So lockt Irans Milliardenmarkt

ZENTRALSCHWEIZ ⋅ Einige Firmen aus der Region wittern nach der Öffnung des Irans grosse Chancen. Doch der Weg ist steinig.

20. Januar 2016, 00:00

Livio Brandenberg

Es herrscht Aufbruchstimmung. Die weltweiten wirtschaftlichen Sanktionen gegen den Iran sind am vergangenen Wochenende gefallen. Fast zehn Jahre war das Land wegen seines Atomprogramms vom internationalen Handel praktisch ausgeschlossen.

Viele Experten und Firmen sehen im Iran mit seinen knapp 80 Millionen Einwohnern einen Millionen-, wenn nicht einen Milliardenmarkt, der sich nun öffnet. «Man geht davon aus, dass der Iran einer der grössten nicht erschlossenen Märkte weltweit ist», sagt Suhail El Obeid, Regionalexperte bei der Schweizer Exportförderungsorganisation Switzerland Global Enterprise. Der Iran sei «zu grossen Teilen industrialisiert», sagt El Obeid, «doch die Maschinen der Industrie sind stark veraltet, sie stammen teilweise noch aus den Sechzigerjahren.»

Exporte diversifizieren

Deshalb schätzen viele Schweizer Wirtschaftsvertreter, dass die Exporte in den Iran in den kommenden Jahren massiv zunehmen werden. Grosses Potenzial sieht auch Felix Howald, Direktor der Zentralschweizer Industrie- und Handelskammer (IHZ): «Wir sehen die Öffnung Irans auch als Chance für Zentralschweizer Firmen, ihre Exporte zu diversifizieren: Weg vom Euro, weg von China, hin zu neuen Märkten», so Howald.

Von den grossen Zentralschweizer Unternehmen haben einige bereits entschieden, ihr Tätigkeitsfeld auf das Land in Vorderasien auszuweiten. Andere sind sogar schon daran, ihre Geschäftsbeziehungen im Iran zu reaktivieren. So zum Beispiel die CPH Chemie+Papier in Perlen: «Wir haben bereits erste Gespräche geführt, um die Geschäftsbeziehungen im Iran wieder aufzunehmen», sagt CPH-Sprecher Christian Weber auf Anfrage. Die Zeochem AG, eine Tochtergesellschaft der CPH Chemie+Papier, habe bis zum Inkrafttreten der Sanktionen 2007 vor allem Molekularsiebe für die iranische Erdgasindustrie geliefert, erklärt Christian Weber. Diese Molekularsiebe dienen zur Reinigung von Erdgas.

Industrie sieht grosses Potenzial

Klar äussert sich auch Marco Knuchel vom Dierikoner Kabelspezialist Komax: «Ja, wir haben vor, in Zukunft Geschäftsbeziehungen im Iran wieder aufzunehmen», sagt er. Komax sieht laut Knuchel vor allem in der Automobilindustrie Potenzial. Komax hatte schon vor dem Wirtschaftsembargo im Iran geschäftet.

Der Urner Industriekomponentenzulieferer Dätwyler will ebenfalls wieder im Iran Fuss fassen, wie Kommunikationschef Guido Unternährer sagt. «Dätwyler hat vor den Sanktionen Dichtprofile für den Tunnelbau in den Iran geliefert», so Unternährer. Diese könnten laut dem Dätwyler-Sprecher nach der Aufhebung der Wirtschaftsblockade wieder gefragt sein: «Zudem werden wir prüfen, ob es in der iranischen Automobil- und Gesundheitsindustrie Interessenten für unsere Dichtungskomponenten gibt.»

Gleich tönt es bei Metall Zug. Man sei mit verschiedenen Bereichen – etwa mit Halb- und Vollautomaten für die Kabelverarbeitung – schon im Iran tätig gewesen, sagt Thomas Lötscher, Chef der Kommunikationsabteilung. «Zusätzlich zu den bereits im Iran tätigen Bereichen prüfen wir nun auch, mit der Einheit Haushaltsapparate diesen Markt zu erschliessen», sagt Lötscher weiter. Hier stehe das Premiumsegment für Küchen und Waschräume im Vordergrund. Der Milliardenmarkt Irans lockt auch den Stahlkonzern Schmolz+Bickenbach. Chefsprecher Ulrich Steiner sagt auf Anfrage: «Wir werden unsere Aktivitäten im Iran sicherlich wieder aufnehmen und prüfen zurzeit, wie wir den Markt adressieren wollen.» Eine Möglichkeit sei, eine lokale Präsenz im Iran aufzubauen, so Steiner. Für Schmolz+Bickenbach sind laut Steiner in erster Linie die Geschäftsfelder Öl, Gas, Automobil und die Maschinenindustrie interessant.

Abwarten und beobachten

Doch nicht alle grösseren Zentralschweizer Firmen sind euphorisch, was die neuen Möglichkeiten im Osten angeht. So will beispielsweise Jérôme Zbinden von den Pilatus-Flugzeugwerken die Frage, ob man vorhabe, im Iran Geschäfte aufzugleisen, nicht beantworten. Es sei noch «zu früh, um handfeste Einschätzungen zu treffen», so Zbinden.

Auch der grösste Milchverarbeiter der Schweiz, Emmi, äussert sich vorsichtig: «Derzeit exportieren wir noch keine Produkte in den Iran», sagt Emmi-Sprecherin Sibylle Umiker. Insbesondere die jungen Iraner seien grundsätzlich offen für westliche Lebensmittel, daher bestünde wohl ein gewisses Potenzial, so Umiker. Doch die Herausforderungen – etwa in der Logistik – dürften nicht unterschätzt werden. Man beobachte die Entwicklungen im Iran wachsam, sagt Umiker. Entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung Irans wird sein, wie schnell das Land dem Finanzsektor wieder zugänglich sein wird. Für Schweizer Banken ist es etwa nach wie vor nicht möglich, Zahlungen in den Iran zu tätigen oder vom Iran zu empfangen. US-Behörden führen nach wie vor «schwarze Listen», die den freien Zahlungsverkehr mit iranischen Banken verbieten oder einschränken. Schweizer Banken halten sich an die amerikanischen Vorgaben – auch wenn das Staatssekretariat für Wirtschaft Transaktionen grundsätzlich erlauben würde. Die komplette Öffnung des Riesenmarktes dürfte also noch ein paar Jahre dauern.


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