Was wir über Geld (nicht) wissen

FINANZ-ANALPHABETISMUS ⋅ Von allen begehrt, von niemandem verstanden: Alles dreht sich um Geld, aber das Wissen um das Tauschmittel ist eigentümlich und einseitig verteilt.

16. Oktober 2016, 00:00

Daniel Zulauf

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Wie geht man eigentlich am besten mit Geld um? Rund um die Welt scheint unter den Regierenden die Sorge zu wachsen, dass die in finanziellen Belangen ungebildeten Bevölkerungskreise dem Staat früher oder später zur Last fallen könnten. Die Befürchtungen sind offenbar durchaus gerechtfertigt. Gestützt werden sie jedenfalls durch unzählige empirische Untersuchungen, wie sie seit etwa 15 Jahren auf regionaler, internationaler und sogar auf globaler Ebene zum Teil in regelmässigen Zeitabständen durchgeführt werden.

Eine solche Untersuchung veröffentlichte vergangene Woche die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD), an der sich die Mitgliedsländer und Drittstaaten auf freiwilliger Basis beteiligen konnten (die Schweiz hat nicht partizipiert). Die Untersuchung ist fester Bestandteil einer finanziellen Alphabetisierungsstrategie, welche sich die Pariser Organisation vor zehn Jahren selber auf die Fahne geschrieben hat und die inzwischen einen festen Platz auf der Politik-Agenda der G 20 – der 20 wirtschaftlich wichtigsten Länder der Welt – erhalten hat.

40 Prozent führen kein Haushaltsbudget

Die an der weltweiten Erhebung beteiligten 30 Länder konfrontierten mehr als 50 000 erwachsene Personen mit einer Reihe von grundlegenden Fragen zum allgemeinen Finanzwissen und zum Umgang mit Geld. Der Befund bringt niemanden ins Staunen, der das Thema im Auge hat. Eine Mehrheit (58 Prozent) versteht nicht, dass ein gegebener Kapitalstock im Lauf der Zeit über den Zinseszinseffekt exponentiell zunimmt (wenn das Geld tatsächlich einen Zins abwerfen würde, was es nicht nur hierzulande seit einigen Jahren nicht mehr tut). 42 Prozent können keine einfache Prozentrechnung durchführen. Ein Drittel der Befragten weiss nicht, dass sich ein Anlagerisiko vermindern lässt, indem man mehrere Aktien statt bloss eine ins Portefeuille legt. 40 Prozent führen kein Haushaltsbudget, und ebenso viele haben es in den vergangenen zwölf Monaten versäumt, etwas Geld zur Seite zu legen. Die Mängelliste, die den Verdacht auf verbreiteten Finanz-Analphabetismus schürt, liesse sich weiter verlängern.

Gewiss, die Herkunft der befragten Personen ist sehr unterschiedlich. Mitgewirkt an der Studie haben Menschen aus so verschiedenen Ländern wie Südafrika, Malaysia, Albanien, Russland und Brasilien. Befragt wurden natürlich auch viele Leute in alten Industrieländern wie Grossbritannien, Frankreich, den Niederlanden oder Österreich. Wenig überraschend sind die in den gestandenen OECD-Mitgliedsländern gesammelten Werte in der Tendenz besser als in den wirtschaftlich ärmeren Staaten. Finanzwissen entsteht nicht zuletzt durch Erfahrung und korreliert deshalb mit finanziellem Besitz.

Eine Anfang Jahr von verschiedenen Ökonomen, unter anderem aus der Weltbank, präsentierte weltweite Untersuchung kommt zu ähnlichen Schlüssen: In Nordamerika und Nordeuropa (einschliesslich der Schweiz) weiss eine Mehrheit der Bevölkerung (mehr als 55 Prozent) genug über grundlegende finanzielle Konzepte, um als «finanziell alphabetisiert» («financially literate») zu gelten. In den übrigen Regionen ist dieses Wissen einer mehr oder weniger grossen Minderheit vorbehalten.

Trotzdem sind es die reicheren Industrieländer, die sich mithin am intensivsten mit dem Problem der ungenügenden finanziellen Alphabetisierung beschäftigen. Denn auch in Europa und in Nordamerika wird bei den weniger vermögenden und bildungsferneren Bevölkerungskreisen ein hoher Grad an ungenügendem Finanzwissen diagnostiziert. Das gilt insbesondere für Frauen, Jugendliche und teilweise auch für Personen im Rentenalter. Das Muster ist in der Schweiz nicht anders als in anderen Industrieländern. Daran ändert auch der Umstand wenig, dass die noch relativ wenigen spezifischen Studien zu den hiesigen Verhältnissen unserem Land eine etwas bessere Situation attestieren als manchen vergleichbaren Staaten.

Die Jungen sind die Sorgenkinder

Eine in finanziellen Belangen wenig gebildete Jugend wird in den Industrieländern mit ihrer alternden Bevölkerung als besonderes Problem gesehen. Dies, weil sich diese Generation im Unterschied zu den kurz vor dem Übergang ins Rentenalter stehenden Babyboomern nur noch bedingt auf die staatlichen oder vom Staat verordneten Vorsorgesysteme verlassen kann. In der Schweiz zum Beispiel sieht der bundesrätliche Vorschlag «Altersvorsorge 2020» nur für die sogenannte Übergangsgeneration ab 50 Jahren eine Fortsetzung des geltenden Umwandlungssatzes in der obligatorischen beruflichen Vorsorge vor. Für die jüngeren Semester ist eine Kürzung des für die Ermittlung des Alterskapitals massgebenden Satzes von 6,8 Prozent auf 6 Prozent vorgesehen, die durch andere Massnahmen zu kompensieren wäre. Vor diesem Hintergrund legen viele Schweizer Haushalte, die es sich leisten können, nebst dem staatlich verordneten Alterssparen beträchtliche Summen als eiserne Zusatzreserve zur Seite. Derweil klagen die Banken, ihre Kunden horteten das Geld auf dem Konto, statt es in renditeträchtigere Anlageformen wie Aktien zu investieren. In der Tat verdient an solchen Sparkonti niemand etwas – weder die Kunden noch die Banken.

Banken und Investmentfirmen wittern ein irrationales oder schlicht falsches Verhalten. Schnell fällt der Begriff des finanziellen Analphabetismus. «Es sind zu viele Interessenvertreter dabei, genügend Verwirrung zu stiften, damit sie ihre Produkte verkaufen können», sagt Thorsten Hens, Professor für Verhaltensökonomie an der Universität Zürich. Für ihn ist fehlendes Finanzwissen ein reales Problem, aber eines, das mit Bedacht angegangen werden müsse.

Finanzen und Wirtschaft im Lehrplan 21

Im Lehrplan 21 beziehungsweise im Plan d’Etudes Romand erhält der Bereich Wirtschafts- und Finanzwissen erstmals einen festen Platz im schulischen Alltag bei den 14- bis 16-Jährigen. «Sinnvoll ist das Üben von Budgetplanung und Zinseszinsrechnen», meint der Professor. «Praktische Anschauungsbeispiele wären konkret Haushaltsbudgets der Familie, der Schule oder des Staates. Auch Psychofallen beim Konsum und beim Investieren könnten Teil des Programmes sein.» Eine solche Grundausbildung in Finanzfragen ist ganz im Sinn und Geist der Alphabetisierungskampagne der OECD. 2012 wurde das Finanzwissen der Schüler erstmals auch im Rahmen der Pisa-Studie auf internationaler Ebene getestet. Die Schweiz verzichtete auf eine Teilnahme in Erwartung, dass die hiesigen Schüler ohne entsprechende Vorbereitung schlechte Ergebnisse erzielt hätten.

Diese Lücke wird die Schweiz mit dem erneuerten Lehrplan bald schliessen können. Doch ob gute Pisa-Ergebnisse in der Zukunft mit einem robusten Finanzwissen gleichgesetzt werden können, ist eine Frage, die wohl noch länger offenbleiben muss. In den USA haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass finanzielles Schulwissen ohne praktische Anwendung und Bedeutung schnell verdunstet. Die Bedeutung der persönlichen Erfahrung für das eigene Finanzverhalten wird durch verschiedene Untersuchungen bestätigt. Eine noch unveröffentlichte internationale Studie des Versicherers Zurich zur Akzeptanz von Versicherungspolicen zur Sicherung des Einkommens bei Invalidität zeigt deutlich, dass die Nachfrage nach solchen Produkten viel mehr von direkten oder indirekten persönlichen Erfahrungen als vom Finanzwissen abhängt.

Wohlmeinendes staatliches Schubsen

Auch Thorsten Hens und Kremena Bachmann haben in ihrer genannten Untersuchung Hinweise darauf gefunden, dass sich der Austausch eines Kunden mit seinem Finanzberater in ein solideres Finanzwissen überträgt, wenn der Wissenstransfer durch eigene Erfahrungen untermauert wird. Im Grunde sind diese Erkenntnisse gar nicht erstaunlich, sondern bestätigen eher, was ein Laie spontan ohnehin erwarten würde. Dennoch bilden die wissenschaftlich untermauerten Belege einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Diskussion. Sie beinhalten sozusagen das Gegenargument gegen die Tendenz der Regulierungsbehörden, den mutmasslichen Finanz-Analphabeten den freien Zugang zum Markt für Finanzprodukte einzuschränken. Dieses Vorhaben ist in der zweiten europäischen Finanzmarkt­direktive (Mifid II) angelegt, und die Schweiz ist da­ran, mit dem Finanzdienstleistungs­gesetz (Fidleg) nachzuziehen.

Als Alternative zu rigiden, regulatorischen Zugangsbeschränken stösst seit einigen Jahren das vom amerikanischen Verhaltensökonomen Richard Thaler mitbegründete Konzept des «Nudging» auf öffentliches Interesse. Darunter wird ein Prozess verstanden, bei dem unschlüssige oder überforderte Entscheidungsträger – also Konsumenten – ohne gegenteiliges Signal in ein wohlmeinendes, staatlich gelenktes Angebot geschubst werden. «Ein guter Ansatz, einfach und frei von Verkaufsinteressen», meint Hens. Als Beispiel eines Falles, in dem sich «Nudging» für die Konsumenten bezahlt gemacht habe, nennt Thaler die Teilprivatisierung des schwedischen Vorsorgesystems vor 15 Jahren. Den Sparern wurde die Möglichkeit gegeben, einen Teil ihres Altersguthabens in Anlagefonds der eigenen Wahl zu investieren. Aktiv im Angebot waren lauter Produkte von privaten Anbietern, die sich eine beispielslose Werbeschlacht lieferten. Am Ende erwies sich aber das staatliche Alternativgebot als beste Variante, obwohl es nur als Auffangeinrichtung für Sparer gedacht war, welche die Zeichnungsrunde verpasst hatten. Thaler glaubt, viele Sparer wären quasi automatisch in der Auffangeinrichtung gelandet, wenn sie ohne aktive Wahl eines privaten Fonds dahin «genudgt» worden wären.

«Sinnvoll ist das Üben von Budgetplanung und Zinseszinsrechnen.»

Thorsten Hens

Professor für Verhaltensökonomie


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