«Alle haben uns ausgelacht»

PILATUS ⋅ 1500 PC-12 hat der Nidwaldner Flugzeugbauer bis heute verkauft. Pilatus-Präsident Oscar J. Schwenk hat den Bau des Fliegers persönlich vorangetrieben – heimlich und gegen den Willen seines damaligen Arbeitgebers.
30. Juni 2017, 00:00

Interview: Roman Schenkel

roman.schenkel@luzernerzeitung.ch

Oscar J. Schwenk, heute liefern Sie den 1500. PC-12 aus. Was bedeutet das für Pilatus?

Für uns ist das ein riesiger Erfolg. 1500 Flieger vom gleichen Typ zu verkaufen, das schaffen nicht viele Firmen. Dabei hat niemand an uns geglaubt, als wir vor 35 Jahren den Plan hatten, ein einmotoriges Flugzeug für die Geschäftsfliegerei zu entwickeln. Alle haben uns ausgelacht. Auch unser Besitzer Bührle war skeptisch. Wir haben uns nicht beirren lassen.

Das Projekt wurde aber gestoppt.

Nicht nur einmal! Kaum hatten wir mit dem PC-12 angefangen, hatte der Konzern finanziell andere Prioritäten. Wir hatten auch nicht mehr viel Geld in der Kasse. Da hat man es auf Eis gelegt. Ich war damals Produktionsleiter und überzeugt, dass die Firma ohne PC-12 keine Zukunft hat. Da habe ich gekündigt.

Sie haben den Bettel hingeworfen und gingen als Bauer in den Jura.

Meine Frau und ich haben auf dem Obergrenchenberg einen Betrieb mit Angus-Rindern aufgebaut. Wir hatten viele Tiere – etwa 250 Kühe und Rinder. Zudem hatte es da einen alten Flugplatz. Den haben wir reaktiviert. Eine Graspiste, ideal für den Pilatus-Porter. Meine Frau hat das Bergrestaurant geführt.

Der PC-12 hat Sie aber nicht losgelassen?

Meine ehemaligen Mitarbeiter waren genauso fasziniert vom PC-12 wie ich. Sie besuchten mich abends und am Wochenende. Sie stürmten und stürmten, und schliesslich überzeugten sie mich, wieder daran zu arbeiten. So ging ich, meist nachts, einmal pro Woche nach Stans.

Heimlich?

Ja, ich kam ohne Badge hier aufs Pilatus-Gelände und tüftelte am PC-12. Wir trieben das Programm so voran, bis wir an einem Punkt waren, wo wir merkten, dass es klappen könnte. Schliesslich wollte man mich wieder zurück. Ich sagte zu, aber unter zwei Bedingungen: Ich mache nur den PC-12, und ich suche mir meine Mannschaft selber aus.

Und danach ging es vorwärts?

Nein, es war ein Kampf. Kurz vor Ende wollte man das Projekt nochmals stoppen. Wir hatten 30 der 70 budgetierten Millionen verbraucht. Da bekam der damalige Konzernmanager kalte Füsse. Ich weiss noch genau, wie ich an der entscheidenden Verwaltungsratssitzung dafür gekämpft habe. Und ich setzte mich durch, wir konnten den Flieger bauen.

Wie kam er am Markt an?

Pilatus war damals ein absoluter Nobody. Uns kannte man von den Trainingsflugzeugen, aber nicht in der Geschäftsfliegerei. Zudem kamen wir mit einem einmotorigen Flugzeug, das war damals gewerbsmässig gar noch nicht zugelassen. Wir wussten aber, es ist günstiger, und es ist sicherer. Davon mussten wir den Markt und die Behörden überzeugen. 1991 hatten wir den Roll-out, 30 Tage später den Erstflug und 1994 die Zertifizierung. Die ganze Welt hat den Flieger schliesslich für den kommerziellen Bereich zugelassen, ausser Europa. Das lag vor allem an England. Die Engländer hatten schon damals das Gefühl, sie hätten die Fliegerei erfunden.

Die Zulassung für kommerzielle Flüge mit dem PC-12 in Europa haben Sie erst diesen März erhalten. Was heisst das?

Das wird das Geschäft mit dem PC-12 ankurbeln. Aus Europa haben uns schon viele Interessenten kontaktiert, die von grösseren Flughäfen kleinere Flughäfen mit dem PC-12 anfliegen wollen. Wir werden mit dem PC-12 die 2000er-Marke übertreffen, davon bin ich überzeugt.

Der 1500. Flieger geht an Ihren Erstkunden.

Das ist eine schöne Geschichte. Ganz am Anfang brauchten wir dringend einen ersten Kunden. Irgendwie kamen wir auf die Royal Flying Doctors in Australien. Die flogen aber unsere Konkurrenz. Nach einem Besuch in der Schweiz konnten wir die fliegenden Ärzte von unserem Produkt überzeugen. Sie haben uns die ersten zwei Flieger abgekauft. Da hat man in der Branche aufgehorcht. Das war unser Eintritt in den Markt. Und heute übergeben wir den gleichen Leuten den 1500. PC-12.

Im ganzen Trubel um den PC-24 geht der PC-12 fast etwas unter. Stört Sie das?

In den Büchern geht der PC-12 nicht vergessen, da ist er omnipräsent. Nein, das stört mich nicht, wir wollten immer eine Produktefamilie. Das passt alles gut zusammen.

Was ist wichtiger: die 1500. Auslieferung des PC-12 oder die Erstauslieferung des PC-24 Ende Jahr?

Im Moment ist der PC-24 viel emotionaler. Wir sind voll dran. Es entsteht ein Produkt, das die Firma in den nächsten 40 Jahren über Wasser halten wird. Zehn Jahre arbeiten wir nun am PC-24. Nun wollen wir den Flieger auch den Kunden ausliefern.

Sind Sie eigentlich im Zeitplan mit der Produktion des PC-24?

Wir sind wahnsinnig spitz im Zeitplan. Wir haben alle Reserven aufgebraucht. Von jetzt an muss es wie am Schnürchen laufen, dass wir es bis Ende Jahr schaffen. Aktuell läuft die Endzertifizierung. Das braucht seine Zeit. Am Schluss gibt es vielleicht eine kleine Verzögerung, wir sind aber der Meinung, dass wir es bis Ende Jahr schaffen.

Wäre Pilatus an der Börse, müssten Sie eine Ad-hoc-Meldung machen.

Zum Glück haben wir nur gegenüber uns eine Informationspflicht. Aber das Thema ist durch: Genau aus solchen Gründen ist es für uns gut, nicht börsenkotiert zu sein.

Sie arbeiten seit 40 Jahren für Pilatus. Wie lange bleiben Sie noch Mr. Pilatus?

Ich bleibe so lange, bis der PC-24 richtig fliegt. Danach muss es ohne mich funktionieren. Für mich ist es zentral, dass es hier solide weitergeht. Von den Leuten her sind wir gut aufgestellt. Wir haben eine gute Mannschaft. Die Geschäftsleitung ist stark. Und auch die Produkte sind da. Aber zu einer Firma gehören auch die Eigentümer. Die Situation muss stabil sein. Es muss klare Verträge geben.

Die Firma dürfte keine Probleme haben, geeignete Käufer zu finden.

Wenn es schlecht läuft, klopft niemand an. In einer Firma mit Potenzial wie Pilatus gibt es viele Begehrlichkeiten. Da wollen alle investieren. Das Aktionariat muss gut aufgestellt sein. Es wird meine Aufgabe sein, eine saubere Lösung zu finden. Das Schlimmste wäre eine feindliche Übernahme. Wenn irgendein Spekulant zuschlagen würde. Man würde die Firma wohl zerschlagen: Den PC-24 verkauft man samt Zertifizierung an Konkurrent A, den PC-12 an Konkurrent B etc. Dann ist hier in Stans nichts mehr, das ist sicher. Dies werden wir aber zu verhindern wissen.

Sie haben in Ihrer Karriere vier Flieger in die Luft gebracht. Ihr Erfolgsrezept?

Eine Firma solide zu führen, ist keine Hexerei. Zentral ist die Innovation und die Fantasie, die es braucht, um gute Produkte zu haben. Dazu muss man die Leute bei Laune halten, sie bis an ihre Leistungsgrenze kitzeln. Ich verstehe mich als «Chief Motivation Officer». Es müssen alle mitmachen. Sonst hat man keinen Erfolg.

Sie sind 72 Jahre alt. Woher nehmen Sie diese Energie?

Das bin einfach ich. Ich bin so, das ist authentisch. Wenn man jung ist, muss man mit dem Kopf durch die Wand, viel Risiko nehmen. Wenn man dann einen gewissen Leistungsausweis hat, ist es etwas einfacher, die Leute zu motivieren. Wichtig ist, dass man etwas ganz macht, nicht halb. Sonst entsteht nur Durchschnitt. Durchschnitt habe ich schon immer gehasst. Mit Durchschnitt hat man in der Schweiz keinen Erfolg.

«Mit Durchschnitt hat man in der Schweiz keinen Erfolg.»

Oscar J. Schwenk (72)

Pilatus-Präsident


Leserkommentare

Anzeige: