Nachgefragt

«Wir sind auf dem Weg zur Normalisierung»

21. Juni 2017, 00:00

Aymo Brunetti (54) ist Professor für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Bern. Zuvor leitete der Nationalökonom und Autor zahlreicher Fachliteratur die Direktion für Wirtschaftspolitik beim Bund (Seco).

Aymo Brunetti, die Wirtschaft erholt sich. In den USA ist die Zinswende erfolgt. Auch Europa zeigt nach oben. Geht die Erholung weiter?

Es ist sicher eine positive Entwicklung, die wir erleben. Gegenüber der Situation vor ein bis zwei Jahren hat sich das weltwirtschaftliche Bild wesentlich verbessert. Das heisst aber nicht, dass die strukturellen Probleme, vor allem im Euroraum, bereinigt sind. Brexit, die ganze Konstruktion des Euroraums – und auch in den USA gibt es noch einige Fragezeichen. Kurzfristig sehen wir jedoch eine breite Erholung, wenn auch das Wachstum noch eher bescheiden ist.

Auslöser der Wirtschaftskrise war der Finanzsektor. Als Folge hat man die Branche reguliert. Banken müssen heute über deutlich mehr Eigenkapital verfügen und mehr regulatorische Vorschriften erfüllen als noch vor zehn Jahren. Braucht es weitere Reformen?

Die grösste regulatorische Herausforderung war die Too-big-to-fail-Problematik. Das stand auch am Ursprung der ganzen Krise. Hier ist man mit der Verbesserung der Situation überall, vor allem aber auch in der Schweiz weit gekommen. Die Situation der Grossbanken ist durch die höheren Eigenmittel- und Liquiditätsanforderungen stark verbessert worden. Auch im Kundenschutz wurden wichtige Massnahmen aufgegleist. Ich denke, die grossen Regulierungsschübe in der Finanzbranche sind weitgehend vorbei.

Banken und Versicherungen sehen sich durch neue Mitbewerber unter Druck gesetzt. Branchenfremde wie Apple oder Amazon bieten vermehrt auch Finanzdienstleistungen an. Auch Start-ups wirbeln die gesamte Branche auf. Könnten Fintech-Firmen dank der Digitalisierung und Technologien wie Blockchain das Bankenwesen so aufrütteln, wie es der E-Commerce beim Detailhandel getan hat?

Ich sehe das als natürlichen technologischen Schub, welcher der Finanzbranche bevorsteht. Dieser fordert die bestehenden Strukturen heraus. Der Strukturwandel bietet aber auch viele Chancen. Natürlich werden Szenarien herumgereicht, dass Apple, Google & Co. künftig weite Teile des Bankings übernehmen werden. Doch ganz so einfach sehe ich das nicht. Gerade im Banking spielen Vertrauen, Reputation und langfristige Kundenbeziehungen eine grosse Rolle. In der Vermögensverwaltung beispielsweise kann ich mir zum Beispiel schlecht vorstellen, dass künftig ein Roboter den Bankberater ablösen wird. Sicher ist aber: Nach dem Regulierungsschub kommt ein Technologieschub auf die Banken zu, der sie herausfordern wird. (eme)


Leserkommentare

Anzeige: