Wie weiter mit dem Diesel?

AUTO-SALON ⋅ Heute wird in Genf der 87. Internationale Automobil-Salon eröffnet. Trotz des Skandals werden weiterhin viele Dieselfahrzeuge gezeigt. Doch an Alternativen wird gearbeitet, sagt ein Motorenexperte.
09. März 2017, 00:00

Bruno Knellwolf, Genf

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Dieselgate: Seit im September 2015 bekannt geworden ist, dass Volkswagen eine illegale Abschaltvorrichtung in der Motorsteuerung seiner Dieselfahrzeuge eingebaut hat, um die amerikanischen Abgasnormen einhalten zu können, ist der Treibstoff Diesel in Verruf geraten. Liegt der Abgas-Skandal am heute eröffneten Internationalen Auto-Salon in Genf somit in der Luft? Schwebt die manipulierte Motorenreihe VW EA189, die auch in anderen Marken des Volkswagenkonzerns eingebaut worden ist, als Damoklesschwert über den Palexpo-Hallen in Genf? Nein. Das zeigt der Rundgang vorbei an den gut 120 Welt- und Europapremieren. Im Scheinwerferlicht glänzen Diesel- wie gewohnt neben den Benzinfahrzeugen. Die Verbrennungsmotoren sind die dominierende Antriebsform – Elektro und Hybride bleiben in der Nische. Auch weil die Kundschaft sich zwar gerne über Alternativantriebe unterhält, diese aber kaum kauft, wie die Neuwagen-Absatzzahlen zeigen.

Der Diesel werde nicht sterben, sagen die Autohersteller. «In Österreich fahren 90 Prozent mit Dieselantrieb, in Deutschland 60», sagt Christoph Bleile von Opel. Der Antrieb wird geschätzt, weil sich mit einem Dieselmotor dank seines starken Drehmoments zügiger beschleunigen lässt als mit einem Benzinmotor. Zudem muss man mit einem Diesler seltener zur Tankstelle. Allerdings ist ein Dieselfahrzeug generell teurer. In der Schweiz gilt das auch für den Treibstoff selbst. Bis sich der geringere Verbrauch rechnet, muss der Schweizer Dieselfahrer viele Kilometer zurücklegen. Das ist in unseren Nachbarländern nicht der Fall, weil dort Diesel billiger ist als Benzin.

Bei Kleinfahrzeugen werden sich Alternativen durchsetzen

Auch in der Schweiz ist der Dieselanteil gross. Die Hälfte der 2016 verkauften Skoda-Fahrzeuge fährt damit, bei Hyundai sind es zum Beispiel 39 Prozent. Trotzdem sagt der Motorenexperte der Empa, Christian Bach, der Dieselmotor stosse an seine Grenzen. Zwar weisen Dieselmotoren einen rund 15 Prozent geringeren Verbrauch auf. Gemäss Sprintmotor.de verbraucht ein VW Golf mit Benzin 6,60 Liter auf 100 Kilometer, der Diesel 5,86 Liter. Der Wirkungsgrad des Dieselantriebs sei somit nicht viel besser. Zudem würden die jetzt schon teureren Dieselmotoren mit der kommenden Verschärfung der Abgasnormen nochmals deutlich kostspieliger. Der Benzinmotor werde dagegen nur leicht teurer, während der Gasmotor auch mit der neuen Abgasnorm gleich viel kosten werde.

Deshalb gebe es Anwendungen, in denen der Dieselmotor aus Kostengründen wenig Sinn mache. Bei Klein- und Kompaktfahrzeugen werde er wohl verschwinden, sagt Bach. Trotzdem haben die Dieselmotoren eine Zukunft. «Sie können in vielen Bereichen, vor allem in grösseren Fahrzeugen, Langstreckenfahrzeugen, Nutz- und Lastwagen sowie Baumaschinen kaum durch andere Antriebskonzepte ersetzt werden», sagt der Abteilungsleiter Fahrzeugantriebssysteme der Empa.

Die befragten Autohersteller verweisen darauf, dass die Dieselmotoren dank technischer Innovation laufend sauberer würden. Bach untersucht allerdings im Rahmen eines Forschungsprojekts mit dem Bundesamt für Umwelt das Abgasverhalten. Dabei hat er festgestellt, dass ein Renault Megane 16-mal höhere Stick­oxidwerte ausstiess als vom Werk versprochen. Allerdings nicht wegen einer Manipulation. «Unsere Untersuchungen, auch Messungen in anderen Labors zeigen, dass es sich bei den höheren NOx-Werten schon um ein sehr breit abgestütztes Problem handelt, sei es nun illegal oder nicht illegal», sagt Bach.

Im Herbst dieses Jahres wird es neue Typenprüfungen für Automotoren geben, mit denen die Verbrauchs- und Schadstoffwerte realistischer werden. Allerdings gehe es bei solchen Typenprüfungen eigentlich nicht in erster Linie darum, reale Werte zu zeigen. Im Vordergrund stehe der Vergleich der Produkte. Das gelte nicht nur für Autos, sondern auch für Kühlschränke, Staubsauger oder Gebäude. Der Unterschied zur Realität sei bei diesen nicht besser als bei Fahrzeugen.

Über Diesel wird also nicht viel Aufhebens gemacht am Auto-Salon. Für Nicholas Blattner von Hyundai stehen in der Zukunft andere Antriebsvarianten und ein Mix aus diesen im Vordergrund. Am Stand zeigt der südkoreanische Autohersteller, der bereits seit 2013 ein serielles Wasserstofffahrzeug führt, die nächste Generation solcher Autos mit Brennstoffzelle, die ohne Schadstoffe fahren. Das Konzeptfahrzeug FE Fuel Cell wird mit einer Wasserstoff-Tankfüllung 800 Kilometer weit kommen. «Bis 2021 werden wir 14 neue alternative Modelle lancieren», sagt Blattner. Elektro-, Hybrid- und Wasserstofffahrzeuge.

Gas, Elektro und Wasserstoff sind gleichwertig

Das ist ganz im Sinn des Motorenexperten: «Wir stufen Gas-, Elektro- und Wasserstofffahrzeuge hinsichtlich Nachhaltigkeit insgesamt als gleichwertig und wesentlich besser als Benzin- und Dieselfahrzeuge ein», sagt Bach. Er forscht an Konzepten, um überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien für die Mobilität zu nutzen. Der Strom wird in Batterien, Wasser oder Methangas ­gespeichert und fürs Autofahren verwendet. Alltäglich würden solche Autos, wenn sie vergleichbar teuer und gleichwertig im Alltag nutzbar seien wie konventionelle Benzin- und Dieselfahrzeuge. Wichtig sei ein Wettbewerb unter den verschiedenen Antriebstechnologien, der bis heute gefehlt habe. «Denn nur so holt man das jeweils Beste aus den Technologien heraus und entwickelt sie ständig weiter», sagt Bach.

Er glaubt nicht, dass es für die Elektrifizierung der Mobilität zu wenig Strom geben wird. Die Produktion der erforderlichen erneuerbaren Energie sei die einfachere Aufgabe. Schwieriger sei zum Beispiel die Verschiebung grosser Strommengen dorthin, wo sie gebraucht werden. «Aus unserer Sicht braucht es dazu dezentrale Speicher, also Batterien auf der Netzverteilebene, das heisst zu Hause, Pumpspeicherkraftwerke auf der obersten Netzebene und zudem Anlagen für die Speicherung des überschüssigen Stroms.»

www. Mehr Bilder zum 87. Internationalen Auto-Salon in Genf gibt es hier: luzernerzeitung.ch/bilder

«Der Dieselmotor stösst an seine Grenzen.»

Christian Bach

Motorenexperte Empa Dübendorf


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