«Man sollte die Branche nicht totreden»

ZUG ⋅ Christoph Lengwiler, der abtretende Leiter des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug, und sein Co-Leiter Linard Nadig über Erfolg trotz Spardruck und den Wandel in der Finanzindustrie.
06. Juni 2017, 00:00

Interview: Maurizio Minetti und Livio Brandenberg

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Christoph Lengwiler, warum geben Sie nach 20 Jahren die Leitung jenes Instituts ab, das Sie gegründet und massgeblich mitgeprägt haben?

Lengwiler: Jeder, der mich kennt, weiss, dass ich die letzten 20 Jahre wirklich Vollgas gegeben habe. Ich habe immer gesagt, dass ich zum richtigen Zeitpunkt zurücktreten will und nicht erst dann, wenn man froh ist, dass ich gehe. Das 20-Jahr-Jubiläum ist ein guter Moment, um loszulassen. Es fällt mir aber dennoch schwer, weil ich letztlich hier alles aufgebaut habe, natürlich mit Unterstützung des ganzen Teams. Ich bin überzeugt, dass mein Nachfolger Andreas Dietrich zusammen mit Linard Nadig das Institut weiterhin erfolgreich führen wird.

Sie bleiben dem Institut aber erhalten?

Lengwiler: Ich bin weiterhin Dozent und werde noch Forschungsprojekte betreuen. Jedoch werde ich flexibler sein als bisher. Ich werde meine Belastung nach meinen Bedürfnissen regulieren können, da ich nicht mehr die Verantwortung als Institutsleiter trage.

Sie sind unter anderem Verwaltungsrat der Berner Kantonalbank und Mitglied des Bankrats der Schweizerischen Nationalbank. Werden Sie nun weitere Mandate annehmen?

Lengwiler: Natürlich bin ich für interessante Angebote offen und habe ja auch mehr Zeit dafür. Aber grundsätzlich gebe ich meine Co-Leitungsfunktion ab, um etwas kürzerzutreten.

Wie kam es vor 20 Jahren eigentlich dazu, dass man in Zug ein Weiterbildungszentrum für Finanzberufe schuf?

Lengwiler: Die Situation war ganz anders als jetzt. Heute besteht schweizweit schon fast ein Überangebot an Weiterbildungsmöglichkeiten in diesem Bereich. Damals war das Angebot hingegen sehr überschaubar. Ausserdem gab es in Zug viel mehr Arbeitsplätze im Bankenbereich.

Das hat sich mittlerweile ja geändert. In den letzten Jahren hat die Finanzindustrie krisenbedingt viele Jobs abgebaut. Wie zukunftsträchtig ist es, heute noch Weiterbildungen im traditionellen Bankengeschäft anzubieten?

Nadig: Was wir am IFZ tun, ist ja genau das, was es in dieser aktuellen Lage braucht: Unsere Aus- und Weiterbildungen geben den Finanzfachleuten das Rüstzeug, um mit den aktuellen Entwicklungen schritthalten und fachlich fit bleiben zu können. Dies hilft ihnen, sich im umkämpften Arbeitsmarkt zu behaupten.

Lengwiler: Aber es ist schon so, dass wir im Windschatten der Branche operieren. Wenn in der Finanzbranche gespart wird, spüren wir das auch in Form von weniger Anmeldungen. Dafür gibt es dann später vielleicht einen Nachholeffekt. Letztlich haben wir aber auch von der Finanzkrise profitiert, die ja eine Verschärfung der Regulierung ausgelöst hat. Darum wächst die Nachfrage nach Kursen im Bereich Compliance und Risikomanagement. Grundsätzlich glaube ich, dass man die Finanzbranche nicht totreden sollte. Kompetente Finanzfachleute wird es immer brauchen, aber sie müssen sich mit neuen Themen beschäftigen. Dazu zählt derzeit in erste Linie die Digitalisierung, welche die Finanzindustrie radikal verändert.

Wie reagieren Sie darauf?

Lengwiler: Wir beschäftigen uns in der Forschung mit der Digitalisierung in der Bankbranche und mit Fintech-Firmen. Unsere neuen Lehrgänge zu diesen Themen sind sehr gefragt, weil sich die Banken mit den absehbaren Veränderungen auseinandersetzen müssen.

Das IFZ ist finanziell selbsttragend, letztes Jahr haben Sie fast 10 Millionen eingenommen. Sie erhalten auch von der Hochschule Luzern jährlich 1 Million Franken. Wozu?

Lengwiler: Wir finanzieren damit unsere allgemeine Forschung und die Vorbereitung von extern finanzierten Projekten. Man muss aber auch beachten, dass wir letztes Jahr eine halbe Million Deckungsbeiträge an die Hochschule Luzern abgeliefert haben.

Die Hochschule Luzern steht aktuell unter finanziellem Druck aufgrund des Sparpakets des Kantons. Spüren Sie das?

Lengwiler: Ja, die Mittel werden knapper und die Budgetvorgaben enger. Allerdings haben wir den Vorteil, dass wir als teilautonomes Profit-Center auch selber beeinflussen können, wie wir mit finanziellen Engpässen umgehen.

Wie meinen Sie das?

Lengwiler: Wenn die Hochschule Luzern den verlangten Deckungsbeitrag beispielsweise um 200000 Franken erhöht, haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder sparen wir das Geld ein oder wir versuchen, einen Effort zu machen und zusätzliches Geld zu erwirtschaften. Bislang haben wir die zweite Variante bevorzugt.

Das klingt einfach.

Lengwiler: Ja, ist es aber nicht. Wir müssen uns dann überlegen, welche neuen Produkte und Projekte wir lancieren können, die uns dann wirklich Einnahmen generieren. Wir können zum Beispiel auch eine zusätzliche Person einstellen, die dann aber mindestens ihre Lohnkosten relativ schnell wieder hereinholen muss.

Nadig: Die Sparmassnahmen des Kantons wirken sich auch beim Personal aus. Lohnkürzungen und Einschränkungen im Personalrecht verschlechtern die Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeitenden. Wegen der Arbeitszeiterhöhung müssen sie zum Beispiel mehr leisten für den gleichen Lohn. Das Personal zeigt zwar ein gewisses Verständnis für solche Massnahmen. Die Frage ist aber, wie häufig man negative Signale gegenüber dem Personal aussenden kann.

Welche Gefahren sehen Sie hier?

Lengwiler: Das Sparen wirkt sich direkt auf die Motivation aus. Wir sind am IFZ auf die Eigeninitiative und das unternehmerische Denken unserer Mitarbeitenden angewiesen. Nicht selten arbeiten diese selbst am Wochenende und am Abend an Projekten - auch wenn sie damit nicht zusätzlich mehr Lohn bekommen. Die Gefahr besteht, dass diese Bereitschaft langfristig sinken könnte.


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