Die Personalzeitung hat nicht ausgedient

KOMMUNIKATION ⋅ In den letzten Jahren haben einige Firmen ihre gedruckte Mitarbeiterzeitschrift eingestellt. Doch die interne Postille ist weiterhin beliebt. Für die Arbeitgeber hat insbesondere die Zustellung nach Hause einen entscheidenden Vorteil.
15. März 2017, 00:00

Maurizio Minetti

maurizio.minetti@luzernerzeitung.ch

Sie heissen «Inform», «Insider» oder «Kontakt»: Mitarbeiterzeitungen haben eine lange Tradition. 1849 erschien die erste Mitarbeiterzeitschrift in den USA. Die erste vergleichbare Publikation in Europa war 1882 das «Werkjournal» eines niederländischen Betriebs. Auch in der Schweiz sind im vergangenen Jahrhundert viele interne Publikationen entstanden – und sie werden heute noch zu Zehntausenden gedruckt.

Das ist insofern erstaunlich, als Mitarbeiterzeitungen wegen der Digitalisierung seit Jahren für tot erklärt werden. In Tat und Wahrheit setzen Schweizer Unternehmen aber nach wie vor auf das gedruckte Papier. Perikom, der Fachverein für Personalmanagement und interne Kommunikation, hat jüngst hundert Unternehmen, die in der Schweiz am meisten Personen beschäftigen, zum Thema befragt. Ergebnis: Auch wenn die Firmen auf digitale Kommunikation setzen (siehe Box), drucken sechs von zehn Unternehmen eine Mitarbeiterpublikation (siehe Grafik). In den meisten Fällen gibt es vier Ausgaben pro Jahr.

People-Geschichten und Hintergrund

Wie ist das zu erklären? Eine Begründung könnte sein, dass in vielen Betrieben noch längst nicht alle Mitarbeiter an einem PC arbeiten. «In der Migros Luzern arbeitet rund die Hälfte der Angestellten in den Filialen», sagt ein Mediensprecher der Migros Luzern. Diese Personen würden nicht oder nur sporadisch auf interne digitale Kommunikations­kanäle wie das Intranet zugreifen, so der Sprecher. Der Detailhändler druckt sein Magazin «Kontakt», das sich an die Mitarbeitenden und Pensionierten der Migros Luzern richtet, seit 1971. Die Auflage beträgt aktuell 7000 bis 8000 Exemplare. Das Magazin erfülle einen «wichtigen Kulturauftrag», weil primär Hintergrundinformationen und weniger News vermittelt werden, so der Sprecher.

Noch mehr Exemplare als die Migros Luzern druckt der Zahnbürstenher- ­steller Trisa. «Mit einer Auflage von 14500 Exemplaren hat die ‹Trisa-Post› mehr Empfänger als jede abonnierte Luzerner Landzeitung», sagt Trisa-Sprecher Othmar Wüest. Die Personalzeitung der Trisa gibt es mittlerweile seit 50 Jahren. Wüest glaubt, dass Hauszeitungen derzeit eine wahre Renaissance erleben: «Mitarbeiterzeitungen nehmen eine wichtige ‹Übersetzungsfunktion› für das Betriebsleben ein – und sie verstärken das Wir-Gefühl.»

Noch etwas älter als die «Trisa-Post» ist die Hauspostille des Stromanbieters CKW. Die erste CKW-Mitarbeiterzeitung erschien 1946, damals initiiert und herausgegeben vom Personalverband (PV). Entsprechend hiess die Zeitschrift «PV-Nachrichten». Seit 1988 nennt sich die Personalzeitschrift der CKW «Blitz». Sie erscheint aktuell dreimal im Jahr in einer Auflage von 2000 Exemplaren. Die Mitarbeiterzeitschrift sei gut etabliert und werde intensiv gelesen, sagt CKW-Sprecher Marcel Schmid.

Einen hohen Stellenwert hat die Mitarbeiterzeitung auch beim Milchverarbeiter Emmi. Die Hauszeitschrift heisst hier «Link», und sie erscheint in einer Auflage von 6750 Exemplaren auf Deutsch und von 1350 Exemplaren auf Englisch. «Wir investieren nach wie vor beträchtliche personelle und finanzielle Ressourcen in diese Publikation», sagt Emmi-Sprecherin Sibylle Umiker. «Die Zeitschrift dient als Informationsträger für Hintergrund- und People-Geschichten.» Überhaupt sind sogenannte weiche Geschichten besonders beliebt: «Die ‹Trisa-Post› übernimmt nicht zuletzt auch eine Unterhaltungsfunktion für allerhand Klatsch und Tratsch», bestätigt Sprecher Othmar Wüest.

Nicht nur Mitarbeiter erreichen

Viele Firmen betonen, dass sie ihre Zeitschriften den Mitarbeitern und Pensionierten nach Hause schicken. «Dadurch erhalten weitere Familienmitglieder die Möglichkeit, sich über die Arbeitgeberin zu informieren», heisst es bei der Migros Luzern. «Die Hauszustellung hat zwei entscheidende Vorteile: Erstens haben unsere Mitarbeitenden vor allem zu Hause Zeit und Musse, um zu lesen. Zweitens erreichen wir so nicht nur unsere Mitarbeitenden, sondern auch deren Angehörige, Freunde und Bekannte», sagt auch Emmi-Sprecherin Sibylle Umiker. Den «Barometer» des Krankenversicherers CSS gibt es seit 1987 – er geht an 4000 Empfänger. CSS-Sprecherin Christina Wettstein: «Mehrere interne Befragungen haben gezeigt, dass unsere Mitarbeitenden es befürworten, das Heft als Printausgabe nach Hause geschickt zu bekommen.»

Ähnlich tönt es bei der Luzerner Kantonalbank (LUKB), die für die Produktion ihres «Inform»-Magazins einen beträchtlichen personellen Aufwand betreibt: «Wir hören oft, dass die Familienangehörigen das Heft bereits gelesen haben, wenn der LUKB-Mitarbeiter oder die LUKB-Mitarbeiterin am Abend zu Hause eintrifft», so LUKB-Sprecher Daniel von Arx. Tatsächlich kann der Inhalt für Externe oft interessanter sein als für die Angestellten selbst. Dadurch kann sich das Unternehmen als attraktiver Arbeitgeber profilieren. Oder wie es Trisa-Sprecher Othmar Wüest formuliert: «Firmenzeitungen interessieren die Leute sehr, weil viele Interna berichtet werden und die Leser sofort Vergleiche mit dem eigenen Arbeitgeber anstellen.»


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