Was uns der Dollar sagen will

USA ⋅ Die US-Valuta hat seit kurzem die Parität zum Schweizer Franken erreicht. Langsam kommt Bewegung in die Zinswelt

18. November 2016, 00:00

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

Ein Dollar kostet seit Mittwoch wieder ganz leicht mehr als ein Franken (siehe Grafik). Das ist das erste Mal seit neun Monaten, dass die US-Valuta wieder Parität zur Schweizer Währung erreicht hat, und es ist auch in einer längeren Perspektive ein seltenes Ereignis. Zu beobachten war es in den vergangenen sechs Jahren nur in zwei kurzen Zeiträumen: Ende 2015 sowie in den Monaten vor und nach dem letzten Jahreswechsel. In diesen beiden Perioden keimte jeweils die Hoffnung, dass das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft an Dynamik gewinnen und die Notenbank zu einer raschen Abkehr von der Nullzinspolitik bewegen könnte. Tatsächlich bekräftigte US-Notenbankchefin Janet Yellen gestern vor einem Kongressausschuss in Washington, dass sie eine Zinserhöhung «relativ bald» für angemessen halte. Ihre erste öffentliche Rede nach dem Wahlsieg von Donald Trump war mit Spannung erwartet worden.

Arbeitslosigkeit zu hoch für weiteren Zinsschritt

Das Fed hatte zwar vor zwei Jahren das immense Programm zum Aufkauf amerikanischer Schatzanleihen zum Abschluss gebracht und damit die Notendruckmaschine verlangsamt, der Ausstieg aus der Nullzinspolitik ist seither aber ins Stocken geraten. Ende Dezember 2015 hatten die Dollar-Wächter den Leitzins erstmals seit vielen Jahren auf 0,25 Prozent bis 0,5 Prozent erhöht. Das damals robust aussehende Wirtschaftswachstum schien diesen Schritt zuzulassen, ohne dass die Verteuerung des Geldes den noch immer fragilen Aufschwung hätte gefährden können. Doch bald erwuchsen dem Fed Zweifel. Vor allem der Blick auf die unerwartet langsam sinkende Arbeitslosigkeit liess die Fed-Chefin Janet Yellen und die Mehrheit ihrer Mitentscheider im Direktorium vor einem solchen zweiten Schritt zurückschrecken.

Unmittelbar nach der Wahl von Donald Trump zum neuen amerikanischen Präsidenten sah es ganz danach aus, also würde das Federal Reserve diesen Schritt auch beim nächsten Termin am 14. Dezember nicht wagen wollen. Inzwischen herrscht an den Märkten aber fast einhellig die Meinung vor, dass das Fed vor Weihnachten die Geldschleuse mit einem weitere Zinsschritt doch etwas weiter schliessen wird. Vor diesem Hintergrund erlebt der Dollar derzeit seinen Aufschwung. Das Geld, das viele Investoren in Erwartung einer beschleunigten wirtschaftlichen Erholung in Europa in Euro angelegt hatten, fliesst nun in den Dollar, wo Trump auch in der Realwirtschaft Hoffnungen auf eine konjunkturelle Beschleunigung zu schüren scheint.

Plötzlich taucht wie ein Zauberwort überall der Begriff «Reinflation» auf. Eine massvolle Inflation kann in der Tat wie ein Schmiermittel der Wirtschaft wirken, indem sie über die Lohn-Preis-Spirale den Konsum und damit auch die Investitionen anstösst. Obschon Trumps Regierungsprogramm immer noch erst in äussert groben Zügen bekannt ist, erzeugt schon der schiere Glaube an die Wirkung der versprochenen expansiven Fiskalpolitik (tiefere Steuern und höhere Ausgaben für Infrastrukturprojekte) bereits konkrete Resultate.

Gestiegen ist nicht nur der Dollar, der mit der Aussicht auf eine unmittelbar bevorstehende Zinserhöhung des Fed kräftig an Attraktivität gegenüber den Währungen in den Negativzins­räumen Japans, Europas und natürlich der Schweiz gewinnt. Gestiegen sind, noch bevor das Fed überhaupt gehandelt hat, auch schon die Kapitalmarktzinsen. Zehnjährige amerikanische Schatzan­leihen rentieren inzwischen bei rund 2,2 Prozent, nachdem sie vor der US-Wahl noch etwa 1,8 Prozent rentiert hatten.

Kapitalmarktzinsen in der Schweiz steigen

Auch in Europa und in der Schweiz bewegen sich die Kapitalmarktzinsen langsam, aber sicher aufwärts. Das gilt vor allem für jene Wirtschaftsräume, wo die Investoren in den vergangenen Jahren üblicherweise nach Sicherheit suchten (Deutschland, Schweiz). Aber auch im übrigen Euroraum kommt es nun zu einem schrittweisen Anstieg der langfristigen Zinsen.

Der Europäischen Zentralbank (EZB) kommt diese Entwicklung in die Quere. Sie versucht mit einem umfangreichen Anleihenaufkaufprogramm die Kapitalmarktzinsen zu drücken. Zuletzt überlegte man sich in Frankfurt sogar, ob man das Programm auch auf Aktien ausweiten könnte. Die Reaktion der EZB auf die jüngsten Entwicklungen an den Zinsmärkten wird auch für die Schweizerische Nationalbank zu einem geldpolitisch bestimmenden Faktor werden. In der Schweiz kann man nur hoffen, dass EZB-Chef Mario Draghi den Trump-Effekt nicht durch eine Ausweitung des Anleihenkaufprogrammes auszugleichen versucht. In diesem Fall wäre mit einer weiteren Verteuerung der Schweizer Valuta zum Euro zu rechnen. Seit der Trump-Wahl kostet 1 Euro wieder weniger als 1.08 Franken.


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