Noch nie so viele Suva-Betrüger überführt

LUZERN ⋅ Der Unfallversicherer verstärkt den Kampf gegen Betrüger. 2016 konnte die Suva ungerechtfertigte Leistungsbezüge von 18 Millionen Franken verhindern. Nun hofft die Suva im Kampf gegen Versicherungsmissbrauch auf Schützenhilfe durch die Gesetzgeber.
10. Mai 2017, 00:00

Ernst Meier

ernst.meier@luzernerzeitung.ch

Die Geschichten von überführten Versicherungsbetrügern hören sich oftmals ganz simpel an, dahinter steckt jedoch viel kriminelle Energie – und oftmals braucht es viel Aufwand, um die Betrüger definitiv zu überführen. Da ist zum Beispiel die Geschichte eines jungen Paares, das an einem Herbsttag im Auto unterwegs ist. In einem Kreisel kollidiert sein Fahrzeug mit einem anderen Auto. Das Paar verletzt sich und erhält in der Folge von der Suva Leistungen von mehr als 250000 Franken zugesprochen. Doch wenig später meldet die Autogarage, dass das Unfallfahrzeug schon vor der Kollision nicht mehr fahrtüchtig war. Nun nimmt sich die Koordinationsstelle für Missbrauchsbekämpfung der Suva dem Fall an. Sie startet aufwendige Nachforschungen und deckt auf: Der ganze Unfall wurde von den beteiligten Parteien fein säuberlich organisiert.

Für Fälle wie diese hat die Suva 2007 eine zuständige Koordinationsstelle geschaffen, 2015 wurde sie personell auf 15 Mitarbeiter vergrössert. Mit Erfolg: Im letzten Jahr ist es der Luzerner Unfallversicherung gelungen, eine Rekordzahl an Verdachtsfällen zu untersuchen. «2016 verhinderten wir dank systema­tischer Missbrauchsbekämpfung mehr Leistungsbezüge als je zuvor», wie Roger Bolt, Teamleiter Missbrauchsbekämpfung der Suva, gestern erklärte. In Zahlen ausgedrückt: 18 Millionen Franken konnte die Versicherung einsparen. Das sind 5 Millionen Franken mehr als in den beiden Vorjahren. Untersucht hat die Suva-interne Abteilung 949 Verdachtsfälle, 375 mehr als im Vorjahr. 2007 lag diese Zahl noch bei 140.

Auch gewerbsmässiger Betrug kommt vor

Beim Missbrauch scheinen die Betrüger in Sachen Fantasie und krimineller Energie keine Grenzen zu kennen. Laut Suva kommt es vor, dass gewisse Akteure gewerbsmässig vorgehen, wie ein weiteres Beispiel zeigt. Ein Gipserunternehmer richtete seine Geschäftstätigkeit nicht in erster Linie darauf aus, möglichst gute Arbeit zu erledigen und seine Kunden zufriedenzustellen. Vielmehr organisierte er Versicherungsbetrügereien, indem er immer wieder verunfallte Angestellte seiner Firma bei der Suva meldete. Diese arbeiteten jedoch munter weiter, während sie Taggeld von der Suva kassierten.

Sechs Mitarbeiter, darunter auch Verwandte des Unternehmers, waren in den Betrug involviert und spielten ohne Hemmungen mit. Dabei wurde der Luzerner Unfallversicherer um über 140000 Franken geprellt. Nachdem die Suva den Betrügereien auf die Schliche gekommen war, erfolgte eine Anzeige. Das Gipsergeschäft ging wenig später in Konkurs.

Im Kampf gegen Versicherungsbetrug setzt die Suva auf verschiedene Massnahmen und lässt jeweils alle verdächtigen Fälle von der Koordinationsstelle für Missbrauchsbekämpfung untersuchen. So werden nur Leistungen ausbezahlt, wenn die Versicherungsdeckung stimmt und der Unfallhergang geklärt ist, erklärt Roger Bolt. «Die Suva kann dafür bei anderen Sozialversicherern Akten einsehen. Sie kann weiter Strafregisterauszüge und Steuerunterlagen anfordern. Auch die medizinische oder die einkommensmässige Situation von Rentenbezügern wird regelmässig überprüft», sagt Bolt. Die Spezialisten der Suva würden jedem Hinweis auf mögliche Inkorrektheiten nachgehen. «Diese ergeben sich aus Unstimmigkeiten in den Akten oder kommen von Suva-Agenturen, anderen Versicherungsunternehmen, Behörden, aber auch aus der Bevölkerung», erläutert Bolt. Künftig will die Suva mit internen Datenanalysen Versicherungsbetrügern noch früher auf die Schliche kommen, wie das Unternehmen verkündet. Denn die Dunkelziffer sei hoch, heisst es. In rund 380 Fällen – 40 Prozent der von der Suva untersuchten Fälle – konnte im letzten Jahr Versicherungsmissbrauch nachgewiesen werden, bei rund 60 Prozent der Verdächtigungen konnte die versicherte Person vom Vorwurf befreit werden. «Unsere Aufgabe in der Missbrauchsbekämpfung ist es, Klarheit zu schaffen. Das kann für den Betroffenen auch positive Auswirkungen haben, da er selten nur bei einer Stelle verdächtigt wird», sagt Roger Bolt.

2016 verzeichnete die Suva rund 461000 Unfallmeldungen. «Die grosse Mehrheit unserer Kunden bezieht die Leistungen zu Recht», sagt Roger Bolt. «Aber einige wenige können einen Millionenschaden anrichten.» Dieser würde zu Lasten der ehrlichen Prämienzahler gehen, denn der Unfallversicherer funktioniert nach dem Solidaritätsprinzip. Das heisst, die Suva zahlt die Leistungen an verunfallte Versicherer aus dem Topf der Prämienzahler.

Die Suva ist nicht der einzige Ver­sicherer, der rigoros gegen Verdächtige vorgeht. Auch die Luzerner CSS verfolgt eine Null-Toleranz-Politik. Der grösste Grundversicherer der Schweiz beschäftigt vier Personen, um verdächtigen Rechnungen auf den Grund zu gehen. Laut einem CSS-Sprecher wird das Team in diesem Jahr mit neuen Spezialisten aufgestockt. 2016 hat die CSS Betrugsfälle im Volumen von rund 7,5 Millionen Franken aufgedeckt, wie es heisst.


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