Mit dem Zinssatz sinken die Mieten

WOHNKOSTEN ⋅ Der für die Mietpreise massgebende Referenzzinssatz fällt auf ein Allzeittief. Es ist die achte Senkung in Folge. Die Mieter können nun eine Preisreduktion einfordern. Einen automatischen Anspruch darauf gibt es aber nicht.
02. Juni 2017, 00:00

Rainer Rickenbach

rainer.rickenbach@luzernerzeitung.ch

Es sei ein guter Tag für die Mieter, sagte gestern Mieterverbandspräsident Carlo Sommaruga. Er und sein Team waren auf den Tag gut vorbereitet. Denn es deutete sich schon im Winter an, dass das Bundesamt für Wohnungswesen den Leitzins für die Mietpreise jetzt von 1,75 auf 1,5 Prozent heruntersetzen würde. Vor drei Monaten blieb es nur haarscharf beim alten Wert. Die 1,5 Prozent gelten ab heute Freitag. So tief war der Referenzzinssatz für Wohnungsmieten seit seiner Einführung vor neun Jahren noch nie. Gestartet war man damals mit 3,5 Prozent.

Ein guter Tag war es aus Sicht Sommarugas darum, weil nun der Weg für eine weitere Senkungsrunde bei den Mietpreisen geebnet ist. Ein Viertelprozent weniger bedeutet für die meisten Mieter eine Mietzinsreduktion von 2,91 Prozent. Sie wird für die meisten beim nächsten Kündigungstermin von Ende September wirksam. Die Ersparnis kann ganz schön einschenken: Bei einem Mietpreis von beispielsweise 2200 Franken macht das im Monat 64 Franken weniger Wohnkosten aus. Auf ein Jahr gerechnet sparen die Mieter immerhin gut 728 Franken (siehe auch Grafik).

Es gibt indes keinen automatischen Anspruch auf weniger Mietzins. Die Vermieter können berechtigte Gründe geltend machen, die einer Senkung im Wege stehen. Dazu zählen etwa höhere Unterhalts- und Betriebskosten oder Renovationen. Wenn sich die Wohnungsbesitzer nicht von sich aus melden, empfiehlt sich ein Brief an sie (siehe Kasten).

Verbandspräsident Sommaruga hob gestern am Medientermin in Bern die volkswirtschaftliche Bedeutung von Wohnpreissenkungen für die über zwei Millionen Mieterinnen und Mieter in der Schweiz hervor. «Seit 2009 hätten die Mieten um 7 Milliarden Franken sinken müssen. In Tat und Wahrheit sind sie um 2,5 Milliarden Franken angestiegen», kritisierte er. So entgingen den Mietern und der Wirtschaft Milliarden für Konsumausgaben, Investitionen oder die freiwillige Altersvorsorge, während sich Immobilienbesitzer die Hände rieben. «Mit durchschnittlichen Renditen von 7 Prozent steht der Mietwohnungsmarkt einzigartig da», so Sommaruga. Dass die Mieter im Nachteil sind, rechnete Verbandsvizepräsidentin Marina Carobbio mit einem Vergleich vor: Sie geben gemäss Statistik mehr als 18 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen aus, die Wohneigentümer dagegen nur etwa 10 Prozent. Ihr Fazit: Nur wer es sich leisten kann, in den eigenen vier Wänden zu wohnen, profitiert vollumfänglich von den historisch tiefen Zinsen.

Noch tiefer sinkt der Mietleitzins kaum

Einen anderen Blick auf die Dinge haben naturgemäss die Hauseigentümer. Auch ihr Verband stellte gestern seine Berechnungen vor. Die Immobilienbesitzer investierten jedes Jahr rund 10,5 Milliarden Franken in den Unterhalt von Wohngebäuden, teilte er mit. «Weitere 8 Milliarden Franken fliessen in wertvermehrende Investitionen. Davon entfallen 5,4 Milliarden Franken auf energetische Sanierungen.» Was der Hauseigentümerverband (HEV) damit sagen will: Mieteinnahmen sind nicht mit Gewinnen gleichzusetzen, denn die Immobilienbesitzer geben sich Mühe, ihre Gebäude in Schuss zu halten. Die Investitionen vollzögen sich ohne «grosse Mietzinserhöhungen», so der HEV. Er verweist auch darauf, dass der Mietkostenanteil am Durchschnittslohn seit 1996 auf dem gleichen Niveau verharrt.

Der mit Milliardensummen garnierte Schlagabtausch zwischen den beiden Verbänden hat Tradition. Über die Zahlen lässt sich diskutieren, aber sie machen das Ausmass deutlich, um das es bei Bewegungen des Mietleitzinses geht.

Wahrscheinlich wird es in nächster Zeit aber etwas ruhiger. Denn zum einen zeichnet sich wegen der hohen Bautätigkeit ein Ende der Wohnungsknappheit ab, und zum andern dürfte der Referenzzinssatz nach acht Senkungen in Folge den Tiefstwert erreicht haben. Die Credit Suisse hält eine weitere Abwärtsbewegung für «sehr unwahrscheinlich». Sie glaubt indes auch nicht an eine schnelle Gegenbewegung. «Wir rechnen damit, dass der Referenzzinssatz mindestens bis ins zweite Halbjahr 2019 bei 1,5 Prozent verharren und anschliessend nur sehr langsam ansteigen wird», heisst es in der Einschätzung der Grossbank.


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