Stadtwärts

Des Nachbars Feldstecher

19. Juni 2017, 00:00

Eine hohe nachbarschaftliche Toleranzschwelle und die Fähigkeit, fremde Blicke zu ignorieren, gehören für mich zu idealen Eigenschaften für Stadtmenschen. Wie bereits früher an dieser Stelle ausgeführt, besitze ich keine Vorhänge, weil mir egal ist, wenn die Nachbarn in meine Wohnung schauen können. Auch dünne Wände und Geräusche aus der Nachbarswohnung stören mich nicht sonderlich. Insofern fühle ich mich wohl als Städterin.

Nun gibt es aber Nachbarn, die auch meine Toleranz strapazieren. So habe ich festgestellt, dass im Haus gegenüber ein Mann tagein, tagaus wie ein König rauchend auf seinem Balkon steht und «sein Reich» betrachtet. Dieses ist nicht die Strasse zwischen den Häusern, denn dort läuft meistens gar nichts. Nein, was seine Blicke auf sich zieht, sind die Wohnungen gegenüber – auch meine. So kann er mir dabei zuschauen, wie ich koche, abwasche oder auf dem Balkon die Pflanzen tränke.

Ein anderer Mann steht – interessanterweise direkt in der Wohnung darüber – ebenfalls auf dem Balkon und schaut. Zwar nicht so majestätisch wie der andere, dafür umso interessierter: Ganz ungehemmt zückt er sogar ab und zu den Feldstecher. Und ich habe nicht den Eindruck, dass er dabei Vögel beobachtet. Angesichts dieser hemmungslosen – ich kann es nicht anders sagen – Spannerei muss auch ich als tolerante Städterin sagen: Das, liebe Nachbarn, geht zu weit!

Beatrice Vogel

beatrice.vogel@luzernerzeitung.ch


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