Ein Finanzplatz auf Identitätssuche

TESSIN ⋅ Der Südkanton als dritter Bankenplatz der Schweiz verliert allmählich an Bedeutung. Die Verunsicherung bei den Tessiner Bankangestellten ist gross.
04. Mai 2017, 00:00

Gerhard Lob

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Kurz vor Ostern ist das Siegel BSI verschwunden. An allen Filialen der bisherigen Bank BSI prangt nun das Logo der Zürcher Privatbankengruppe EFG International, die sich de facto die BSI SA ­einverleibt hat. Für den Finanz- und Bankenplatz im Tessin war dies nicht einfach ein simpler Namens- und Schilderwechsel, sondern eine regelrechte Zäsur. Denn die BSI, mit rund 1000 Beschäftigten, war die letzte grosse Bank, die ihren Sitz im Südkanton hatte.

Ihre Ursprünge gehen auf die Banca della Svizzera Italiana zurück, die 1873 in Lugano gegründet wurde und damit die älteste Bank auf der Schweizer Südseite der Alpen war. Doch mit einem aufsehenerregenden Entscheid vom Mai 2016 verfügte die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) wegen Verstosses gegen Geldwäschereivorschriften im Zusammenhang mit der Korruptionsaffäre des malaysischen Staatsfonds 1MDB de facto die Auflösung der BSI SA.

Die Entwicklungen bei der BSI spiegeln sich auch in der Arbeit des Schweizerischen Bankpersonalverbandes (SBPV), der nicht ganz zufällig genau vor einem Jahr ein Regionalsekretariat in Lugano gründete. Es gab im letzten Jahr fast 400 Kontakte von BSI-Angestellten mit dem Personalverband, heisst es. «Das bedeutet, dass wir es fast mit jedem zweiten zu tun hatten», sagte gestern die Regionalverantwortliche Natalia Ferrara im Rahmen eines Treffens mit den Medien in Bellinzona. Es zeige sich, wie gross die Verunsicherung bei den Beschäftigten sei.

Positives Image aufbauen

Dabei ist die Arbeit für den Personalverband keineswegs beendet. Denn mit der EFG wird immer noch an einem Sozialplan getüftelt. Bis zum Jahr 2019 sollen weltweit 100 bis 150 Arbeitsplätze jährlich eingespart werden, davon zwei Drittel in der Schweiz. Immerhin gibt es nun einen Sozialplan. Das ist bei anderen Bankenrestrukturierungen nicht der Fall. So hat etwa die Deutsche Bank ihre Filiale in Lugano ohne Sozialplan geschlossen. Auch bei der Privatbank Notenstein ist laut Natalia Ferrara vom Bankpersonalverband kein Sozialplan vorgesehen. Ihrer Meinung nach leiden heute viele kleine Niederlassungen mit relativ wenigen Mitarbeitern, in denen scheibchenweise abgebaut wird. Sicher ist: Die Boomjahre im Tessiner Bankenwesen sind definitiv vorbei. Gemeint sind damit die Zeiten, als vermögende Italiener viel Geld über die Grenze brachten – häufig nicht deklariertes Vermögen. So stieg Lugano nach Zürich und Genf zum dritten Bankenplatz der Schweiz auf. Als Finanzplatz steht er nach den genannten Städten und Basel immerhin an vierter Stelle. «Eine Rückkehr zu diesen Zeiten wird es nicht geben, wir müssen nach vorne schauen», meint der Tessiner Wirtschafts- und ­Finanzdirektor Christian Vitta (FDP). Ihm ist daran gelegen, nach der Schwarzgeld-Epoche wieder ein positives und professionelles Image des Tessiner Bankenplatzes aufzubauen.

Bedeutende Wertschöpfung pro Arbeitsplatz

Laut einer Erhebung der Tessiner Bankiervereinigung (Associazione Bancaria Ticinese) gingen allein im Jahr 2016 in der Bankenbranche 296 Stellen verloren (–4,2 Prozent). Die Banken beschäftigten noch 6782 Personen. Trotz aller Probleme zeigt sich die Wichtigkeit der Branche nach wie vor im Verhältnis von Bruttoinlandprodukt und Anzahl Beschäftigter, wie eine Studie von BAK Basel zeigt. Die gesamte Finanzbranche, das heisst auch Treuhänder und Finanzdienstleister, beschäftigt im Südkanton mit rund 10000 Personen gerade mal 6 Prozent aller Angestellten, generiert aber 9 Prozent des kantonalen Bruttoinlandprodukts. Die Wertschöpfung pro Arbeitsplatz ist folglich bedeutend.

Betroffen von den jüngsten Entwicklungen ist insbesondere Lugano. «Wenn der Finanzsektor für den Kanton eine Bedeutung von 9 Prozent am BIP hat, sind es für uns wohl 20 Prozent», so ­Michele Foletti (Lega), Stadtrat und Direktor von Luganos Finanzdepartement. Der Schwund der Bankinstitute und ihrer Gewinne spiegelt sich im Steuerertrag der Stadt. Kassierte Lugano 2005 noch 55 Millionen Franken an Steuern von den dort ansässigen Banken, sank der Betrag bis auf 11 Millionen. Zuletzt gab es wieder einen minimen Zuwachs auf 13 Millionen Franken. «Aber wir sind in Sorge um die Arbeitsplätze – vor allem wegen der Digitalisierungstendenzen und der Konzentrationsstrategien der Banken», sagt Foletti.


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