Vorhang auf per Mausklick

START-UP ⋅ Zwei Jungunternehmer aus Zug verkaufen Vorhänge im Internet. Damit haben sie nicht nur eine Marktlücke entdeckt, sie gehen beim Geschäftsaufbau auch unkonventionelle Wege.
11. März 2017, 00:00

Ernst Meier

ernst.meier@zugerzeitung.ch

Manchmal sind es ganz gewöhnliche Dinge im Alltag oder ein glücklicher Zufall, die Menschen inspirieren und ihnen neue Ideen aufzeigen. So beginnt auch die folgende noch junge Firmengeschichte. Simon Stöckli – 38 Jahre jung, glücklich verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern – hat öfter den Wohnort gewechselt. Dabei brauchte er jeweils neue Vorhänge. «Als Webdesigner bin ich mich gewohnt, im Internet nach Lösungen zu suchen und online einzukaufen», sagt Simon Stöckli. Entsprechend habe er in den Weiten des World Wide Web nach Vorhängen gesurft. «Ich habe jedoch nichts wirklich Schlaues gefunden», erzählt er mit einem Schmunzeln. Die Geschäftsidee war damit geboren. Trotzdem dauerte es noch mal sechs Jahre, bis die ersten Vorhänge über den «Online-Ladentisch» gingen, denn vorerst blieb es bei der Idee.

Es brauchte einen weiteren glücklichen Zufall für den nächsten Schritt. An einem Mittagessen der Jungen Wirtschaftskammer Zug kommt Simon Stöckli mit Stefan Erzinger ins Gespräch. Man versteht sich auf Anhieb. Stefan Erzinger – 42, Betriebsökonom, ebenfalls Vater von zwei Kindern – arbeitet zu diesem Zeitpunkt als Betriebsleiter bei der sozialen Institution ConSol Office in Zug.

Bereits der zweite Onlineshop

Der gebürtige Luzerner zählt zu den Pionieren des Onlineshoppings in der Schweiz; vor mittlerweile fast zwanzig Jahren gründete er mit einem Partner Underwear24.ch. Noch vor dem Start von grossen Onlineshops wie Zalando oder Fashionfriends.ch konnte man bei Underwear24.ch modische Unterwäsche bestellen. Später kam das gesamte Sortiment an Herren- und Damenkleidern hinzu. Stefan Erzinger durchlebte mit Underwear24.ch die Herausforderungen eines erfolgreichen Internet-Start-ups. Von den Anfängen als Onlinepionier und Nischenanbieter, gefolgt von einem rasanten Wachstum, einer Restrukturierung und der Professionalisierung der Abläufe bis schliesslich zum Verkauf des Unternehmens an ­einen grossen Modeverkäufer. «Als ich von der Idee hörte, Vorhänge online zu verkaufen, war ich sofort begeistert», sagt Stefan Erzinger. Schnell sei er sich mit Simon Stöckli einig gewesen. «Zusammen ergänzen wir uns ideal», erzählt er mit einer Begeisterung, die davon zeugt, wie engagiert die beiden Jungunternehmer ihrer Arbeit nachgehen.

Im Januar 2015 war es so weit: Stefan Erzinger und Simon Stöckli gingen mit Weisservorhang.ch online. «Wir behielten anfänglich beide unsere angestammten Jobs und arbeiteten nur nebenbei am Internetshop», erklärt Stefan Erzinger. Investiert haben die beiden nur je 2000 Franken als Startkapital, als Firmensitz diente das Büro der damaligen Internet-Agentur von Simon Stöckli, eine zum Büro umfunktionierte ehemalige Lagerhalle auf dem Siemens-Areal in Zug. Der Erfolg liess nicht auf sich warten. «Schon am zweiten Tag hatten wir die erste Bestellung», berichtet Simon Stöckli, und die Freude über das erste Erfolgserlebnis steht ihm heute noch ins Gesicht geschrieben. Ein Jahr später wurde der Shop für bunte und gemusterte Massvorhänge, Vorhangbox.ch, lanciert. Als die Bestellungen rasant zunahmen und das Projekt immer mehr Zeit in Anspruch nahm, kündigte Simon Stöckli seinen Job, um sich ganz auf das Onlineprojekt zu konzentrieren.

Ohne Erfahrungen in der Heimtextilbranche und im Verkauf von Vorhängen im Speziellen gelang es Stefan Erzinger und Simon Stöckli, einen erfolgreichen Onlineshop zu lancieren. Laut den beiden Jungunternehmern habe man 2016, im zweiten Betriebsjahr, eine ausgeglichene Rechnung erreicht. «Dieses Jahr werden wir einen Gewinn erwirtschaften, den wir wieder gezielt investieren können», ist Stefan Erzinger zuversichtlich.

«Wir setzen auf hohe Qualität, was unsere Produkte und den Service betrifft», erklärt Erzinger. Um das sicherzustellen, arbeitete man von Anfang an mit Fachspezialisten zusammen, ergänzt Simon Stöckli und verrät: «Eigene Mitarbeiter haben wir keine. Alle unsere Vorhänge werden von zwei Familienunternehmen in Deutschland produziert.» Aus ökologischen und qualitativen Überlegungen kam der Einkauf in Asien nie in Frage. Alle zugeschnittenen Vorhänge werden nach Entlebuch geliefert. Hier befindet sich ein weiterer wichtiger Partner des Onlineunternehmens: das Schweizer Versandzentrum (SVZ). Die Firma auf dem Areal, wo einst der Ackermann-Versand tätig war, versieht alle Vorhänge mit den entsprechenden Gleitern. «Ein Schweizer Produkt aus Baar», wie Simon Stöckli stolz betont. Näherinnen des SVZ übernehmen auch die Qualitätsprüfung sowie die Verpackung der Ware, inklusive Versand.

«Dank unseren zuverlässigen Partnern können wir uns ganz auf die Entwicklung, die Verbesserung des Onlineshops sowie den Kundendienst konzentrieren», sagt Simon Stöckli. Er hat sich mittlerweile zu einem Vorhangspezialisten entwickelt, der alle Produkte selber ausprobiert. «Jedes Vorhangmodell hängt zuerst bei mir zu Hause und wird von meiner Familie getestet.» Die Wohnung der Familie Stöckli ist aber mehr als nur ein Versuchsatelier. «Auch die Fotos für den Onlineshop entstehen bei mir zu Hause.»

Über 100 verschiedene Artikel im Angebot

Während Stöckli alle Vorhänge testet, fühlt Erzinger den Puls der Kunden. Fragen, Anregungen oder Beanstandungen – sei es per Chat, E-Mail, Brief oder Telefon – landen bei ihm. «Wir nehmen die Anliegen unserer Kunden sehr ernst», sagt Erzinger. Sie würden mithelfen, sich täglich zu verbessern und das Angebot zu erweitern. Dank der Rückmeldungen seien Serviceleistungen entstanden, die heute Merkmale des Onlineangebots sind: Versand von Stoffmustern, Messanleitung, persönliche Beratung etc. In der noch kurzen Firmengeschichte hat sich das «E-Vorhangunternehmen» sehr dynamisch entwickelt und verkauft heute über 100 verschiedene Artikel. Das Standardangebot wurde erweitert mit Massvorhängen, unterschiedlichen Farben und Materialien. «Wir können heute die meisten Bestellungen innerhalb von drei bis vier Wochen zustellen», sagt Stefan Erzinger. Simon Stöckli ergänzt: «Auf Spezialwunsch geht es auch noch schneller.» Einmal habe eine Frau eine Expresslieferung innert Wochenfrist gewünscht. «Ihr Kind könne sonst nicht einschlafen. Wir haben alles darangesetzt, ihr die Vorhänge innert der gewünschten Frist zu liefern.»

Simon Stöckli und Stefan Erzinger sind überzeugt, dass der Markt noch viel Potenzial für ihr Jungunternehmen bietet. «Die wenigsten Schweizer haben heute schon mal Vorhänge online bestellt, dabei braucht sie praktisch jeder zu Hause in irgendeinem Zimmer», sagt Stöckli und fügt mit einem Lachen an: «Mein Ziel ist es, dass jeder in der Schweiz mein Wohnzimmer aus dem Onlineshop kennt.»


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