Die Bedürfnisse haben sich verändert – sind aber noch da

LUZERN ⋅ Heute beginnt im Stattkino das 15. Pink Panorama. Zum Jubiläum zeigt das lesbischwule Filmfestival auch eine Ausstellung in der Kunsthalle. Doch gibt es noch Bedarf an solchen Veranstaltungen?
10. November 2016, 00:00

Früher fanden lesbische und schwule Menschen in Luzern eine aktive Community: Die Halu (Homosexuelle Arbeitsgruppe Luzern) spielte über die Zentralschweiz hinaus eine wichtige Rolle, im Club Uferlos gab es einen Treffpunkt. Mit der Auflösung der Halu vor zwei Jahren und dem Wechsel im «Uferlos» fielen die zentralen Institutionen weg. Hat sich die Queer-Szene aufgelöst?

«Wir haben uns vor knapp drei Jahren als Queer-Office zusammengetan. Unser Verein möchte politische und kulturelle Veranstaltungen, aber auch Treffpunkte, Partys und andere Events organisieren», so Kathy Bajaria von Queer-Office. Bis jetzt hat die Organisation jeweils eine Winter- und eine Sommerparty auf die Beine gestellt, «aber wir hören von der Szene, dass man sich mehrere Veranstaltungen wünscht, dafür kleinere».

Halu war ein «Auslaufmodell»

Das Queer-Office sieht sich aber weniger als Partyorganisatoren, sondern eher als Plattform und Vermittler von Kontakten und Know-how für Leute, die Initiative entwickeln wollen. Initiative war auch das Thema bei Halu: «Die Halu löste sich nicht auf, weil es keine Szene mehr gab. Es war eher so, dass diese Form von Organisation ein Auslaufmodell war, zumal die Halu auch keine Subventionen bekam und es schwierig war, Leute zu finden, welche sich in Freiwilligenarbeit engagieren wollten», erklärt der ehemalige Halu-Präsident Thomas Eichenberger.

Queere Menschen – Homosexuelle und Transmenschen – finden auch heute in Luzern noch Zugang zur Community: «Wir organisieren jeden Dienstag das ‹Queerbad›, ein Treffpunkt, bei dem man sich austauschen kann. Es ist auch eine gute Anlaufstelle für Leute, die sich bezüglich ihrer Orientierung oder Identität unsicher fühlen, kurz vor einem Outing stehen oder Fragen haben», erklärt Christian Sprenger von Queer-Office.

Dass es die Halu und das «Uferlos» so nicht mehr gibt, zeigt aber, dass die Szene sich gewandelt hat. «Die Bedürfnisse haben sich in den letzten 15 Jahren stark verändert. Heute sind wir viel mobiler, gerade Zürich mit seinen Bars und Clubs ist viel näher gerückt. Ausserdem kann man sich einfach im Internet kennen lernen und auch zu Informationen kommen», erklärt Marco Müller, Organisator von Frigay Night, der monatlichen Gayparty im «ElCartel». Bereits seit 13 Jahren findet diese statt und erfreut sich grosser Beliebtheit. Was aber Frigay Night wie auch die restliche Club- und Barszene bemerkten, sei eine Verlagerung in den privaten Raum.

«Früher war wohl das Bedürfnis nach einem geschützten Rahmen, wie etwa im ‹Uferlos›, grösser. Die Integration von queeren Menschen ist besser geworden, man kann auch an eine nicht-queere Party gehen, ohne Repressalien befürchten zu müssen», betont Kathy Bajaria. Trotzdem höre sie immer wieder Geschichten von Leuten, die sich outen und von Familie oder Freunden verstossen werden oder direkte Gewalt erfahren. Darum sei es wichtig, dass es in Luzern wieder eine Beratungsstelle oder zumindest einen Treffpunkt für Jugendliche gebe. In Zukunft möchte sich das Queer-Office auch damit auseinandersetzen, wie queere Themen in den Schulen behandelt werden.

«Auf dem Land braucht es noch mehr Zeit»

Die Schwulen- und Lesbenszene Luzern ist also alles andere als tot. Doch sie verändert sich mit der Zeit und natürlich auch mit den Generationen. «Diejenigen, die schon 30, 40 Jahre in der Szene sind, haben noch ganz andere Kämpfe mitgemacht. Sie haben auch andere Bedürfnisse als die 20-Jährigen. Doch gerade das Pink Panorama ist ein Generationentreffpunkt», erklärt Bajaria. Ausserdem gäbe es bezüglich den Rechten von Queer-Menschen noch viel zu tun. «Die Schweiz liegt diesbezüglich im Verhältnis zu anderen europäischen Ländern im Ranking nur auf Platz 23 von 49 – hinter Albanien, Montenegro oder Ungarn», erzählt Christian Sprenger.

Dass zum Teil noch ein langer Weg zu gehen ist, werde auf dem Land sichtbar. «Ich habe kürzlich auf einer Party in Willisau aufgelegt, da waren die Organisatoren enttäuscht, dass nur wenig Leute kamen. Aber gerade auf dem Land braucht das noch Zeit», so Kathy Bajaria. Und auch der Wahlsieg von Donald Trump bewegt: «Der Sieg von Trump macht es deutlich. Der Kampf für gleiche Rechte von Lesben, Schwulen, Transmenschen und anderen Minderheiten ist heute nötiger denn je. Das Pink Panorama setzt sich seit 15 Jahren für diese Mission ein», so Marco Müller.

Natalie Ehrenzweig

stadt@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Weitere Infos: www.queeroffice.ch, www.frigay.ch


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