Hallenbad investiert in Sicherheit

Allmend Während des tödlichen Unfalls war das Sicherheitssystem ausgeschaltet – weil es nicht funktionierte. Ein neues System aus Norwegen soll nun das bisherige ersetzen.

17. Oktober 2016, 00:00

Niels Jost

niels.jost@luzernerzeitung.ch

Nach dem tragischen Badeunfall im Hallenbad Luzern, bei dem ein vierjähriger Knabe gestorben ist, hat die Luzerner Staatsanwaltschaft die Untersuchungen aufgenommen (Ausgabe von Donnerstag). Der Fall bewegt. Unter anderem deshalb, weil das Hallenbad auf der Luzerner Allmend mit total 43 Unterwasserkameras ausgerüstet ist, die bei solchen Vorfällen eigentlich nach 18 Sekunden einen Alarm auslösen müssten.

Allein im Nichtschwimmerbecken, aus dem der Vierjährige herausgezogen werden musste, sind neun solcher Kameras installiert. Zum Unfallzeitpunkt waren sie jedoch ausgeschaltet. Stefan Schlatter, Geschäftsführer der Hallenbad Luzern AG, erklärt, warum: «Die Revision im Sommer hat aufgezeigt, dass teils Rechner nach vier Jahren nicht mehr zuverlässig funktionierten – bei einer Temperatur von 30 Grad ist das üblich.»

Hinzu kommt, dass das schräg abfallende Nichtschwimmerbecken dem System Schwierigkeiten bereite. Denn im Becken kann der Hubboden nach Bedarf abgesenkt werden. Deshalb wurden die Kameras nicht wie üblich in den Wänden, sondern am Boden eingebaut, sagt Schlatter. «Die Kameras haben deshalb ­einen anderen Blickwinkel und sind zum Teil direkt in die Sonne gerichtet.» Je nach Lichteinfall kommt es dadurch zu Fehlalarmen. Nach der Installation im Jahr 2012 geschah dies sehr oft, so Schlatter. Der Entwickler habe das System jedoch laufend an die Gegebenheiten angepasst.

Entwickelt für Tiefwasserbereich

Wie viele Fehlalarme es gegeben hat, werde nicht erfasst. «Wir konnten sie aber auf ein vernünftiges Mass reduzieren», sagt Stefan Schlatter und fügt an: «Das System wurde für den Tiefwasserbereich entwickelt und nicht für seichtere Nichtschwimmerbecken.» Aus einem Protokoll der städtischen Baudirektion über den Neubau des Hallenbades aus dem Jahr 2011 ist aber zu entnehmen, dass «der Einsatz auch in Nichtschwimmerbereichen (inklusive Becken mit Hubboden) praxiserprobt ist».

Laut Schlatter können die Kameras im Nichtschwimmerbecken nicht gleich gut reglose Körper erkennen, wie in tieferen Becken, da die Gäste im seichten Wasser oft stehen oder sitzen. «Selbst für die Badmeister ist es gerade im Nichtschwimmerbecken schwierig, zu beurteilen, ob ein Kind tauchen übt oder eben nicht.» Schlatter betont, dass das Sicherheitssystem bloss eine Ergänzung zum Badmeister ist. «Es kann wertvolle Zeit gewinnen, da es eine zusätzliche Beobachtung ist. Es kann aber nicht garantieren, dass keine Unfälle geschehen.» In «einigen Ernstfällen» habe das System Alarm ausgelöst. Der Badmeister war jeweils schneller zur Stelle und konnte Schlimmeres verhindern.

Da die Kameras im Lernschwimmbecken nicht zuverlässig genug sind, wird «in den nächsten Wochen» ein neues System aus Norwegen eingebaut, sprich: die bestehende Software ausgetauscht. Diese habe man bereits bei einem Lieferanten aus Küssnacht bestellt, unabhängig vom Unfall vor einer Woche.

Neuheit in der Schweiz, in Skandinavien erprobt

Das System gebe es in Skandinavien bereits in über 50 Bädern, in der Schweiz ist es das erste seiner Art. Die Neubeschaffung ist im Budget der Hallenbad Luzern AG einberechnet. Das komplette aktuelle System, das mit dem Neubau des Hallenbades im Jahr 2012 installiert wurde, kostete 360000 Franken. Die Kosten für den ganzen Neubau beliefen sich auf rund 30 Millionen. Zum neuen System sagt Stefan Schlatter: «Auch das hat Grenzen und wird im Lernschwimmbecken nur mit Einschränkungen funktionieren.» Im Unterhalt werde es gleich teuer sein wie das aktuelle. Dieser kostet rund 10000 Franken pro Jahr.

Das neue System basiert auf einer anderen Technologie: Neu wird jede Person gescannt und – vereinfacht gesagt – ein Rahmen um den Schwimmer gelegt. Diesen behalten die Kameras im Bild. Sobald sich die Person nicht mehr bewegt oder es andere Unregelmässigkeiten gibt, wird Alarm ausgelöst.

Die Installation solcher Sicherheitssysteme unterstützt der Verband Hallen- und Freibäder. Deren Präsident, Thomas Spengler, sagt auf Anfrage: «Die Technologien stehen noch am Anfang, werden sich in den nächsten Jahren aber wohl schnell weiterentwickeln.» Von den schweizweit rund 600 Hallen- und Freibädern haben nur eine Handvoll ein solches Kamerasystem. Da die Systeme noch nicht stark verbreitet sind und ihre Technologien laufend entwickelt werden, gebe es noch keine geltenden Normen oder Richtlinien, sie zu verwenden, sagt Spengler: «Wichtig ist in erster Linie, dass das Personal gut ausgebildet ist und innert kürzester Zeit reagieren kann.»


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