Vor dem Börsengang blüht Zur Rose auf

VERSANDAPOTHEKE ⋅ Seit einem Jahr steigt der Wert der Frauenfelder Zur Rose Group AG kontinuierlich an. Früher als geplant, geht das Unternehmen nun an die Schweizer Börse SIX. Die Verantwortlichen sehen den Schritt als Startschuss zu neuem Wachstum.
23. Juni 2017, 00:00

Stefan Borkert

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

174 Seiten dick ist der Angebotsprospekt der Zur Rose Group AG. Gestern Morgen hat damit die Frauenfelder Versandapotheke ihre Schlussrunde zum Börsengang an die Schweizer Börse SIX eingeläutet. Von Gang, verbunden mit Gemütlichkeit, kann jedoch kaum die Rede sein. Denn eigentlich handelt es sich um einen Börsenspurt. Der Zieleinlauf ist nämlich schon am 6. Juli und damit deutlich früher, als zunächst erwartet. Zur-Rose-Chef Walter Oberhänsli begründet das mit der momentan überaus günstigen Marktsituation. Bisher wurde die Aktie ausserbörslich gehandelt, sie hat sich gerade im letzten Jahr überdurchschnittlich gut entwickelt (siehe Grafik).

Zur Rose rechnet beim Börsengang mit einer Kapitalerhöhung von 200 bis 230 Millionen Franken. Man wolle die zufliessenden Mittel in erster Linie für die Beschleunigung der Wachstumsstrategie und die Stärkung sowie den Ausbau der Position als führende Versandapotheke Europas einsetzen, sagte Oberhänsli gestern vor Medien in Zürich. In Europa sieht er sehr grosses Wachstumspotenzial. Frankreich nennt Oberhänsli, Deutschland und auch die nordischen Länder. «Europa ist eine grüne Wiese», fährt Oberhänsli fort. Er zeigt sich fest entschlossen, diese Wiese für die Zur Rose Group auch zu erschliessen. Laut Communiqué werden insgesamt gut 1,8 Millionen Aktien ausgegeben. Diese setzen sich aus 1,67 Millionen neuen und rund 136000 bestehenden Aktien zusammen. Letztere hat die Gesellschaft von Mitgliedern des Verwaltungsrates und des Managements erworben. Walter Oberhänsli erklärt, dass durch diese Emission persönliche Steuerzahlungen kompensiert würden.

Gute Ausgangslage mit Tochterfirma in Deutschland

Der Chef der Zur Rose Group plant allein in Deutschland Investitionen in Höhe von 50 bis 60 Millionen Franken, um die Marktposition im nördlichen Nachbarland weiter auszubauen. In Deutschland ist die Zur-Rose-Tochter Doc Morris bereits Marktführer im Pharma-Versandhandel. 2012 hatte Zur Rose das niederländische Unternehmen gekauft. Diese Akquisition brachte die Zur Rose Group auch in Europa an die Spitze.

Derzeit laufen Verhandlungen für eine weitere grössere Akquisition, die bis im Herbst unter Dach und Fach sein soll. Ausserdem sind in Deutschland auch die Werbemassnahmen verstärkt worden, um noch mehr Wachstum zu generieren, erklärte Walter Oberhänsli. Aktionäre von der Zur Rose Group AG dürfen zunächst nicht mit einer Dividende rechnen, denn das Kapital wird für die Umsetzung der Wachstumsstrategie eingesetzt. 60 bis 80 Millionen Franken sollen in die Eroberung der Märkte in weiteren europäischen Ländern gesteckt werden.

Schliesslich will Zur Rose auch in die Digitalisierung investieren und die Kooperationen mit Krankenkassen und Detailhändlern verstärken. Anfang Juli eröffnet Zur Rose die erste Shop-in-Shop-Apotheke in einer Migros-Filiale in Bern. Für die Schweiz sähe Zur Rose in der Kooperation mit der Migros gute Möglichkeiten, um auch im Inland zu wachsen, sagt der Geschäftsleiter. Im Online-Handel sieht er unterdessen ebenfalls grosse Chancen. Der Online-Marktanteil sei mit 2 Prozent nach wie vor verschwindend klein. Gebremst habe den Aufstieg des Online-Handels vor allem die Regulierung. So sei erst vor Kurzem in Deutschland die Preisbindung bei rezeptpflichtigen Medikamenten gefallen. Das zeigt bereits Wirkung. Seither wachsen dank Preisnachlässen die Online­volumen rasant. Gemäss einer Studie soll sich der E-Commerce-Umsatz im deutschen Medikamentenmarkt bis 2021 auf 3,1 Milliarden Franken gar verdoppeln.

In der Schweiz hofft Zur Rose durch Kooperationen zu wachsen. Hier wird eine Strategie verfolgt, die auf Online- und stationärem Handel beruht. Der Angebotsbereich beschränkt sich dabei auf rezeptpflichtige Medikamente, weil das Bundesgericht mit einem Urteilsspruch 2015 die Hürden für den Online-Verkauf von nicht­rezeptpflichtigen Medikamenten deutlich erhöht hat.

Mit dem Gang an die Schweizer Börse SIX vom 6. Juli 2017 kann Zur Rose selber zum Übernahmekandidaten werden. «Wir möchten jedoch selbstständig bleiben», betonte Oberhänsli. Eine Vorkehrung dazu sei die Strategie mit dem Ankeraktionär Corisol. Die Beteiligungsgesellschaft der Unternehmerfamilie Frey hält 20,8 Prozent an der Zur Rose Group (siehe Interview rechts). Auf weitere Massnahmen wie der Beschränkung der Stimmrechte wird verzichtet.


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