Unternehmer denken an Stellenausbau

ARBEITSMARKT ⋅ Zum ersten Mal seit dem Frankenschock wollen die Unternehmen wieder mehr neue Stellen schaffen, statt abzubauen. Die ins Ausland verlagerten Arbeitsplätze bleiben für die Schweiz aber wohl verloren.
05. Mai 2017, 00:00

Rainer Rickenbach

rainer.rickenbach@luzernerzeitung.ch

Es hört sich nach einer Trendumkehr an: Die meisten Firmen haben keine Pläne mehr zu Personalabbau in der Schweiz in den Schubladen. Vielmehr gibt es Ausbaupläne. Die bekennenden Abbauer sind in der Minderheit – zum ersten Mal seit Herbst 2014 und erst recht, seitdem die Nationalbank im darauffolgenden Januar den Euro-Mindestkurs fallenliess. «Die Ausbaupläne bei der Beschäftigung sind breiter abgestützt als auch schon, sie umfassen fast alle wichtigen Branchen», sagt Michael Siegenthaler, Arbeitsmarktexperte bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF).

Die Erkenntnis, dass es mit dem Arbeitsmarkt bald wieder aufwärtsgeht, bezieht Siegenthaler aus einer KOF-Umfrage vom April bei 4500 Schweizer Unternehmen aus der Privatwirtschaft. Das Ergebnis setzt die KOF jeweils im Beschäftigungsbarometer in Zahlen um, die bessere Vergleiche zulassen. Der April-Indikator steht mit 1,4 Punkten zum ersten Mal seit drei Jahren wieder im Plus.

Seit 2015 gingen knapp 17000 Industrie-Stellen verloren

Erfreulich entwickelten sich nebst dem Dienstleistungssektor auch die Beschäftigungsaussichten für das Gastgewerbe und die Industrie, heisst es in der KOF-Mitteilung. Im Baugewerbe stieg der Indikator auf einen Wert, den er zuletzt Mitte 2014 erreicht hatte. Das Gleiche gilt für die Industrie. Ihr Indikator war zwar im April immer noch negativ. Doch die Stimmung ist gemäss KOF auch dort so gut wie seit dem Frankenschock nicht mehr. «Das macht deutlich, wie sich die Geschäftslage im verarbeitenden Gewerbe verbessert hat. Die Unternehmen planen, neues Personal anzustellen, oder fassen zumindest keinen weiteren Stellenabbau ins Auge», sagt Siegenthaler.

Die sich abzeichnende Trendumkehr auf dem Beschäftigungsmarkt ist nötig, denn der Frankenschock hat in der Industrie eine Schneise der Verwüstung hinterlassen: In den letzten zwei Jahren gingen in diesem Sektor 17 000 Vollzeitstellen verloren. In der Arbeitslosenstatistik (siehe Grafik) findet diese Entwicklung erst mit Verzögerung Niederschlag. Kommt hinzu: Ein Teil der Arbeitslosen taucht nach eineinhalb Jahren in den Statistiken nicht mehr auf, auch wenn sie keine neue Stelle gefunden haben. «Trotz der deutlich besseren Stimmung besteht kein Grund zur Euphorie. Doch wir rechnen zumindest damit, dass der Stellen-Aderlass in der Industrie zum Stillstand kommt», sagt Siegenthaler. Wenn ein schöner Teil der Unternehmen heute im Sinn hat, morgen neue Stellen zu schaffen, dürfte sich das in drei bis sechs Monaten auf dem Arbeitsmarkt auswirken. Im Sommer, spätestens aber für den Herbst rechnet man bei der KOF mit mehr Stellenangeboten und sinkenden Arbeitslosenzahlen. Die Konjunkturforschungsstelle sagt für 2017 eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von 3,3 Prozent voraus. Von einem Aufschwung profitieren vor allem die jungen Arbeitskräfte. Älteren Stellensuchenden kommt er weniger zugute. Siegenthaler: «Immerhin werden in einer Wachstumsphase auch die Arbeitsplätze von langjährigen Mitarbeitenden sicherer.»

Anlass zur Zuversicht schöpfen die Unternehmer aus den Konjunkturaussichten. In Europa, in den USA und in China zeichnet sich ein Wachstum ab. Für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft, die jeden zweiten Franken im Ausland verdient, bringt die Aufhellung am Konjunkturhimmel Aufträge mit sich. Siegenthaler: «Bei vielen Firmen sind die Auftragsbücher wieder voll, bei anderen sind gute Geschäfte zumindest in greifbarer Nähe. Wenn der Export auf Touren kommt, verleiht er der Binnenwirtschaft mit der Verzögerung von einem halben Jahr Impulse.» Auch wenn es im Sommer wieder aufwärtsgeht – der starke Franken hat den Schweizer Arbeitsmarkt nachhaltig verändert. Denn die in der Industrie abgebauten Stellen bleiben verloren. Ein Teil von ihnen wurde ins Ausland verlagert. «Es war schon in früheren Wirtschaftskrisen so: Ins Ausland verlegte Arbeitsplätze holen die Firmen nicht in die Schweiz zurück, wenn es wieder besser läuft», so Siegenthaler.

Der Beschäftigungseffekt kann gemäss Siegenthaler aber indirekt sein. Die günstigeren Produktionskosten im Ausland tun der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gut, die bei günstiger Konjunkturlage darum wachsen können. «Das Wachstum schafft auch in der Schweiz wieder Arbeitsplätze. Allerdings nicht mehr in der Produktion, sondern eher in der IT-Branche, bei Kommunikationsberufen, Arbeiten mit Kundenkontakten, im Marketing oder in der Verwaltung», erklärt Siegenthaler. Die Entwicklung weg von den Arbeiterstellen und hin zu Bürojobs beschleunigt sich weiter.


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