«Manche öffnen die Tür im Pyjama»

LIEFERSERVICE ⋅ Vor 25 Jahren eröffnete Paul Conrad den ersten Pizzakurier in Luzern. Er erzählt, wie sich das Geschäft verändert hat – und was seine Mitarbeiter alles erleben.

12. Oktober 2016, 00:00

Natalie Ehrenzweig

region@luzernerzeitung.ch

«Nach meiner ersten Nacht wusste ich, dass ich ein zweites Auto brauche», erinnert sich Paul Conrad (49) an den Erfolg seines Lieferdienstes. Conrad war vor 25 Jahren mit Pizza Pronto der Erste, der in Luzern einen Pizza-Lieferservice anbot. Davor war er drei Jahre in Mittelamerika am Reisen. «Weil mein Visum zwischendurch ablief, bin ich in die USA gereist. Dort habe ich zum ersten Mal Pizza-Lieferdienste gesehen, und es war mir klar: Das kommt auch bei uns.» Zurück in der Schweiz, hat dann ein Freund dem gelernten Bäcker/Konditor geraten, seine Idee umzusetzen. «Damals war ich mir gar nicht bewusst, dass ich ein Risiko eingehe. Ich habe Pizza Pronto mit sehr wenig Eigenkapital gegründet, konnte mir den ersten Pizzaofen gratis in Chur organisieren und habe mit einem Inserat nach einem geschenkten Kühlschrank gesucht. Ich hatte nichts zu verlieren», erzählt der Pionier.

Inzwischen sind 25 Jahre vergangen. Haben die Pizza-Lieferdienste, die es inzwischen überall gibt, den traditionellen Pizzerien das Leben schwer gemacht? Conrad: «Natürlich trägt die Möglichkeit, sich Essen nach Hause liefern zu lassen, zum Beizensterben bei. Doch die Konkurrenz besteht nicht zwischen Pizzeria und Lieferdienst. Wer zum Italiener geht, bekommt die Atmosphäre dazu, das ganze Paket. Ich hingegen bringe etwas Italien zu den Leuten nach Hause.»

Erwartungen sind gestiegen

Heute habe man weniger Zeit zum Kochen, dafür ein gutes Einkommen. «Dann kommt ein Pizza-Lieferdienst gerade recht. Das führt auch dazu, dass die gutbürgerliche Schweizer Küche rarer wird», glaubt Conrad. Die Erwartungen an das Essen sind dafür vielfältig geworden. «In einer Pizza hat es Weizen. Und eine Pizza ist nicht kalorienarm. Bei einer Pizza steht also nicht die Gesundheit im Vordergrund, sondern der Genuss», betont Paolo. Würde er eine glutenfreie Pizza anbieten wollen, müsste diese in einem sterilen Umfeld produziert und dann luftdicht verpackt werden. «Dafür sind wir am Abklären, ob wir künftig laktosefreien Mozzarella anbieten», ergänzt er. Nachhaltigkeit beschäftigt Paul Conrad aber noch an anderer Front: «Wir liefern die Pizzen per Auto aus. Und das möchte ich auch so beibehalten wegen der Arbeitssicherheit. Aus Umweltschutzgründen sind nun bei uns Elektroautos im Gespräch.» Sicherheit ist Paul Conrad wichtig. Nur zweimal in der Firmengeschichte wurde ein Kurier auf der Strasse ausgeraubt. Auch Unfälle kamen nur sehr selten vor. «Aber ich brenne mich noch immer am Pizzaofen», schmunzelt er.

Seit einem Jahr ist Pizza Pronto nun an der Reusseggstrasse. «Von hier aus kommen wir bestens über die Autobahn in alle Richtungen», erklärt Conrad. «Wir überlegen uns, zusätzlich eine kleine Filiale in der Stadt zu eröffnen.» Die Branche werde sich weiter verändern. «Pizza-Lieferung per Drohne oder fahrer­losem Auto ist die Zukunft, davon bin ich überzeugt.» Einen Schritt in die Zukunft hat Pizza Pronto gerade getan: Mit dem iPhone kann man per App eine Pizza bestellen – Ende Monat gibts die App auch für Android. Beim ­Online-Bestelldienst eat.ch sucht man Pizza Pronto aber vergeblich. «Die 10 oder 11 Prozent, die ich da abgeben müsste, das wäre dann der Gewinn. Das heisst, wir müssten anderswo einsparen», sagt Conrad. Er will unabhängig bleiben. «Es gab einen Zeitpunkt, als ich mir überlegte, mehr Filialen zu eröffnen. Damals kam aber meine Tochter zur Welt. Mir ist die Familie sehr wichtig, deshalb entschied ich mich dazu, mich auf mein Kind zu konzentrieren. ­Hätte ich das vor 13 Jahren anders gemacht, wäre ich heute wahrscheinlich nicht mehr an der Front, sondern würde im Anzug Business machen», sagt er lächelnd.

«Ketchup kommt nicht auf die Pizza»

Der 49-Jährige isst selber am liebsten Pizza Funghi. «Doch wir verkaufen am meisten Prosciutto und Margherita», verrät er. Jährlich liefert das zurzeit 12-köpfige Team an die 40 000 Pizzen aus. «Es gibt Kunden, die dem Kurier im Pyjama oder leicht bekleidet die Tür öffnen. Ältere Kunden erwarten manchmal, dass man ­ihnen die Pizza auch grad noch serviert, oder man wird zu einem Glas Wein eingeladen, wofür wir natürlich keine Zeit haben», erzählt Conrad, der selber sowohl Pizzen bäckt, Telefondienst macht und Lieferungen ausfährt. Doch er hat seine professionellen Grenzen. «Auch wenn es Kunden manchmal verlangen: Ketchup kommt mir nicht auf die Pizza.»


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