«Die Chilbi zieht noch immer»

TRADITION ⋅ Es ist die Zeit der Putschiautos, Schiessstände, gebrannten Mandeln und Zuckerwatte. Das Chilbi-Leben floriert auch auf dem Land – vor allem dank der Mitarbeit vieler Vereine.
09. Oktober 2017, 00:00

Hugo Bischof und Sandra Monika Ziegler

region@luzernerzeitung.ch

Die Luzerner Herbstmesse Määs beim Inseli ist ein grosser Anziehungspunkt für Jung und Alt. Noch bis am Sonntag locken die vielen Bahnen und Marktstände das Publikum zuhauf. Rund 350 00 Besucherinnen und Besucher zählen die Veranstalter jeweils an der 16-tägigen Veranstaltung. Da müssen Chilbis rundum deutlich kleinere Brötchen backen. Viele kämpfen mit einem Besucherschwund. Deswegen musste die Kilbi Gisikon-Honau dieses Jahr erstmals gar abgesagt werden (Ausgabe vom 2. August).

Schaut man etwas weiter in die Landschaft hinaus, sieht man aber, dass die Kilbi-Tradition noch immer lebt. Auch dieses Wochenende fanden in vielen Luzerner Gemeinden wieder grössere und kleinere Kilbis statt. Der gestrige Kilbi-Sonntag unter der Egg in der Luzerner Altstadt gehört in diese Kategorie.

«Ein fester Bestandteil unseres Dorflebens»

Die vielen Kilbis (oder Chilbis) im Kanton Luzern leben vor allem vom Engagement der Dorfvereine – von Guuggenmusigen über Jungwacht/Blauring bis hin zum Frauenbund. Eine der Chilbis, welche dieses Wochenende stattfanden, ist jene von Grosswangen (siehe Bild). Sie geht immer am zweiten Wochenende im Oktober über die Bühne. Organisiert wird auch sie vorwiegend von Vereinen, darunter die Musikgesellschaften, der Fussballclub, die Männerriege und der gemeinnützige Frauenverein. Die Vereine präsentieren an ihren Ständen allerhand kulinarische Leckerbissen, aber auch andere Attraktionen, an denen man etwa seine Geschicklichkeit testen kann. Fester Bestandteil in Grosswangen – wie an vielen anderen Kilbis – sind Glücksräder. Wer Glück hat, gewinnt einen Lebkuchen oder sonst etwas Leckeres.

«Die Chilbi ist ein fester Bestandteil unseres Dorflebens – und sie zieht noch immer», sagt Roland Schaller, Leiter des Grosswanger Finanzamts. Er gibt uns auf telefonische Anfrage bei der Gemeindeverwaltung freundlich Auskunft. Hunderte Besucherinnen und Besucher, auch viele Kinder, tummelten sich jeweils auf dem Kronenplatz vis-a-vis der Kirche. «Auch viele ehemalige Grosswanger kommen, um alte Bekannte zu treffen; dann gibt’s immer interessante Gespräche», sagt Schaller. «Im Festzelt herrscht dann jeweils eine fröhliche Stimmung, am Samstag jeweils bis spät in die Nacht.»

Rösslispiel und Kettenflieger

Auch Fahrgeschäfte gibt es an der Chilbi Grosswangen. Natürlich nicht die Riesenbahnen wie an der Lozärner Määs. «Dafür ist der Platz bei uns zu beschränkt», erklärt Schaller. Ein Rösslispiel ist aber immer dabei. Dazu kommt vielfach ein Kettenflieger. Diesmal lockt gar «eine turbulente Fahrt mit der Kamikaze-Bahn», heisst es im Mitteilungsblatt der Kirche. Seit 45 Jahren stellt derselbe Schausteller an der Grosswanger Chilbi seine Bahnen auf, nämlich Rudolf Stieger. Auch das zeigt den familiären Charakter der Grosswanger Dorfchilbi.

Am kommenden Wochen­ende wird im Kanton Luzern nochmals so richtig Chilbi-Zeit herrschen (siehe Kasten). Dann locken wieder vielerorts Zuckerwatte, Putschiautos und Glücksräder. Die Herbst-Chilbi-Zeit im Kanton Luzern beginnt übrigens schon Anfang September. Eine Mehrheit der Chilbis sind jetzt also bereits vorbei.

Wichtiger Ort des Kennenlernens für Ledige

Kilbis wird’s aber auch noch am übernächsten Wochenende geben (20. bis 22. Oktober), eine der grösseren in der Agglomeration Luzern, in Kriens. Dort gibt’s heuer gar eine Neuerung: Bisher hatte die Krienser Chilbi ihren Standort etwas versteckt hinter dem Gemeindehaus. Wegen der Zentrumsüberbauung zügelt sie nun auf den Dorfplatz, inklusive Gallusstrasse, Kirchrainweg und Quellenstrasse. «Hier wird unsere Chilbi viel mehr Aufmerksamkeit erregen», heisst es im «Kriens info», dem offiziellen Mitteilungsblatt der Gemeinde und der Vereine. Speziell an der Chrienser Chilbi ist, dass hier am Sonntag um 15 Uhr das frisch gewählte Galli-Paar Einzug hält.

Im Gegensatz zu anderen Agglomerationsgemeinden, wo sie verschwunden ist, hält auch Buchrain an seiner Chilbi-Tradition fest. Sie findet dieses Jahr am 28. und 29. Oktober statt. Dank eines neuen Konzepts erlebe die Bueri-Chilbi gar einen Aufschwung, teilt die Gemeinde mit. Seit zwei Jahren besinne man sich auf das Traditionelle: «Chilbistände, Tanzmusik, Putschautos». Sogar mit einer Rollschuh-Disco wartet die Bueri-Chilbi am Samstagabend, 28. Oktober, auf. Ganz im Sinn der ins Mittelalter zurückreichenden Tradition des Kirchweihfests, aus dem die Chilbi oder Chöubi entstand – als wichtiger Ort des Kennenlernens für Ledige.

Nach Luzern kommt meist Basel

Was Fahrgeschäfte betrifft, so gibt es diese auch an den kleineren Dorfchilbis – natürlich in einem viel kleineren Ausmass als an der Lozärner Määs. Viele, die in Luzern waren, ziehen danach meist weiter an die Zuger Messe, die Olma und dann an die Basler Herbstmesse. Das gilt vor allem für grössere Fahrgeschäfte, wie das Nostalgieriesenrad der Familie Bourquin. Für sie rechnen sich Auftritte an einer Dorfchilbi weniger. Dafür ist der Aufbau zu aufwendig und die Besucherzahl zu gering, so Inhaber René Bourquin. Das Fahrgeschäft X-Factory der Schaustellerfamilie Büttiker-Mathys ist kleiner und einfacher im Aufbau. Deshalb sind für sie auch die kleineren Chilbis für einen Auftritt rentabel – nach Luzern kommt die Bahn übernächstes Wochenende nach Kriens.

Quasi ein Profi in Sachen Chilbi auf dem Land ist das Fahrgeschäft Unternehmen Kretz aus dem luzernischen Schongau. Mit seinen Nostalgie-Karussellen, Hüpfburgen und Miniscootern ist es landauf, landab präsent, das kommende Wochenende an der Dierikoner Chilbi.


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