«Jetzt sind wir definitiv aufgewacht»

CHINA ⋅ Mit der Eröffnung des neuen Campus in Schanghai hat Schindler eines der grössten Investitionsprojekte der Firmengeschichte abgeschlossen. Nun will CEO Thomas Oetterli den Marktanteil im Reich der Mitte ausbauen – auch mit Übernahmen.
18. Mai 2017, 00:00

Interview: Roman Schenkel, Schanghai

roman.schenkel@luzernerzeitung.ch

Thomas Oetterli, die Eröffnungsfeier des Schindler-Campus in Schanghai (siehe Ausgabe vom 16. Mai) begann mit dem Song «Bittersweet Symphony» der britischen Band The Verve. Bittersüss passt zu Schindler in China: süss die Eröffnung des neuen Werks, bitter die Flaute im chinesischen Markt.

Der chinesische Markt war die letzten zwei Jahre rückläufig, und auch der Preisdruck ist enorm. Von Flaute würde ich aber nicht sprechen. Wir sind Jahr für Jahr über dem Markt gewachsen. So bitter ist das nicht. Zudem ist China nach wie vor bei weitem der grösste Markt der Welt. Wir müssen hier lokal präsent sein, China kann man nicht von einem anderen Standort aus bearbeiten. Unser Campus ist einzigartig in der Industrie. Das wird uns hier auf jeden Fall stark helfen. Insofern ist das ein süsser Moment.

Wie entwickelt sich der chinesische Markt?

Das Marktumfeld bleibt schwierig. Nach den ersten Monaten des Jahres ist der Markt gemessen an Stückzahlen bei Neuinstallationen rückläufig. Wir gehen fürs ganze Jahr von einer Stagnation bis zu einem leichten Rückgang aus. Für 2018 haben wir die Hoffnung, dass es besser wird: Es gibt mehr Baubewilligungen, und die Leute haben mehr Bauland gekauft. Auf der anderen Seite kämpft die Regierung dagegen, dass sich eine Immo­bilienblase bildet. Sie hat Massnahmen ergriffen, um den Markt abzukühlen. Eine Prognose ist schwierig. Fest steht einzig: Auch bei einem Rückgang bleibt China die grösste Opportunität in unserer Branche. Mir ist deshalb nicht bange.

Was bedeutet das neue Werk hier in Jiading für Ihr Unternehmen?

Wir sind sehr stolz. Die Bedeutung ist immens – auch für die Chinesen. Sie sehen, dass wir in ihrem Land ins Personal, in die Entwicklung und in die Produkte investieren. Wir haben hier die grösste Fahrtreppenfabrik der ganzen Branche und eine grosse Aufzugsfabrik. Das zeigt unser Bekenntnis zu China.

Was bringen die neuen Produktionskapazitäten dem Geschäft?

Historisch gesehen haben wir uns stark auf Geschäftshäuser und Hochleistungsanlagen konzentriert. Auch bei den Fahrtreppen sind wir vorne dabei, speziell im kommerziellen Bereich. Schwächer waren wir im Wohnungsbaumarkt. Da haben wir erst vor wenigen Jahren begonnen. In China werden Wohngebäude im Schnitt 30 bis 40 Stockwerke hoch. Dafür braucht man andere Technologien als für Häuser, wie wir sie in Europa kennen. Deshalb haben wir viel Geld in die Produktentwicklung investiert. Nun haben wir hier vor Ort eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung mit über 150 Ingenieuren sowie einen 200 Meter hohen Testturm. Wir produzieren nun in China für China. Mit dem neuen Werk sind wir noch kompetitiver geworden. Ich bin überzeugt, dass wir auch künftig über dem Markt wachsen werden.

Die Konkurrenz muss sich also wärmer anziehen.

Ich bin Luzerner, mein Wappentier ist der Löwe. Wir waren ein schlafender Löwe. Jetzt sind wir definitiv aufgewacht. Wir haben ein klares Ziel: Wir wollen der führende Anbieter in China werden.

Wie wollen Sie Marktanteile holen?

Wichtig ist das organische Wachstum. Dazu ist eine gute geografische Abdeckung notwendig. Mit rund 200 Niederlassungen in China haben wir dies erreicht. Es braucht zudem einen starken Fokus auf die richtigen Segmente: Hochleistungsanlagen, Wohnungsbau und Fahrtreppen. Wir arbeiten inzwischen mit grossen Entwicklungsgesellschaften und Baufirmen eng zusammen. Sie akzeptieren uns als Partner. Sie wissen, Schindler bietet Qualität, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit.

Ihre Kriegskasse ist auch gut gefüllt.

Organisches Wachstum allein wird nicht ausreichen, um Marktführer zu werden. Wir haben schon zwei Joint Ventures und sind offen für weitere Zukäufe. Unsere Bilanz ist gut, wir haben viel Liquidität zur Hand. Damit sind wir agil. Wir können schnell Mittel verwenden und auch bei grösseren Unternehmen zuschlagen, wenn sich eine Chance bietet. Nicht nur in China, auch global wollen wir unsere Akquisitionsaktivitäten verstärken.

Auch das Servicegeschäft in China wird immer grösser.

China wird der wichtigste Servicemarkt auf der Welt, das steht ausser Frage. Im letzten Jahr sind wir in diesem Bereich um über 20 Prozent gewachsen. Dabei wollen wir übers Neuanlagegeschäft und über Zukäufe unser Portfolio im Servicebereich vergrössern. Bei Neuinstallationen versuchen wir, möglichst viele Neuanlagen in unser Serviceportfolio zu überführen. Reparaturen und zukünftige Modernisierungen geben uns eine nachhaltige Geschäftsmöglichkeit.

Wie stark ist das neue Werk schon ausgelastet?

Das Fahrtreppenwerk haben wir bereits 2014 bezogen. Es brummt ohne Ende. Bei den Aufzügen haben wir nach wie vor eine Fabrik am Standort Suzhou. Von dort migrieren wir in den nächsten Jahren eine Produktlinie nach der anderen. Es gibt noch etwas Platz, die Produktlinien, die hier sind, sind aber ausgelastet.

Wichtig fürs Wachstum ist das Personal. Sie brauchen viele und gut ausgebildete Leute.

Im Servicebereich wächst unser Portfolio rapide. Wir müssen jedes Jahr Hunderte Leute als Servicetechniker einstellen. Das ist eine grosse Herausforderung – ein Lehrlingswesen wie in der Schweiz gibt es nicht. Also bilden wir die Leute selber aus. Dafür haben wir zwölf Ausbildungsstätten, wo unsere Mitarbeitenden über Wochen oder Monate geschult werden. Ohne Schindler-Zertifizierung geht bei uns niemand ins Feld.

Mit der Eröffnung des Werks ist ein strategisches Ziel erreicht. Welchen Markt haben Sie nun im Auge?

China bleibt dominant. Ich bin gespannt, wie sich Indien entwickeln wird. Das Land hat ungefähr gleich viele Einwohner wie China, der Aufzugsmarkt ist aber rund achtmal kleiner. Dort sind wir ebenfalls mit einer Aufzugs- und einer Fahrtreppenfabrik vor Ort. Wahrscheinlich wird Indien nicht so gross wie China, aber der Markt wird stark wachsen. Daneben haben wir Südostasien, den Iran und die Türkei im Auge. Das heisst aber nicht, dass wir die «alten» Märkte wie die Schweiz oder Deutschland vernachlässigen. Das sind sehr profitable Märkte, in denen wir uns ebenfalls weiter verbessern wollen.

«Ich bin Luzerner, mein Wappentier ist der Löwe.»

Thomas Oetterli

Schindler-CEO


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