Der Börsenbulle hat einen langen Atem

ANLAGEMARKT ⋅ Obwohl die Weltwirtschaft in den letzten Jahren nicht wie erhofft lief, konnte an der Börse gut Geld verdient werden. Experten sind weiterhin positiv gestimmt für Dividendenpapiere – besonders für jene von europäischen Unternehmen.
24. Juni 2017, 00:00

Ernst Meier

ernst.meier@luzernerzeitung.ch

Wer Statistiken und Anlegerweisheiten vertraut, für den wäre der Zeitpunkt gekommen, sich von der Börse zu verabschieden. Denn die Hausse an den wichtigsten Aktienmärkten befindet sich bereits im achten Jahr. Im historischen Vergleich erleben die Anleger eine der längsten Boomphasen. Betrachtet man die US-Börse, so dauerte nur die Hausse von 1987 bis im März 2000 länger. Damals kam es mit dem Platzen der Internetblase zu einem Ende mit Schrecken. Die Aktienkurse fielen ins Bodenlose.

Erst ab Frühling 2003 ging es wieder nach oben, ehe ab Mitte 2007 mit dem Ausbruch der Finanzkrise die nächste Talfahrt folgte. Die wichtigsten Aktienindices erlebten ihren letzten Tiefpunkt im Februar/März 2009, seither erholten sich die Kurse deutlich (siehe Grafik).

Ein weiteres Zeichen, das aktuell zu einem Ausstieg verlocken könnte, ist die Volksweisheit «Sell in May and go away» (Verkauf im Mai und geh weg). Das Sprichwort beruft sich darauf, dass nach den ereignisreichen ersten vier Monaten des Jahres (Publikation von Jahreszahlen, Quartalsergebnisse usw.) die Luft draussen ist.

Ist nun weise beraten, wer in diesen Tagen seine gut gelaufenen Investitionen in den US-, den Schweizer oder den europäischen Markt verkauft? Wie sollen sich Anleger in dieser Situation verhalten? Wo kann mit Börsenanlagen noch ein überdurchschnittlicher Ertrag erzielt werden? Die Umfrage bei Anlagespezialisten ergibt: Trotz Rekordhausse und steigenden Zinsen in den USA werden Aktien weiterhin fleissig empfohlen.

«Europa hat Aufholpotenzial»

«Wir haben unser Aktienengagement in den letzten Monaten sogar ausgebaut», sagt Reto Lötscher, Finanzanalyst bei der Luzerner Kantonalbank. Wer heute investiere, müsse jedoch verstärkt auf die Auswahl der Titel achten, empfiehlt Reto Lötscher: «Der US-Markt ist schon sehr gut bewertet. Die Hoffnungen auf einen Wirtschaftsschub dank Steuerreform und Investitionsprogramm von Präsident Trump ist vielerorts bereits in die Titel eingepreist.» Nun würden die Anleger merken, dass nicht alles so schnell ginge wie erhofft.

Bei der Luzerner Kantonalbank setzt man deshalb verstärkt auf europäische Aktien. «Die Euroländer kommen langsam in Schwung», ist Reto Lötscher überzeugt. «Wir rechnen mit steigenden Gewinnen und höheren Margen der Unternehmen.» Dies sei noch nicht überall in den Aktienkursen enthalten. Bei den Sektoren bevorzugt die LUKB die Gesundheitsbranche, «defensive Titel mit Wachstumsperspektiven», und die Industrie, wie es heisst. Dazu zählt Reto Lötscher den deutschen Gesundheitskonzern Fresenius oder den französischen Baukonzern Saint-Gobain. «Die anziehende Baukonjunktur in Europa erhöht die Nachfrage nach Baustoffen wie Glas, Mörtel oder Dämmungsstoffen, welche Saint-Gobain herstellt», erklärt Lötscher. Als weiteren interessanten Titel betrachtet man bei der Kantonalbank den Luxusgüterhersteller LVMH (Lederwaren, Champagner, Uhren, Schmuck).

Auch Timo Dainese von der Zugerberg Finanz AG ist weiterhin zuversichtlich, was den Aktienmarkt betrifft – zumindest «mittelfristig», wie er sagt. «Vor allem für die europäischen Märkte sehen wir Potenzial», sagt Dainese. Und dazu zählt er auch international gut aufgestellte Schweizer Unternehmen. Er mahnt aber auch zur Vorsicht: Nach den jüngsten Kursavancen könne es, je nach Titel und Entwicklung des Portfolios, Sinn machen, vorübergehend etwas Risiko abzubauen und Gewinne zu realisieren.

«Perlen» unter den Obligationen finden

«Aufgrund des Nachholpotenzials» zieht man auch bei der Zugerberg Finanz Europa den USA vor. «Die anziehende Konjunktur in Europa stärkt die Finanzlage der Unternehmen», erklärt CEO Timo Dainese. Weiter komme hinzu, dass auslaufende Unternehmensanleihen bei vielen europäischen Firmen durch neue Obligationen mit einem tieferen Zins ersetzt werden können, was wiederum den Gewinnen der Firmen und damit den Aktien zugute komme.

Für die Anleger werden dadurch Anleihen jedoch weniger interessant. «Früher gab es für risikolose Obligationen zwischen 2 und 3 Prozent Zins. Dies findet man heute nicht mehr», weiss Timo Dainese. Deshalb würden Anleger Aktien bevorzugen, die verlässlich Dividenden ausschütten. «Aktien von Swiss Life, Kühne und Nagel oder auch Veolia, Axa oder Atlantia versprechen eine Dividende von 3 Prozent und höher».

Wer trotzdem auf Obligationen setzen möchte, müsse heute sehr selektiv vorgehen und «die wenigen Perlen ausfindig machen können, die es gibt», sagt Dainese. Diese seien praktisch ausschliesslich bei den Unternehmensanleihen zu finden. «Schweizer Staatsanleihen rentieren negativ, bei ausländischen Obligationen sind höhere Zinsen nur mit überdurchschnittlichem Risiko oder sehr langen Laufzeiten mit Zinsänderungsrisiken zu erreichen.» Zu den Perlen bei den hiesigen Firmenobligationen zählt er eine Anleihe des Flugcaterers Gategroup. Das Unternehmen sei wegen der Übernahme durch den chinesischen Staatskonzern HNA mit einem tieferen Rating abgestraft worden, verfüge aber über ein solides Geschäftsmodell, ist Timo Dainese überzeugt. Die noch 5 Jahre laufende Anleihe wurde bei der Ausgabe mit 3 Prozent verzinst.

Gebeutelte Bankaktien für Mutige

Die gestiegenen Aktienmärkte bereiten auch den Analysten bei der Bank Julius Bär keine Sorgen. Christian Gattiker, Leiter Research der Privatbank, sagt: «Es handelt sich beim genauen Hinschauen vor allem um einen US-Trend. Es sind die amerikanischen Aktienmärkte, die sich auf neuen Höchstständen befinden.» In der Schweiz ging es in der gleichen Zeit nicht so stark nach oben. «Wir haben im SMI zwischen 2009 und 2011 keine Fortschritte gemacht. Es kam nach einer Erholung wieder zu Korrekturen», erklärt Gattiker. Erst 2011 sei die Hausse weitergegangen, doch diese wurde durch die Folgen des Endes für den Euro-Mindestkurs 2015 unterbrochen. Ursache für die Korrekturen einzelner Titel, die bis zu 20 Prozent verloren hätten, sei der erstarkte Franken gewesen.

Bei der Bank Julius Bär empfiehlt man deshalb Anlegern, den Aktien treu zu bleiben. «Wer noch nicht investiert ist, kann schrittweise einsteigen», sagt Christian Gattiker. Die Bewertungen in der Schweiz, in Europa, aber auch in den USA seien allgemein nicht zu hoch. «Wir sehen keineswegs Übertreibungen in diesen Aktienmärkten.» Man stelle aktuell eine Normalisierung der Weltwirtschaft mit steigenden Zinsen in den USA fest. «Das sind gute Zeichen», sagt er.

Wohl für einige überraschend, empfiehlt der Chefstratege die seit Jahren immer wieder stark gebeutelten Banktitel zum Kauf. «In den letzten sechs Monaten hat sich bei den Finanzinstituten vieles gebessert», weiss Christian Gattiker. Nach den Turbulenzen der letzten Jahre brauche es etwas Mut, aber man betrachte einen Einstieg auf dem heutigen Kursniveau als interessant. «Auch unter dem Aspekt, dass die europäische Wirtschaft langsam in Fahrt kommt.»


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