Mehr Kinos trotz weniger Besucher

KINOLANDSCHAFT ⋅ Obwohl Schweizer Kinos 2016 wieder einen Besucherrückgang verzeichnet haben, werden in der Zentralschweiz viele neue Kinosäle eröffnet. Was wie ein Widerspruch klinge, sei eigentlich gar keiner, sagt ein Experte.
18. März 2017, 00:00

Federico Gagliano

federico.gagliano@luzernerzeitung.ch

2016 war kein gutes Jahr für das Kino. Nach einem starken Vorjahr gingen die Besucherzahlen in der Schweiz letztes Jahr zurück. Mit insgesamt rund 13,7 Millionen Besuchern gingen laut dem Branchendienst Procinema rund 7 Prozent weniger Leute ins Kino als 2015. Der Jahresumsatz ging auf 207,9 Millionen Franken zurück, ein Minus von rund 9 Prozent. Die Rückgänge machten sich vor allem in der deutschen Schweiz (–8,4 Prozent) und im Tessin (–13,5 Prozent) besonders bemerkbar, die Westschweiz konnte das Ergebnis von 2015 halten (–0,7 Prozent). Auch die Stadt Luzern war vom Rückgang betroffen: Fast 12 Prozent weniger Besucher gingen hier 2016 ins Kino. Luzern macht knapp 5 Prozent der Gesamtbesucherzahl in der Schweiz aus und liegt damit auf Platz fünf der grössten Schweizer Kinostädte. Weit vorne liegt Luzern auch beim Rückgang. Müssen Kinobesitzer jetzt zittern? Anscheinend nicht: Luzern erhält in naher Zukunft 18 neue Leinwände. Im November eröffnen zwölf Säle von Kinobetreiber Pathé in der Mall of Switzerland in Ebikon ihre Pforten (siehe Box).

Zusätzlich plant das Kino Maxx, die bestehenden acht Säle durch sechs neue zu ergänzen. Noch sei es aber zu früh, um ein festes Datum zu kommunizieren, heisst es auf Anfrage bei der Maxx-Betreiberin Kitag. Auch in Stans und Sarnen wird das Angebot erweitert. Das Kino in Sarnen soll um einen zweiten Saal erweitert werden, in Stans ist ein neues Kino mit zwei bis drei Sälen geplant. Trotz Besucherrückgang in neue Säle investieren – widerspricht sich das nicht? «Nein», sagt der Luzerner Filmexperte Philipp Portmann. «Die Kinos haben wegen der immer früheren DVD-, Blu-Ray- und Video-on-Demand-Neuerscheinungen ein immer kürzeres Auswertungsfenster für die neuen Filme. Also müssen sie an den ersten zwei bis drei Wochenenden möglichst viele Leute bedienen können. Das geht nur, wenn ein Film in mehreren Sälen gleichzeitig läuft», erklärt er. Ausserdem erscheinen neue Filme in höherer Kadenz. Durch mehr Säle wird vermieden, gute Filme aus dem Programm zu werfen, um für neue Platz zu machen.

Filmqualität liess 2016 zu wünschen übrig

Der Besucherrückgang wird nicht ignoriert – allerdings können die Kinobesitzer nicht viel daran ändern. Einerseits litten die Besucherzahlen unter der Fussball-Europameisterschaft (siehe Grafik). Brian Jones, Ex-CEO von Pathé Suisse, gestand bei einem Podium im Neubad Ende Januar, dass es 2016 «weniger gute» Blockbuster gegeben hatte. Auch Portmann teilt diese Meinung: «Es war kein guter Jahrgang. Grosse Filme wie ‹Alice 2›, ‹Independence Day› und ‹Inferno› blieben weit hinter den Erwartungen.» Dieses Jahr setzen Kinobesitzer auf Fortsetzungen von bewährten Kassenschlagern wie «Fast & Furios», «Pirates Of The Caribbean» oder «Star Wars».

Trotzdem müssten sich die Kinobesitzer mehr Mühe geben, meint Portmann. Der letztes Jahr neueingeführte Tag des Kinos habe zwar bewiesen, dass das Kino noch immer sehr beliebt sei: «Es muss aber mehr für das Kino selbst und die dort gezeigten Filme geworben werden. In der heutigen Informationsflut und Schnelllebigkeit müssen die Menschen besser und vor allem zielsicher informiert werden.» Ausserdem sei das TV- und Video-on-Demand-Angebot immer besser. Die Konkurrenzsituation, die durch die Mall of Switzerland entsteht, sieht Portmann als positive Entwicklung: «Es entsteht ein Wettbewerb unter den Kinobetreibern. Das wird für den Konsumenten gute Auswirkungen auf Preis, Angebot und Service haben.»

Nicht alle Luzerner Kinos litten 2016 unter Besucherrückgang: Das Bourbaki schwimmt mit einer Zunahme von 8 Prozent gegen den Strom. Für Frank Braun, Co-Geschäftsleiter beim Bourbaki-Besitzer Neugass Kino AG, stellt sich deshalb nicht die Frage, wie man mehr Zuschauer anlockt, sondern, wie man sie behält: «Wetter und Konkurrenzangebot können wir nicht beeinflussen. Wir werden deshalb weiter auf unsere Stärken setzen: sorgfältig zusammengesetztes, qualitativ hochstehendes Filmangebot, Filme in Originalversion und ohne Pausenunterbrechung, guter Service und Komfort, modernste Vorführbedingungen, gastfreundliche Atmosphäre und so weiter.»

Ein Film hat sicherlich viel zu Bourbakis Erfolg beigetragen: Mit dem lokal produzierten «Heidi» hatte das Kino letztes Jahr den meistbesuchten Film in Luzern im Programm (siehe Tabelle). Die Konkurrenz aus Ebikon nimmt man nicht als Bedrohung wahr. Pathé hat zwar angekündigt, ebenfalls Arthouse-Filme (Autorenfilme) und Originalfassungen ins Programm aufzunehmen, allerdings nur als Test. Sollte das Publikum darauf nicht positiv reagieren, werden nur synchronisierte Fassungen gezeigt.


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