Erste Zeichen deuten auf Wende hin

FRANKENSTÄRKE ⋅ Mit der Wahl von Macron zum französischen Präsidenten ist die Einheitswährung deutlich gestiegen – die Marke von 1.10 Franken pro Euro kommt näher. In der Schweiz keimt Hoffnung auf, dass die Flucht auf die eigene Währung nachlässt.
12. Mai 2017, 00:00

Daniel Zulauf und Rainer Rickenbach

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Die Wahl des Euro-Turbos Emmanuel Macron zum neuen französischen Präsidenten hat der Gemeinschaftswährung kräftig Auftrieb gegeben. In den vergangenen Tagen kratzte der Euro sogar an der Marke von 1.10 Franken, was zum letzten Mal für ein paar kurze Momente im August 2016 vorgekommen ist. Im Gegensatz zu damals ist die Sicht auf die mittelfristige Zukunft der Gemeinschaft so gut wie schon lange nicht mehr.

Zum Dollar hat der Euro seit Anfang April mehr als 4 Prozent gutgemacht. Die Aufwertung zum Franken beträgt immerhin rund 3 Prozent. Für Thomas Flury, Devisenspezialist bei der UBS, ist diese rasche Trendumkehr keine Überraschung. Er gehört zu den wenigen Marktbeobachtern, die diese Wendung schon im vergangenen Herbst vorausgesagt hatten, als der taufrische Brexit für viele noch als böses Omen für die Frankreich-Wahl gegolten hatte. Flury sagt, der Euro werde Ende Jahr etwa bei 1.15 Franken notieren. Das ist der Wechselkurs, den viele Konjunktur- und Industriespezialisten seit der Aufhebung der Euro-Untergrenze im Januar 2015 als kritische Marke bezeichnet hatten. Mit diesem Kurs könne sich ein Grossteil der hochproduktiven Schweizer Industrie arrangieren, ohne die heimische Produktion für den Export gleich im grossen Stil opfern zu müssen, lautete der Konsens.

EU erhöht Wachstumsprognose für eigenen Wirtschaftsraum

So optimistisch wie Flury sind andere Analysten nicht. Die Durchschnittsprognose der Broker liegt bei 1.09 Franken pro Euro bis Ende Jahr. Doch Flury hat gute Argumente. Kurzfristig herrsche wieder ein gutes Klima für sogenannte Carry Trades, ist er überzeugt. Dabei nehmen Investoren billige Frankenkredite auf, um das Geld in anderen Währungsräumen ertragreicher anzulegen. Begünstigt werden solche Geschäfte durch den positiven Wirtschaftsausblick.

Die EU-Kommission hat gestern ihre Wachstumsprognose für die Gemeinschaft auf 1,7 Prozent im laufenden Jahr erhöht. «Die wirtschaftliche Erholung in Europa geht in das fünfte Jahr und hat nun alle Mitgliedsstaaten erreicht», durfte die EU-Kommission bekanntgeben. Auch das Weltwirtschaftsklima habe sich «merklich verbessert», konstatierte gleichentags das Münchner Prognoseinstitut Ifo unter Verweis auf den eigenen Index.

Experte sieht Franken fundamental überbewertet

Der Ausgang der Frankreich-Wahl hat im Urteil Flurys aber nicht nur die Aufwertung des Euros, sondern auch die Abwertung des Frankens begünstigt. Die Nationalbank habe vor der Wahl ungewöhnlich viel Liquidität in den Markt gepumpt, um den Franken zu schwächen, «ich glaube, davon ist jetzt allzu viel vorhanden», sagt der Devisenexperte. Und schliesslich bleibt die helvetische Valuta auch fundamental deutlich überbewertet. Flury sieht den fairen Euro-Franken-Wechselkurs bei etwa 1.20. Die Unterbewertung des Euros zum Dollar ist sogar noch eklatanter: Gemäss Flury liegt der Gleichgewichtskurs für dieses Währungspaar bei 1.26, verglichen mit dem aktuellen Kurs von unter 1.09.

Man wittert Morgenluft in der Industrie. Adrian Pfenniger, Chef des Luzerner Zahnbürstenherstellers Trisa, sagt im Gespräch mit unserer Zeitung: «Vieles deutet darauf hin, dass sich die Überbewertung des Frankens in der Endphase befindet. In den USA steigen die Zinsen Schritt um Schritt, und Europa wird nachziehen. In ein bis zwei Jahren dürfte die Schweizer Währung im Vergleich zum Euro wieder nahe an der Kaufkraftparität sein.» Das Familienunternehmen exportierte im vergangenen Jahr Waren im Wert von 125 Millionen Franken. Produziert wird alles in der Schweiz, in Triengen und Ebnat-Kappel, durch mehr als 1100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Erholung käme bestimmt nicht zu früh. In den vergangenen sechs Jahren habe die Schweiz Tausende von Industrie-Arbeitsplätzen unwiderruflich an das Ausland verloren. «Die Margen litten, und darum floss vielerorts auch weniger Geld in Investitionen und die Entwicklung», sagt Adrian Pfenniger.

Auch beim Industrieunternehmen SFS in Heerbrugg hinterliess das Wechselkursproblem tiefe Spuren. Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses habe «sehr weh getan», sagt Mediensprecher Claude Stadler. Fast alles, was die mit rund 1500 Mitarbeitern dotierte Produktion in der Schweiz herstellt, geht in den Export. Mit dem Ziel, die Stärken der Schweizer Produktionsstandorte zu nutzen und die inländische Belegschaft zu halten, investiert die Firma hierzulande nur noch in kapitalintensive Projekte mit einem hohen Automatisierungs- und Innovationsgrad. «Eine nachhaltige Abschwächung des Frankens gäbe uns Rückenwind», sagt Stadler. «Aber langfristig gehen wir davon aus, dass wir mit einem starken Franken leben müssen.»


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