Der Troupier

EBIKON ⋅ Thomas Oetterli ist seit einem halben Jahr Chef des Liftkonzerns Schindler. Als CEO marschiere er mit der Truppe mit. Seine Rückkehr aus China war für ihn ein Schock.

17. November 2016, 00:00

Roman Schenkel

roman.schenkel@luzernerzeitung.ch

Wenig hat gefehlt, und Thomas Oetterlis Karriere bei Schindler hätte eine ganz andere Wendung genommen. Als er sich nach Abschluss seines Betriebswirtschaftsstudiums an der Universität ­Zürich als Datatypist in der Finanzabteilung beim Liftkonzern bewarb, landete er zwar in der Endausmarchung. Oet­terli war aber nur zweite Wahl, sein Konkurrent wurde ihm vorgezogen. Dieser entschied sich jedoch für eine andere Stelle, und so kam Oetterli zum Handkuss. Heute, knapp 22 Jahre später, steht der Stadtluzerner an der Spitze des Aufzug- und Rolltreppenkonzerns. «Meinen ersten Chef ziehe ich heute gerne damit auf, dass er den späteren Schindler-CEO einst nicht einstellen wollte», erzählt er lachend.

Schindler-Chef ist Oetterli seit dem 1. April 2016. Überrascht sei er schon gewesen, als das Telefon klingelte und ­Firmenpatron Alfred N. Schindler ihm den Chefposten des Liftkonzerns anbot. Gezögert habe er aber keine Sekun­de. «Für mich gab es keinen Grund für eine Bedenkzeit.» Seit bald 22 Jahren arbeitet Oetterli für den Zentralschweizer Liftkonzern. «Ich war immer zufrieden, ein Wechsel zu einer anderen Firma kam für mich nie in Frage», sagt er.

Über China an die Konzernspitze

Gewechselt hat der 46-Jährige aber innerhalb der Firma. Er hat eine regelrechte Konzernkarriere hinter sich. Stufe für Stufe ist er die Karriereleiter hinaufgeklettert. Ab 2006 übernahm er die Führung stetig grösserer Einheiten: Zunächst die Schweiz, der Markt mit der weltweit grössten Aufzugsdichte überhaupt; dann Europa-Nord und 2013 schliesslich ­China. Oetterli übernahm die Verantwortung für den Markt, in dem heute mehr als die Hälfte weltweit neu installierter Lifte und Fahrtreppen verbaut werden. «In Asien ist für die Liftbranche praktisch ein zweiter Planet entstanden», beschreibt Oetterli das starke Wachstum.

Der Schritt an die Konzernspitze des Zentralschweizer Unternehmens war für Oetterli eine «grosse Ehre». Vor der Grösse habe er schon Respekt. Als Schindler-Chef steht er 58 000 Mitarbeitenden vor. Doch: «Allein bin ich ja nicht», betont Oetterli. Er habe ein gutes Team um sich herum, bestehend aus der Geschäftsleitung, dem Verwaltungsratsausschuss und dem Verwaltungsrat. Oetterli sucht aber gezielt den Kontakt zu den Mitarbeitenden. Er hat im vergangenen halben Jahr zahlreiche Länder­gesellschaften besucht. «Ich bin zwar ein Zahlenmensch, doch Mitarbeiter zu begeistern, sie mitzureissen, das ist eine meiner Stärken», sagt Oetterli. Regelmässig macht er sogenannte Townhallmeetings. Dabei versammle er alle Mitarbeitenden eines Standorts und versuche ihnen aufzuzeigen, welche Ziele er mit ihnen zu erreichen gedenke. «Ich will auch immer hören, was den Mitarbeitenden auf dem Herzen liegt, wo der Schuh drückt», so Oetterli. Dabei könnten alle Fragen gestellt werden. «Es gibt keine Tabus.» Sowieso sieht sich Oetterli als einer von ihnen. «Ich bin kein Chef, der seine Heerscharen vom Hügel aus dirigiert. Ich bin eher ein Troupier. Ich marschiere mit der Truppe mit», sagt der ehemalige Goalie des SC Kriens. 1986 hat Thomas Oetterli unter Spielertrainer Kudi Müller gar in der zweithöchsten Liga gespielt. Noch habe er es seit seiner Rückkehr aber nicht ins Stadion Kleinfeld geschafft.

Wie sein Vorgänger Silvio Napoli, der im kommenden März das Verwaltungsratspräsidium von Alfred N. Schindler übernehmen wird, hat er seine Sporen in Asien abverdient. «Die drei Jahre in Schanghai waren für mich enorm lehrreich», sagt er. «In China ist alles grösser und schneller – das ist gewaltig», sagt Oetterli. Die Rückkehr in die Schweiz sei für ihn ein ziemlicher Schock gewesen. «Es ist, als würde man mit 200 Stundenkilometern auf der Autobahn rasen, voll auf die Bremse stehen und mit 20 Stundenkilometern weiterfahren.» In China hat er im 18. Stock eines Hochhauses in der 25-Millionen-Metropole Schanghai gewohnt, hier lebt er in einem Mehrfamilienhaus in einem Luzerner Vorort mit 10 000 Einwohnern. Auch die Art, Geschäfte zu machen, sei in China ganz anders. «Hier spricht man zuerst über das Geschäft, und erst, wenn es unter Dach und Fach ist, geht man zusammen ­essen», sagt Oetterli. In China sei diese Reihenfolge genau umgekehrt: «Zuerst geht es ums Persönliche, erst dann kommt man ins Geschäft.» Fordernd sei die Zeit in China auch fürs Privatleben gewesen. «Ich war ohne meine Familie in Schanghai», erzählt der dreifache Familienvater. Die geografische Trennung sei nicht einfach gewesen. Erschwerend kam der Zeitunterschied hinzu. «War meine Familie beim Nachtessen, war es bei mir schon Mitternacht», sagt Oet­terli. Er habe versucht, sich möglichst viel mit seiner Familie auszutauschen – per Telefon, Briefen, Sprachnachrichten oder Skype. «Man muss viel in die Kommunikation investieren – auch wenn man manchmal lieber ins Bett gehen würde.» Denn sonst laufe man Gefahr, zu viel vom Leben seiner Familie zu verpassen.

Eine neue Schindler-Familie

Regelmässig habe er via Smartphone mit seiner Familie «am Tisch gesessen», wenn sie beim Morgenessen war. «Bei mir war es dann halt schon früher Nachmittag», so Oetterli. Als Mitglied der Schindler-Konzernleitung sei er aber regelmässig in der Schweiz an Meetings gewesen. «Wenn es ging, bin ich dann etwas länger bei meiner Familie geblieben», sagt er.

Nach einem halben Jahr an der Spitze des Weltkonzerns sei er so richtig angekommen, sagt Oetterli. Der Wechsel von Silvio Napoli sei «reibungslos» verlaufen. Die Mitarbeitenden hätten gemerkt, dass die Kontinuität gewahrt bleibe. Das sei für das Familienunternehmen mit den treuen und loyalen Angestellten zentral – und auch eine der grossen Stärken des Aufzugkonzerns, die auch auf die Familie Oetterli zutrifft. Beide Söhne des Schindler-CEOs arbeiten im Unternehmen. Der eine hat seine Lehre bereits abgeschlossen, der andere ist im letzten Lehrjahr. Auch seine Frau hat 15 Jahre bei Schindler gearbeitet. «Es scheint, es entstehe wieder eine Familie, die Generation für Generation bei Schindler arbeitet», sagt Oetterli. Einzig seine zehnjährige Tochter habe noch kein Interesse am Unternehmen. «Sie schaut mich jeweils aber tadelnd an, wenn wir in einen Lift der Konkurrenz steigen.»

«Ich bin kein Chef, der seine Heerscharen vom Hügel aus dirigiert.»

Thomas Oetterli

CEO Schindler


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