Mehr Schweizer Holz, bitte!

HOLZBAUBRANCHE ⋅ Am Wald hängen viele Arbeitsplätze. Die heimische Holzindustrie steht aber unter starkem Kostendruck, denn Importe sind billiger als Schweizer Produkte. Nun plant der Bund grössere Erntemengen in den nächsten Jahren.

29. November 2016, 00:00

Andreas Lorenz-Meyer

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Der Wert des Schweizer Waldes ist schwer zu beziffern. Es sind aber sicher mehrere Milliarden Franken Wertschöpfung pro Jahr. Diese setzt sich aus ganz verschiedenen Leistungen zusammen: Artenvielfalt, Klimaschutz, Schutz vor Naturgefahren, Erholung. Und natürlich das Holz, das im Wald wächst. Man stelle sich vor, viereinhalb Fussballstadien von der Grösse des St.-Jakob-Parks in Basel würden bis unters Tribünendach mit Holz gefüllt. Das entspricht in etwa der Schweizer Holzernte 2015, die um die 4,6 Millionen Kubikmeter betragen hat. Die Ernten bringen den Forstbetrieben durchschnittliche Jahreseinnahmen von rund 400 Millionen Franken, Privatwald nicht eingerechnet. Der Produktionswert der Schweizer Forstwirtschaft im Jahr 2013: 884 Millionen Franken.

Da ist durchaus noch mehr drin. «Wir gehen zurzeit von 70 bis 80 Prozent der möglichen Holznutzung aus», sagt Rolf Manser, Chef der Abteilung Wald im Bundesamt für Umwelt. Das revidierte Waldgesetz, das 2017 in Kraft tritt, sieht entsprechend eine stärkere Nutzung heimischen Holzes vor. Der Zielwert der Waldpolitik 2020: 8,2 Millionen Kubikmeter Holz als jährliche Erntemenge. Also mehr als acht Stadien mit Holz gefüllt. Jedoch könnten die Marktbedingungen besser sein. Der schwache Euro erschwere die Nutzung des gesamten Potenzials massiv, so Manser. Die Holzimporte sind stark gestiegen (Ausgabe vom 21. November).

Bei Rohholz, Altholz und Altpapier beträgt der Anteil rund 10 Prozent. Zählt man noch Papier, Karton und Fertigprodukte wie Möbel dazu, sind es 60 Prozent. Als Industriegut darf Holz keinen Importbeschränkungen unterliegen. Es kann zollfrei eingeführt werden. «Die Wald- und Holzbranche muss daher mit einem enormen Druck auf die Kosten umgehen», so Melanie Brunner, Geschäftsführerin von Proholz Lignum Luzern. Die Bearbeitung von Holz benötigt trotz Rationalisierung noch immer viel Personal. Daher können viele Holzprodukte günstiger aus dem Ausland importiert werden. Die grösste Herausforderung sieht Brunner darin, gegenüber den Importen konkurrenzfähig zu bleiben. Mehr Schweizer Holz an den Kunden bringen, so die Vorgabe.

Beim neuen Feuerwehr- und Werkhofgebäude Eichenspes in Kriens ist das vorbildlich umgesetzt. 1347 Kubikmeter Schweizer Holz hat man hier verarbeitet, 85 Prozent der Gesamt­holzmenge. Dafür bekam der Bau die Auszeichnung «Herkunftszeichen Schweizer Holz» der Lignum, des Verbands der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft. Über 300 Firmen in der ganzen Schweiz dürfen das rote Label mittlerweile tragen. Zwar führen es erst relativ wenige Holzbauer und Schreiner. Doch Kunden, Bauherren und Einrichter interessieren sich zunehmend für die Holzherkunft. Brunner: «Wer nachhaltige Produkte und Regionales schätzt, fragt auch bei seinem Haus und seinen Möbeln, woher der Rohstoff kommt und wo die Wertschöpfung erfolgt.»

«FSC und Herkunftszeichen sind nicht das Gleiche»

Das Herkunftszeichen ziert viele Produkte: Energieholz, Kinderspielzeug, Holzmöbel, Gartengeräte, das Gebälk von Mehrzweckhallen. Den Bekanntheitsgrad des FSC-Labels hat es noch nicht. Kein Wunder: Forest Stewardship Council gibt es schon seit Jahrzehnten, das Schweizer Siegel erst seit 2010. «FSC und Herkunftszeichen sind auch nicht das Gleiche», ergänzt Brunner. Schweizer Holz garantiert, dass das Material aus dem hiesigen Wald kommt. Dieser werde gemäss Schweizer Waldgesetz absolut nachhaltig bewirtschaftet. FSC steht dagegen für eine umwelt- und sozialverträgliche Waldbewirtschaftung irgendwo auf der Welt. Es sagt nichts über die Holzherkunft aus. Brunner hält es jedoch für entscheidend, woher das Holz kommt, sofern die Voraussetzung nachhaltiger Waldwirtschaft erfüllt ist. Bei hiesigem Holz sind die Transportwege kurz, was die darin enthaltene graue Energie reduziert. Der Begriff bezeichnet die Energie, die für die Herstellung von Gütern und für deren Transport benötigt wird. Holz aus Schweizer Wäldern schafft zudem Arbeit und Verdienst im Land, auch ausserhalb der Zentren. Holz, einer der ältesten Baustoffe überhaupt, eignet sich mittlerweile nicht mehr nur für Einfamilienhäuser. Immer häufiger setzt man es auch bei mehrgeschossigen Wohn- und Gewerbehäusern mit bis zu acht Vollgeschossen ein. Das hat mit den technischen Fortschritten zu tun. Die Vorfertigung der Holzelemente im Werk läuft dank Computersteuerung mit enormer Präzision ab. So könne schneller und damit kostengünstiger produziert werden, erklärt Martin Etter von Holzbau Schweiz. Und die Schnittstellen zwischen Planung und Produktion sind effizienter geworden. Marktchancen bieten seit 2015 auch die neuen Brandschutzbestimmungen. Diese behandeln das Bauen mit Holz genau wie den Massivbau: Nicht die Brennbarkeit des Materials, sondern das Erreichen der erforderlichen Brandwiderstandsdauer ist massgebend.

Holzbau spielt auch bei der Klima- und Energiepolitik eine Rolle. Der Schweizer Gebäudepark verursacht etwa 40 Prozent der CO2-Emissionen in der Schweiz, besonders durch fossile Heizsysteme. Zu deren Reduzierung trägt die Holzbauweise eine Menge bei. Denn der Wald übernimmt hier die «Produktion» des Baustoffs. Es fällt dadurch viel weniger graue Energie an als bei herkömmlichen Materialien wie Beton.

Im Vergleich zu anderen Baustoffen ist Holz auch sehr leicht. Das bringt Vorteile bei Modernisierungen und Aufstockungen, so Etter. Mit vergleichsweise wenig Aufwand lässt sich ein Attikageschoss oder ein Büroraum auf ein bestehendes Gebäude setzen oder ein Wohnhaus mit einem zusätzlichen Raum ergänzen. Wählt man Holz, müssen in der Regel auch die Fundamente nicht verstärkt werden.

Markt stagniert seit 2013

Die Marktlage bei An- und Umbauten ist entsprechend gut. Der Holzanteil in der Tragkonstruktion betrug im Jahr 2014 bei Einfamilienhäusern 30,8 Prozent (2010: 22,5). Bei Mehrfamilienhäusern waren es 28,4 Prozent gegenüber 25,6 im Jahr 2010. Zwar stagniert der Markt seit 2013. Andererseits habe die Holzbaubranche in den letzten zehn Jahren etwa 5000 Vollzeitstellen geschaffen, betont Etter. Im Verhältnis zur Gesamtbeschäftigtenzahl von 18500 eine bemerkenswerte Dynamik.

Sowohl bei Neubauten als auch bei An- und Umbauten gebe es noch beträchtliches Potenzial. Das soll ganz ohne Einbussen bei der Bauqualität erschlossen werden. Etter: «Wir wollen nicht nur eine Volumenentwicklung, wir wollen Investoren und Bauherren auch die nötige Investitionssicherheit bei grossen, mehrgeschossigen Bauvor­haben garantieren. Dafür braucht es betriebliche Strukturen und Know-how. Für deren Aufbau nehmen wir uns bewusst die nötige Zeit.»


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