«In dieser Branche fliegt man auf Sicht»

REIDEN ⋅ Seit 150 Jahren ist der Anbieter von Handstrickgarn, Lang & Co. AG in Reiden, präsent. Firmenchef Jakob Lang spricht über eine Branche im Umbruch, hohe Zölle und strickende Männer.
20. Mai 2017, 00:00

Interview: Maurizio Minetti

maurizio.minetti@luzernerzeitung.ch

Jakob Lang, für Sie bricht jetzt wohl die schlimmste Zeit des Jahres an. Wer braucht schon Wolle im Sommer?

Umsatzmässig kommt jetzt tatsächlich eine Delle. Auf der anderen Seite haben wir aber in dieser Zeit die grössten Auftragseingänge für die Hebst-Winter-Kollektion.

Woher wissen Sie, welche Garne im Winter in Mode sein werden?

Dafür ist unser Produktmanagement hier in Reiden verantwortlich. Wir analysieren den Markt und schauen, was gekauft wird. Wir gehen an die wichtigen Messen und sind im Textilverband organisiert. Zudem besuchen wir alle sechs bis acht Wochen unsere Produzenten.

Stichwort Produzenten: Woher kommt die Wolle, die Sie verkaufen?

Heute lassen wir unsere Wolle gemäss unseren Vorgaben von Zulieferern in Norditalien herstellen. Die Hersteller sitzen etwa in Biella oder Prato. Bis 1992 hatten wir in Reiden eine eigene Baumwollspinnerei, wo wir Handstrickgarn, aber auch Garne für die Industrie hergestellt haben. Der Strukturwandel in der Branche hat uns aber dann gezwungen, die Spinnerei zu schliessen. Mit dem Freihandel und der Öffnung des Eisernen Vorhangs ist ja ein grosser Teil der Schweizer Textilindustrie abgewandert. Seitdem konzentrieren wir uns nur noch auf Handstrickgarn.

Stricken gilt seit einigen Jahren wieder als cool. Hält der Trend weiterhin an?

Ein individuelles Produkt selber herzustellen, ist tatsächlich seit einigen Jahren im Trend. Davon profitieren wir. Aber Stricken ist auch Zyklen unterworfen. Eine Frau strickt nicht jeden Pullover selber. Sie geht natürlich auch zu H&M oder Zara. Diesen Gegensatz sieht man auch in anderen Branchen: Slow Food und Fast Food gehen Hand in Hand.

Stricken auch Männer?

Ja, aber natürlich viel weniger. Im Gegensatz zu früher geben Männer heute aber vielleicht eher zu, dass sie stricken. Früher geschah das im Geheimen.

Und Sie?

Ich kann ansatzweise stricken, würde mich aber nicht als Stricker bezeichnen.

Sie verkaufen 400 Tonnen Garn pro Jahr, drei Viertel davon in den Euro­raum. Wie haben Sie den jüngsten Frankenschock erlebt?

Die Aufhebung des Mindestkurses durch die Nationalbank Anfang 2015 hat uns natürlich wie alle anderen Betriebe in der Schweiz auf dem falschen Fuss erwischt. Unsere Gewinnmarge ist heute auf einem viel tieferen Niveau als vor dem Frankenschock. Auf der anderen Seite sind die Preise unserer Lieferanten in Italien für uns natürlich auch gesunken. Deshalb hatten wir im inländischen Markt zunächst eine Margensteigerung, aber im Export einen starken Margeneinbruch. Wir haben das abgefedert, indem wir die Preise in der Schweiz nicht sofort gesenkt haben, weil wir ja noch Ware an Lager hatten, die wir zum früheren, höheren Preis eingekauft hatten.

Andere Firmen in Ihrer Branche haben die Kurve nicht gekriegt. Letztes Jahr hat mit Hermann Bühler bei Winterthur die letzte Schweizer Baumwollspinnerei geschlossen. Auch Ihr direkter Mitbewerber, das Strickwollen-Unternehmen Schulana aus Rapperswil-Jona, ging in Konkurs. Wie wollen Sie sicherstellen, dass Lang & Co. AG nicht das gleiche Schicksal ereilt?

So etwas kann man nicht voraussehen. Schliesslich weiss auch ich nicht, was in fünf Jahren sein wird. In dieser Branche fliegt man immer auf Sicht. Aber unsere Positionierung stimmt mich zuversichtlich: Wir sind international aufgestellt. Wir zählen uns zu den drei führenden europäischen Anbietern im Fachhandel. Durch die konsequente Strategie der Europäisierung in den letzten 20 Jahren haben wir uns sehr breit in den wichtigsten Märkten in Europa aufgestellt. Wir werden so auch bei starken Marktschwankungen eine kritische Betriebsgrösse nicht unterschreiten.

Haben Sie keine Diversifizierungsstrategie?

Wir haben in den Neunzigerjahren in Ökotextilien investiert. Aber wir kannten den Markt zu wenig. Am Schluss hätten wir zu viel investieren müssen, also zogen wir uns wieder zurück. Sehen Sie: Wir sind in den letzten Jahrzehnten durch eine brutale Transformationsphase gegangen. Ich bin überzeugt, dass es richtig war, die industrielle Produktion aufzugeben. Heute konzentrieren wir uns nur noch auf Handstrickgarn. In unserem Segment sind wir marktführend. Das soll so bleiben, deshalb wollen wir uns nicht mit anderen Geschäften verzetteln.

Was macht Ihnen Sorgen?

Dass wir pro Jahr etwa 200000 Franken Zölle bezahlen. Wenn wir die Ware aus Italien importieren, zahlen wir Zoll drauf. Wenn wir sie dann wieder in den EU-Raum exportieren, bezahlen wir noch einmal Zoll. Unsere Mitbewerber im EU-Raum können hingegen ihre Ware von Spanien nach Deutschland verschieben, ohne einen Cent für den Zoll zu bezahlen. Wir reden hier von den sogenannten Ursprungsbedingungen. Die sind für die Garnbranche miserabel.

Was können Sie dagegen tun?

Nicht viel. Nur eine Verschiebung des Lagers und damit der ganzen Firma in den EU-Raum würde helfen. Aber das wollen wir nicht. Sollten sich die Bedingungen hierzulande aber verschlechtern, könnte man sagen: Bevor wir hier die Lichter löschen, gehen wir rüber.

Wären Sie offen für einen Verkauf der Firma?

Im Moment nicht. Eine Beteiligungs­gesellschaft im Umfeld der italienischen Industriellenfamilie Agnelli wollte uns vor einem Jahr ein Übernahmeangebot machen. Ich habe aber abgelehnt.

Warum?

Ich möchte die Kontrolle noch nicht abgeben. Zwei Kollegen haben ihre Firma verkauft und einen Haufen Geld gemacht. Aber die sind nicht glücklich geworden.

Und die nächste Generation, ist sie schon in den Startlöchern?

Es gibt genügend Nachwuchs in der Familie, aber derzeit ist die siebte Generation noch nicht im Unternehmen tätig. Ob die Jungen dereinst Führungsverantwortung übernehmen möchten, kann ich heute noch nicht sagen. Irgendwann muss man die Firma sicher weitergeben.

Dann aber vielleicht zu einem tieferen Preis als heute …

Das weiss man nicht. Solange ich kann, geniesse ich meine Freiheit als Unternehmer.


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