Die Bankerlöhne werden weiter sinken

BANKEN ⋅ Ex-Nationalbankchef Philipp Hildebrand prophezeit am Swiss International Finance Forum in Bern sogar seinem eigenen Boss einen Gehaltsrückgang, zweifelt aber nicht an der Anpassungsfähigkeit der Finanzbranche.
21. Juni 2017, 00:00

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

Allen Technologiesprüngen und Krisen zum Trotz wird es auch in zehn Jahren noch Banken geben. «Wir unterschätzen immer wieder die Anpassungsfähigkeit der Finanzbranche.» Philipp Hildebrand, der frühere Chef der Schweizerischen Nationalbank und aktuelle Vizepräsident des weltgrössten Vermögensverwalters Blackrock, rief auf einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion die Teilnehmer des Swiss International Finance Forum in Bern zu weniger Pessimismus auf. Beispielhaft unterlegte der einflussreiche Geldmanager seine These der Anpassungsfähigkeit mit dem Schweizer Bankgeheimnis, das in der Vergangenheit vielen ausländischen Steuerflüchtlingen geholfen hatte, Vermögen und Einkünfte vor dem heimischen Fiskus zu verstecken. «Dieses Problem ist mindestens in Europa ad acta gelegt», sagte Hildebrand mit Verweis, dass die Banken den Verlust dieser Einnahmen gut wegstecken konnten.

Dessen ungeachtet sagte Hildebrand voraus, dass die Margen und mit ihnen auch die Löhne in der sich stark verändernden internationalen Finanz- und Kreditwirtschaft in den nächsten Jahren weiter sinken werden. Davon werde auch sein eigener Chef, Blackrock-Chairman Larry Fink, nicht verschont bleiben, meinte der Schweizer mit einem scherzhaften Unterton. Fink hatte 2016 einen Lohn von 25,5 Milliarden Dollar eingestrichen – davon rund einen Drittel in bar und zwei Drittel in Aktien.

Hauptaufgabe der europäischen Banken sei es in den nächsten Jahren, ihre Geschäftsmodelle weiter zu fokussieren. Damit meinte Hildebrand nicht zuletzt die Notwendigkeit, den nach seiner Auffassung bei manchen Grossbanken in Europa noch zu wenig konsequenten Rückbau des amerikanischen Investment Bankings zu forcieren. Wie schon vor wenigen Tagen im Interview mit dem Magazin «Der Spiegel» empfahl Hildebrand mit Rücksicht auf die Entwicklung des eigenen Finanzmarktes auch gestern, dass sich Europa von der Dominanz zentraler Finanzmarktdienstleister lösen sollte. Der Schweizer erwähnte ausdrücklich die Dominanz amerikanischer Kreditbewertungsagenturen und Stimmrechtsberater sowie die Bedeutung von US-Anbietern im Zahlungsverkehr. Hildebrands Empfehlungen sind freilich kaum frei von eigennützigen Überlegungen. So kommt Blackrock als grosser internationaler Verwalter von gesetzlich angespartem Vorsorgekapital zunehmend in Konflikt mit den Bestrebungen vieler Länder, die Pensionskassen einem Zwang zur Ausübung der Aktienstimmen zu unterwerfen. Weil Blackrock diese Vermögen möglichst kostengünstig anlegt, hat er ein grosses Interesse daran, die Wahrnehmung der Aktionärsrechte an einen Stimmrechtsberater zu übertragen. Weil die Berater ihrerseits aus Kostengründen versuchen, die Stimmrechtsausübung nach bestimmten globalen Governance-Prinzipien zu standardisieren, drohen in dem Prozess nationale Unterschiede in der Unternehmenskultur unterzugehen. Daraus entsteht Stoff für Zwietracht, an der auch Blackrock kein Interesse haben kann. Ähnliches lässt sich auch über die Rating-Agenturen sagen, die ihre teilweise allzu amerikanisch geprägte Sicht auf die Bilanzen und Haushalte europäischer Firmen und Länder anwenden.

«Ich glaube nicht, dass Banken verdrängt werden»

Die in der Runde vertretenen Bankiers gaben sich ihrerseits überzeugt, den Wandel der Branche erfolgreich bewältigen zu können. Angesprochen auf die zunehmende Konkurrenz aus branchenfremden Wirtschaftszweigen sagte UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber: «Ich glaube nicht, dass Banken verdrängt werden.» Banken genössen das Vertrauen der Kunden, und sie passten sich dem Wandel ständig an. Credit-­Suisse-Präsident Urs Rohner verwies auf den Überfluss an Informationen, der die Banken und ihre Kunden vor neue Herausforderungen stelle.

In der Versicherungswirtschaft werde man sich die Informationsflut zunutze machen, um effizient gute Risiken zu identifizieren, um deren Deckung mit weit günstigeren Preisen als bisher ermöglichen zu können, meinte Swiss-Re-Präsident Walter Kielholz. Mit Blick auf den Euro zeigte er sich vom bisherigen Jahresverlauf «ziemlich angetan» – vor allem wenn man sich die trüben Prognosen der Skeptiker im vergangenen Jahr vor Augen halte. Auch Weber anerkannte, dass die politische Mitte in Europa bislang gehalten habe. Mit dem Wahlsieg von «En Marche!» in Frankreich komme «Zugkraft» in den Euro rein.


Leserkommentare

Anzeige: