Die Existenzangst geht um in Ägypten

16. November 2016, 00:00

Kairo Ägypten steht unter Schock. Existenzangst lähmt die Menschen, seit die heimische Währung vor zwei Wochen mit einem Schlag um 50 Prozent an Wert verlor (siehe Grafik). Die Preise für Lebensmittel explodieren, immer mehr Waren verschwinden aus den Regalen, bei Medikamenten herrscht bereits Notstand. Tag für Tag muss die Regierung neue Etatlöcher stopfen. Zweieinhalb Jahre nach seiner Wahl scheinen Ex-Feldmarschall Abdel Fatah al-Sisi jetzt die Fäden aus der Hand zu gleiten. Seine Wirtschaftspolitik der Grossprojekte ist gescheitert. Milliarden für die Erweiterung des Suezkanals wurden in den Sand gesetzt. Die mit viel Getöse ausgerufene neue Hauptstadt existiert nur als Fata Morgana. Selbst der kürzlich bewilligte Grosskredit des Internationalen Währungsfonds scheint nur noch ein Tropfen auf dem heissen Stein. Einzig Korruption und Bürokratie wuchern ungehemmt, sodass sich jetzt selbst die reichen Gönner aus den Golfstaaten frustriert abwenden.

Der Riese am Nil wankt. Ägypten droht der soziale und ökonomische Offenbarungseid. Die Hälfte der Menschen ist arm oder bitterarm. Bei bessergestellten Familien wird das Geld ebenfalls knapp, lediglich die dünne Schicht der Superreichen lebt noch unangefochten. Die Bevölkerung, die vor fünf Jahren mit ihrem Arabischen Frühling den ganzen Globus in ihren Bann zog, ist zum stummen und hilflosen Zuschauer des eigenen Niedergangs geworden. Alle nennenswerten politischen Kräfte sind mundtot gemacht. Mahnungen aus dem Westen, das gesamte politische Spektrum am Schicksal der Nation zu beteiligen, werden als blauäugig und naiv abgetan. Die besten Köpfe der demokratischen Jugendbewegung sitzen im Gefängnis. Ausländischen Trägern wird mit flächendeckendem Misstrauen begegnet. Entsprechend dicht bevölkert ist der mentale Kosmos der ägyptischen Machtelite mit Dunkelmännern, internationalen Agenten, apokalyptischen Intrigen und zionistischen Machenschaften. Mit solchen Hirngespinsten im Kopf gibt es natürlich keinen Grund, sich mit dem eigenen Versagen zu konfrontieren und die verbarrikadierte politische Landschaft endlich zu öffnen.

Europa aber duckt sich weg und schweigt. Frankreich spekuliert auf lukrative Waffengeschäfte. Italien schielt auf die Gasfelder. Deutschland lässt sich durch den Mega-Auftrag für Siemens blenden. Vor allem aber starren Berlin, Paris und Rom auf das Flüchtlingsgeschehen im Mittelmeer, wo sich die 90-Millionen-Nation am Nil neben Libyen und der Türkei zu einem weiteren Hotspot entwickelt. Kein Wunder, dass auch der ägyptische Ex-Feldmarschall die Migration als lukratives Gewinnspiel entdeckt. Er ist entschlossen, aus Europas Flüchtlingsangst möglichst viel Kapital zu schlagen. Zudem ist jeder junge Landsmann, der es nach Lampedusa schafft, ein frustrierter, arbeitsloser Untertan weniger.

Obwohl Ägypten inzwischen jeden Cent händeringend braucht, ordnet Brüssel im Umgang mit dem Sisi-Regime alles den Absatzchancen und dem Flüchtlingsthema unter. Kein einziger europäischer Staatschef ist bereit, die jetzigen oder künftigen Finanzhilfen an eine Liberalisierung im Inneren Ägyptens zu knüpfen. Und so kann sich der starke Mann am Nil sicher sein – glasklare Forderungen nach Menschenrechten und Meinungsfreiheit hat er auch weiterhin nicht zu befürchten.

Martin Gehlen, Kairo

wirtschaft@luzernerzeitung.ch


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