auf kostenpflichtige Deponien verfrachtet werden. Dafür aber fehlt Citron das Geld. Das Material wird auf dem Werkgelände angehäuft. Die Rede ist von 200000 Tonnen und mehr. In den Lagerhallen stapeln sich Alt­batterien und andere gefährliche Kategorien von Sondermüll, die auf eine Verarbeitung warten. Immer wieder kommt es zu technischen Betriebsunterbrüchen – darunter Brände und Explosionen.

Nach dem Grossbrand ergibt die Bestandesaufnahme auf dem Werkgelände das Bild eines «gigantischen Abfalleimers», sagt die Gerichtspräsidentin. Entsorgt ist bis heute erst ein kleiner Teil der riesigen Müllhalde. Die Schätzungen über die Entsorgungskosten reichen von 20 Millionen bis 40 Millionen Euro.

Die Staatsanwaltschaft beantragt drei Jahre Gefängnis für den Haupt­angeklagten – die Maximalstrafe. Das Urteil wird am 21. November gesprochen. Wie auch immer dieses ausfallen wird, in der Affäre Citron haben sich ­viele Parteien die Hände schmutzig gemacht. Unklar ist zunächst, wie das Unternehmen so lange wirtschaften konnte, obwohl die lokalen Umwelt­behörden früh und immer wieder gravierende Mängel festgestellt hatten. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, die Firma habe von höchster Stelle politische Protektion genossen und dank dieser 2007 die Ausbaubewilligung erhalten.

Auch die Schweizer Umweltpolitik machte in Le Havre keine gute Figur. Unter Bezugnahme auf das Basler Abkommen über den internationalen Abfallverkehr liess man die Ausfuhren des helvetischen Sondermülls zu. Auch die Betreiber der Kehrichtverbrennungsanlagen wollten der Realität nicht in die ­Augen sehen, zumal jede andere Lösung als jene mit Citron teurer geworden wäre. So gingen 20000 Tonnen Schweizer Sondermüll pro Jahr über die Grenze in Richtung Le Havre. Die Menge entspricht einer Lastwagenkolonne von über 8 Kilometern Länge.

Im Fall Citron steckt eine zwar triviale, aber offensichtlich nicht selbstverständliche gesellschaftliche Lektion: Wir sind für unseren Abfall selber verantwortlich. Vereinbarungen über den internationalen Abfallhandel sind der Einhaltung dieses Grundsatzes nicht förderlich.


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