«Es braucht eine Willkommenskultur»

TOURISMUS ⋅ Jüngere Chinesen sind nicht mehr so sehr in Gruppen, sondern auf eigene Faust in Europa unterwegs. Die Schweiz müsse sich anstrengen, sie abzuholen, sagt der China-Kenner Josef Mondl von der Universität St. Gallen.

23. November 2016, 00:00

Interview: Rainer Rickenbach

rainer.rickenbach@luzernerzeitung.ch

Josef Mondl, das Gruppengeschäft mit den chinesischen Touristen schwächelt seit Jahresbeginn in ganz Europa. Handelt es sich um eine vorübergehende Phase, oder zeichnet sich bereits ein Ende des China-Booms ab?

Die Flaute wird vorübergehen. Schon eine Milchbüchleinrechnung macht deutlich, wie enorm gross das Potenzial der Volksrepublik China für die Reisebranche ist: Heute gehören vielleicht etwa 140 Millionen der insgesamt 1,3 Milliarden Chinesen der städtisch geprägten Mittelklasse an, von ihnen hat erst etwa jeder vierte überhaupt einen Reisepass. In den nächsten Jahren kommen rund 230 Millionen Menschen hinzu. Sie können sich Reisen leisten und wollen etwas von der Welt sehen. Natürlich gibt es immer wieder Schwankungen, doch alleine schon durch diese Masse wirkt der Tourismusmarkt China unerschöpflich.

Geringeres Wirtschaftswachstum in China, Angst vor Terroranschlägen in Europa und ein aufwendigeres Visaverfahren: Was ist entscheidend für die aktuell rückläufigen Gästezahlen?

Die Furcht vor Terroranschlägen ist wohl die wichtigste Ursache für die momentane Delle. Die Chinesen buchen Europa-Reisen, und für die meisten von ihnen gelten Frankreich und Paris als Höhepunkt. Die Bilder der Terror­anschläge in der französischen Hauptstadt weckten bei den Chinesen ihre tief verwurzelte Angst vor Chaos. Die Buchungsrückgänge bekommen dann auch die anderen Länder an den Gruppentourismusrouten zu spüren – also auch die Schweiz. Bei den Visa wird sich zeigen müssen, wie es den europäischen Ländern gelingt, die Einreisebewilligungen möglichst ohne grossen Aufwand für die Reisewilligen abzugeben.

Und das langsamere Wirtschaftswachstum?

Die Chinesen verhalten sich so wie alle anderen auch: Wird zum Beispiel das Weihnachtsgeld etwas weniger, geht man nicht mehr so oft auswärts essen oder verzichtet eben für ein Jahr auf eine weite Reise. Es ist übrigens normal, dass die chinesische Wirtschaft langsamer wächst, es ist Ausdruck einer gereiften Wirtschaft. Hat sie einen gewissen Standard erreicht, wächst sie auf höherem Niveau langsamer. Das ist in Europa und Amerika auch so.

China entwickelt sich auch zu einem reifen Reisemarkt. Werden wir künftig mehr individuell Reisende aus dem Reich der Mitte zu Gesicht bekommen?

Mit Sicherheit. Der Gruppentourismus wächst zwar weiter, aber gleichzeitig sind mehr und mehr junge Chinesen mit guten Englischkenntnissen auf eigene Faust unterwegs – meistens in kleinen Gruppen. Es handelt sich um die zweite Reisewelle mit selbstbewussten jüngeren Leuten, die sich mit Reisen auskennen.

Wie unterscheiden sich die indi­viduell reisenden Gäste von den Gruppentouristen aus China?

Sie nutzen die sozialen Medien und günstige Buchungsmöglichkeiten. Sie sind zwar nicht auf Billigferien aus und legen Wert auf Qualität, wollen aber nicht unnötig Geld ausgeben. Vor allem möchten sie etwas erleben, das einzigartig ist und von dem sie zu Hause erzählen können.

Kann die Schweiz auch bei den Individualgästen ihre heute starke Position im Geschäft mit den chinesischen Touristen halten?

Die Schweiz muss ihnen Gründe liefern für einen Besuch. Diese Reisenden kommen nicht einfach hierher, um eine Uhr zu kaufen. Auch die Berge alleine genügen nicht, die gibt es in Kanada auch. Die Jüngeren sind weltgewandt, neugierig, kontaktfreudig und wollen etwas erleben. Sie möchten von den Europäern auch auf Augenhöhe wahrgenommen werden. Denn die Chinesen stammen aus einer der ältesten Kulturen der Geschichte und haben wirtschaftlich in kurzer Zeit zum Westen aufgeholt. Darauf sind sie stolz. Sie verstehen nicht, wenn ihr Land als rückständig wahrgenommen wird. Ihnen ist wichtig, sich willkommen zu fühlen. Von chinesischen Freunden höre ich ab und zu, dass dies heute in Europa nicht der Fall ist. Sie finden, die Wertschätzung für sie sei gering.

Wie müssen sich die Tourismus­anbieter in der Schweiz auf die zweite Reisegeneration einstellen?

Es braucht eine strategische Willkommenskultur für den Reisemarkt China. Ein paar Kurse Chinesisch an der Volkshochschule genügen dafür nicht. Die heutige «Hardware» reicht für den Massentourismus, doch um sich weiterzuentwickeln, braucht es mehr. Ein Paradigmenwechsel ist nötig, denn diese Gäste stammen aus einem ganz anderen Kulturkreis. Ihn zu verstehen, ist notwendig, um den Gästen aus dem Fernen Osten ein Erlebnis anzubieten.

Wie weit ist die Schweiz damit?

Nicht sehr weit. Länder wie Frankreich, Kanada, Australien oder Japan tun viel mehr. Sie organisieren Events, sind in Businessclubs und vor allem in den sozialen Medien präsent. Japan etwa ist es so gelungen, mit Qualitätsreisen zu einer Marke auf dem chinesischen Reisemarkt zu werden. Warum lässt die Schweiz zum Beispiel nicht chinesische Blogger über das Land berichten? Oder warum ernennt die Schweiz nicht eine chinesische Schauspielerin zur Botschafterin für das Reiseland Schweiz? Das fände viel Beachtung. Die Schweiz bringt recht gute Voraussetzungen für den chinesischen Markt mit sich. Dort hat Harmonie einen hohen Stellenwert, und man schätzt geordnete Verhältnisse, ein Land, in dem alles seinen Platz zu haben scheint. Doch diese Vorzüge muss man verkaufen, am besten aus einer chinesischen Perspektive – eben zum Beispiel über einen Blogger aus China.

Welche Chancen gibt es für die Zentralschweiz, die im China- Geschäft gut unterwegs ist?

Ist eine Region klein, kann sie genau das ausspielen. Zu dieser Jahreszeit wäre es eine Idee, ein Weihnachtsfest in den Bergen zu verkaufen – in kleinen Hotels, wo die Gäste sich kennen lernen, und mit einem Weihnachtsmarkt. Für die Chinesen wäre es eine neue Kulturerfahrung, und das ist es genau, was sie suchen.

Hinweis

Josef Mondl (54) ist Direktor des China Competence Center der Universität St. Gallen. Er sprach gestern am Zentralschweizer Tourismustag auf Rigi Staffel. Organisiert haben den Anlass die Hochschule Luzern, Luzern Tourismus und die Hotelfachschule Luzern. Anwesend waren rund 130 Besucher.


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