Lernfähiger Roboter als Stargast

LUZERN ⋅ An der Messe «Zukunft Alter» ist ein Roboter zu sehen, der sich Gegenstände und Erfahrungen merken kann. Stösst er auf etwas Unbekanntes, ist er neugierig wie ein Kleinkind.

11. November 2016, 00:00

Rainer Rickenbach

rainer.rickenbach@luzernerzeitung.ch

Er ist 1,25 Meter gross, wiegt rund 16 Kilogramm und würde in jedem Spielfilm mit kleinwüchsigen ausserirdischen Wesen in der Hauptrolle eine gute Figur abgeben. Die Rede ist von Roboter Myon, dem Stargast an der diesjährigen Ausstellung «Zukunft Alter» in der Messe Luzern (siehe Kasten). Entwickelt hat ihn das Forschungslabor Neurobotik der Beuth Hochschule für Technik in Berlin.

Myon ist mit seinen zwei Beinen, zwei Armen, dem Torso und dem Kopf samt Kamera, die den Eindruck eines Auges vermittelt, dem menschlichen Körper nachempfunden. Es handelt sich um den ersten sogenannten humanoiden Roboter, dessen Körperteile während seines Betriebes abgenommen und wieder angebracht werden können. Das Spezielle am humanoiden Roboter ist aber seine künstliche Intelligenz. Er ist in der Lage, Eindrücke von aussen abzuspeichern, und nimmt auch Vorgänge in seinem Körper wahr – etwa die Temperatur seiner Motoren oder wie viel Energie in den Akkus vorhanden ist. «Myon kann verschiedene Objekte voneinander unterscheiden und sich neue Objekte merken», sagt Professor Manfred Hild, der das zehnköpfige Forschungsteam des Forschungslabors Neurobotik leitet.

Myon studiert Unbekanntes

Myon ist ein Forschungsobjekt. Sein Auftritt an der Altersmesse erklärt sich nicht mit seiner Fähigkeit, Senioren das Alltagsleben mit Dienstleistungen wie Putzen zu erleichtern. Denn er ist nicht als Hilfsroboter konzipiert, wie sie in Spitälern oder Heimen getestet werden. «Wir verwenden Myon als Werkzeug, um unsere Hypothesen und Fragestellung zum Thema Intelligenz zu testen und zu untersuchen», sagt Hild.

Dabei ist das Forschungsteam schon ziemlich weit gekommen. Diesen Eindruck vermittelt das zusammensetzbare Wesen jedenfalls, wenn es an Dinge gerät, die noch nicht auf der integrierten Speicherkarte vorkommen. Hild: «Wenn Myon etwas bereits kennt, schaut er nur kurz hin. Etwas Ungewohntes studiert er aber so lange, bis es langweilig wird.» Das Verhalten des Roboters ähnelt also dem eines Kleinkindes.

Doch das menschliche Antlitz täuscht. So weit ist die Forschung noch lange nicht. «Dass er beispielsweise bei älteren Menschen zu Hause wohnt und wenn nötig um Hilfe ruft oder Fragen beantwortet, könnte eines der Ziele sein», erklärt Hild. Sozusagen als bessere Schnittstelle zum Menschen hält er den Roboter durchaus für vorstellbar, denn Handys seien oft klein und für Betagte schwierig zu bedienen. «Bis es so weit ist, gehen allerdings noch viele Jahre ins Land, denn ein richtiges Sprachverständnis können Roboter erst entwickeln, wenn sie selbst schon viele Jahre Erfahrung hinter sich haben – und das gibt es weltweit noch nicht», so Heid. «Myon speichert immerhin schon seit zwei Jahren seine Eindrücke, aber er braucht noch viel Zeit.»

Noch weit von der Entwicklung in Serie entfernt

Aus Japan erreichen immer wieder Nachrichten und TV-Bilder den Rest der Welt, in denen Entwicklungsarbeiten geschildert werden, an deren Ende Roboter in der Betreuungsarbeit wahre Wunder vollbringen sollen. Der deutsche Forscher ist skeptisch: «Solche Experimente wurden zwar gemacht und publiziert. Es gibt aber noch keine serienreifen Roboter, die regulär eingesetzt werden.» Der Technologiekonzern Sony zum Beispiel habe sich aus der humanoiden Robotik zurückgezogen, weil damit noch kein Geld zu verdienen sei.

Die Kosten für ein solches komplexes Produkt veranschlagt Hild auf 100000 bis über 200000 Euro. «Allein schon daher sind wir noch weit von Serienanwendungen entfernt», sagt er. Kommt hinzu, dass die Wartung der humanoiden Roboter zeitlich und finanziell sehr aufwendig ist. Hild: «Wir haben zwar Myon deutlich kostengünstiger hinbekommen, die einzelnen Bauteile kosten weniger als 20000 Euro. Aber solche Systeme müssen wöchentlich gewartet werden, das kostet Zeit und Geld. Der Mensch ist so schnell nicht ersetzbar.» Immerhin: Solange es keine Serienproduktion gibt, bekommen die Besucher der Messe «Zukunft Alter» in Zukunft mit Myon etwas Einzigartiges zu sehen.


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