Kapital oder Rente?

ALTERSVORSORGE ⋅ Für den Bezug des Pensionskassen-Kapitals spricht die grössere finanzielle Freiheit im Alter. Für die Rente spricht die grössere finanzielle Sicherheit. Vorsorge- und Steuerfachleute analysieren ein vereinfachtes Beispiel.
01. Juli 2017, 00:00

Rainer Rickenbach

rainer.rickenbach@luzernerzeitung.ch

Unter angehenden Rentnern um die 60 ist die Frage «Kapital- oder Rentenbezug?» ein häufiges Gesprächsthema. Was ist richtig? Und für wen ist was wichtig? Ein Vorsorgefachmann der Obwaldner Kantonalbank und ein Steuerexperte von PWC Schweiz haben für unsere Zeitung an zwei stark vereinfachten Beispielen die Vorzüge und die Nachteile der beiden Bezugsarten des Pensionskassen-Alterskapitals analysiert.

Die Ausgangslage: Ein Neurentner hat sich entschieden, das ganze Kapital aus der Pensionskasse abzuzügeln, weil er nicht glaubt, sehr alt zu werden. Eine Neurentnerin hingegen ging auf Nummer sicher und lässt sich den Löwen­anteil ihres Sparvermögens als Rente auszahlen. Beide hatten 600 000 Franken angespart. Er lässt sich alles auszahlen, legt 50 000 Franken zurück, zahlt die Steuern und teilt sich den Rest auf 15 Jahrestranchen auf. Sie nimmt 50 000 Franken aus der Pensionskasse und bezieht den Rest als Rente (siehe Grafik oben).

Kapitalbezug: Mehr Freiheit und mehr Risiken

Was spricht für den Kapitalbezug des 65-jährigen Mannes? «Er kann flexibel über sein Sparkapital verfügen und ist somit unabhängig in seiner Finanzplanung», sagt Thomas Omlin, Anlageberater Private Banking bei der Obwaldner Kantonalbank. Wem es wichtig ist, dass nach dem Tod die Nachkommen und nicht die Pensionskasse übrig gebliebenes Kapital erhalten, entscheidet sich eher für den Kapitalbezug. «Sollte beim Tod der Beispiel-Frau noch Sparkapital vorhanden sein, fällt dieses der Pensionskasse zu. Die Erben würden leer ausgehen», sagt Omlin. Da unsere beiden Beispiel-Rentner ledig sind, dürfte indes für sie die Erbfrage keine entscheidende Rolle gespielt haben.

Kein Zweifel: Wer sein Kapital bezieht, kann freier darüber verfügen. Freilich nimmt er auch mehr Unwägbarkeiten auf sich als die Rentenbezügerin in unserem Beispiel. Omlin: «Damit die Rechnung des Mannes aufgeht, muss er diszipliniert das jährliche Budget von gut 33000 Franken aus seinem Sparkapital einhalten, und er darf nicht älter als 80 werden.» Nur die monatliche AHV-Rente von 2350 Franken ab 80 – damit würde es finanziell sehr eng.

Kommt hinzu, dass nicht mehr die Pensionskasse, sondern er selbst das ganze Anlagerisiko trägt. Spielen die Finanzmärkte verrückt und die Börsenwerte fallen in den Keller, kann sich die Beispiel-Rentnerin beruhigt zurücklehnen. Auf ihre Rente hat es keinen Einfluss. Das Risiko trägt die Pensionskasse. Er hingegen hat sein Vermögen selber angelegt und muss mit den Folgen allein fertigwerden. «Die Frau wird bis zum Lebensende von einer gleichbleibenden Rente profitieren, verfügt aber über weniger Flexibilität, wenn es um grössere Anschaffungen geht», bilanziert Dominik Birrer, Leiter Steuern bei PWC in Luzern.

Nach Adam Riese gilt: Je weniger lange jemand nach Rentenantritt lebt, desto mehr zahlt sich der Kapitalbezug aus. Geht unser Beispiel-Mann mit 75 Jahren von dieser Welt, kann er theoretisch nach Begleichung der Steuerrechnung für den Kapitalbezug pro Jahr mehr als 50000 Franken Pensionskassen-Ersparnisse ausgeben. Das ist über einen Drittel mehr als die Frau mit der Rente. Doch bereits mit 80 ist der Unterschied klein, wie unser Grafik-Beispiel deutlich macht. Wenn der Mann sein Vermögen fein säuberlich auf 15 Jahre aufteilt, bleiben ihm bis zu diesem Alter noch 2766 Franken pro Monat aus dem Pensionskassen-Geld. Zusammen mit der AHV macht das eine Monatsrente von 5116 Franken. Danach muss er mit der AHV über die Runden kommen. Die Rentenbezügerin erhält mit insgesamt 5008 Franken nicht viel weniger – und das bis zum Lebensende. Nach 80 fährt die Rentenbezügerin mit jedem Jahr finanziell besser als der Kapitalbezüger.

Nur: Das alles rechnet sich auf dem Papier leichter als in der Wirklichkeit. Denn niemand weiss im Voraus, welches Alter er erreicht. Vorsorgeberater empfehlen, nicht so sehr auf den letzten Rappen zu achten, sondern sich von der inneren Stimme leiten zu lassen. Wer in Finanzangelegenheiten ängstlich ist und sich wenig zutraut, fährt mit der Rente besser. Sie ist sicher und geht bis zum Lebensende auf dem Konto ein. Wer sich hingegen zutraut, diszipliniert mit Geld umzugehen, und über ein geschicktes Anlagehändchen verfügt, kann das Wagnis mit einer grossen Kapitalauszahlung eingehen. Dazwischen gibt es mit Kapitalteilbezügen in verschiedensten Höhen zahlreiche Zwischenlösungen. Professionelle Beratung hilft, die massgeschneiderte Lösung zu finden.

Reicht das Geld für einen Heimaufenthalt?

Mit zunehmendem Alter rückt die Frage in den Vordergrund: Wie komme ich finanziell über die Runden, wenn ich zum Pflegefall werde? Die Kosten für ein Heim können sich schnell auf 4000 oder 6000 Franken pro Monat belaufen, hinzu kommt ein Pflegekostenanteil von mehr als 600 Franken monatlich. Für unsere Beispiel-Rentnerin würde es knapp reichen. Sollte aber der Beispiel-Mann wider Erwarten über 80 Jahre alt werden und ein Pflegeheimaufenthalt notwendig werden, müssen die Steuerzahler aushelfen. «Ein Pflegeheimaufenthalt liegt bei ihm ohne Ergänzungsleistungen und Sozialhilfe nicht drin», sagt Omlin von der Obwaldner Kantonalbank. Birrer von PWC ergänzt: «Bis zu einer Freigrenze müssen Heimbewohner die Kosten aus ihrem Vermögen berappen. Diese Kostenbeteiligung spricht eher für den Bezug einer Rente.»


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