Konzernumbau bei VW ist überfällig

WOLFSBURG ⋅ Die Rendite bei der Hauptmarke VW ist zu gering, die Zahl der Angestellten hoch, und der Dieselskandal verschluckt Millionen Euros. Jetzt zieht Volkswagen die Schraube an.

19. November 2016, 00:00

Christoph Reichmuth/Berlin

christoph.reichmuth@luzernerzeitung.ch

Die Stimmung in der Belegschaft des Volkswagenkonzerns ist schon länger gedrückt. Seit Bekanntwerden des milliardenteuren Dieselskandals vor über einem Jahr ging im VW-Konzern die Angst vor einem massiven Stellenabbau um. «Die suchen doch nur nach Gründen, um Leute rauszuwerfen. Leid tun mir vor allem jene Kollegen mit Zeitverträgen. Die erwischt es am ehesten», sagte damals ein VW-Mitarbeiter gegenüber unserer Zeitung.

Die Befürchtungen des VW-Arbeiters waren nicht unbegründet. Gestern gab der Konzern bekannt, bis ins Jahr 2020 weltweit 30000 Stellen zu streichen, alleine in Deutschland 23000. Betriebsbedingte Kündigungen soll es keine geben, die Mitarbeiterzahl wird durch natürliche Fluktuation, aber auch auf dem Buckel der Leiharbeiter reduziert. «Die Situation der Marke lässt uns dabei wenig Spielraum», sagte dazu gestern VW-Markenchef Herbert Diess vor der Presse. Der Volkswagen-Konzern mit seinen zwölf Marken beschäftigt weltweit über 620 000 Menschen, mehr als 280000 davon in Deutschland. Die Schweiz, wo es keine VW-Produktionswerke gibt, ist vom Stellenabbau nicht betroffen.

Dieselgate: Auslöser, aber nicht der Grund

Indes: Der längst noch nicht ausgestandene Dieselskandal steht nur bedingt mit der nun eingeleiteten Rosskur in Zusammenhang, sagt der Duisburger Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer gegenüber unserer Zeitung. «Der Skandal um manipulierte Abgaswerte ist der Auslöser des nun beschlossenen Konzernumbaus, nicht aber der Grund.» Dudenhöffer verweist auf die seit Jahren zu geringe Rentabilität bei der Kernmarke VW. Von 100 umgesetzten Euro mit den Marken Golf und Polo bleiben dem Konzern lediglich 1.60 Euro als Gewinn, auf diesen werden noch Steuern und Zinsen erhoben. Anbieter wie Mercedes oder BMW weisen eine Rendite von immerhin 10 Prozent aus. Ausserdem beschäftigt der Konzern nach Ansicht Dudenhöffers viel zu viel Personal. Der Autoexperte sieht ein Missverhältnis, wie er anhand eines Beispiels erläutert: «Toyota baut 10 Millionen Fahrzeuge mit 300000 Beschäftigten, VW 10 Millionen Fahrzeuge mit 600000 Leuten. Da stimmt was nicht.»

Der Konzernumbau bei VW sei schmerzhaft, aber «seit mindestens fünf Jahren überfällig. Insofern war der Dieselskandal gut.» Ohne den milliardenschweren Skandal wäre der notwendige Umbau bei Volkswagen noch länger blockiert worden. «Jetzt haben alle im Konzern verstanden, dass es höchste Zeit für Veränderungen ist, bevor das gesamte Konzernsystem gefährdet wird.»

Es werden auch neue Stellen geschaffen

Der angekündigte Stellenabbau bei Volkswagen ist Teil des gestern vorgestellten Zukunftspaktes. Der Konzern kündigte bereits im Frühsommer an, in Zukunft auf Elektromobilität und Digitalisierung zu setzen. Die Umstellung von Verbrennungsmotoren, die viele Beschäftigte benötigen, auf Elektromotoren führt zu weniger Personalbedarf. Bis ins Jahr 2025 will der Konzern 30 neue Elektromodelle auf den Markt bringen, jährlich sollen 2 bis 3 Millionen Stück verkauft werden. «Wir bauen die gesamte Marke um. Wir machen sie fit für den grossen Wandel in unserer Branche», sagte Diess. Der Konzern müsse rasch gutes Geld verdienen, sagte er und fügte hinzu: «Dieser Pakt ist für Volkswagen ein grosser Schritt nach vorne, sicherlich einer der grössten in der Geschichte des Konzerns.»

Durch den Personalabbau und eine Steigerung der Effizienz in den Arbeitsabläufen sollen mittelfristig pro Jahr rund 3,7 Milliarden Euro eingespart werden. Die VW-Bosse konnten gestern aber auch gute Neuigkeiten verkünden. Durch milliardenschwere Investitionen in die Zukunftstechnik sollen 9000 neue Stellen geschaffen werden. Der Konzern setzt dabei vor allem auf vorhandene Mitarbeiter. Der Stellenabbau alleine in Deutschland könnte damit effektiv geringer ausfallen als die nun im Raum stehenden 23000 Arbeitsplätze. «Das könnte unter dem Strich bis zu 14000 Arbeitsplätze weniger bedeuten», rechnete Betriebsratschef Bernd Osterloh vor. Für die VW-Mitarbeiter gibt es bis mindestens 2025 eine Jobgarantie, das Management hat sich darauf verpflichtet, bis dahin keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen. Laut Osterloh müssten sich die Mitarbeiter der Stammbelegschaft nicht mehr um ihre Zukunft sorgen. «Das sind neun Jahre ohne Angst um den Arbeitsplatz.»


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