«Die Ungarn sind ein stolzes Volk»

LUZERN ⋅ Ausland-Ungarn verfolgten die Wahlen in ihrer Heimat aufmerksam. Anna Deér (26) aus Luzern ärgert sich über den Wahlausgang – und erklärt, wie es dazu kommen konnte.
11. April 2018, 00:00

Interview: Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Bei den ungarischen Parlamentswahlen vom vergangenen Sonntag hat EU-Kritiker Viktor Orbán eine Zweidrittelmehrheit erobert. Der Wahlausgang wurde auch in Luzern mit Spannung verfolgt, etwa von der Halb-Ungarin Anna Deér. Die 26-Jährige wohnt in der Stadt Luzern, arbeitet als Illustratorin und interessiert sich nach eigenen Angaben für die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Heimatland ihres Vaters, das sie zwei- bis dreimal im Jahr bereist.

Anna Deér, wie beurteilen Sie den Ausgang der ungarischen Parlamentswahlen vom Sonntag?

Einerseits freut es mich sehr, dass die Wahlbeteiligung sehr hoch war. Das zeigt: Die Ungarinnen und Ungarn interessieren sich für die politischen Geschehnisse in ihrem Land. Trotzdem sehe ich den erneuten überdeutlichen Wahlsieg des Fidesz als äusserst problematisch an. Die Regierung Orbán ist korrupt, soziale Leistungen, das Gesundheitssystem und die Medienfreiheit wurden und werden beschnitten. Die öffentliche Hetze gegen George Soros, das Schüren von Ängsten und Hass gegenüber Migrantinnen und Migranten, der EU und ethnischen Minderheiten dienen in meinen Augen einzig und allein dem Machterhalt Orbáns und sind in höchstem Masse diffamierend.

Sie haben Verwandte und Bekannte in Ungarn. Inwiefern unterscheiden sich Ihre politischen Ansichten?

Meine nahen Verwandten leben allesamt in der Schweiz, Deutschland oder Österreich. Im Austausch mit Freundinnen, entfernteren Verwandten und Nachbarn, die in Ungarn leben, merke ich immer wieder, wie vor allem in ländlicheren Regionen und bei älteren Menschen die Loyalität zu Orbán und dem Fidesz ungebrochen ist. Dies trotz der bekanntgewordenen Korruptionsskandale. Oder aber es fehlt grundsätzlich das Vertrauen in jegliche politische Instanzen und damit die Hoffnung auf Besserung. Viktor Orbán wird als kleineres Übel in einer alternativlosen Parteilandschaft hingenommen oder sogar unterstützt. Auch aus dem Bedürfnis nach einer starken Führungspersönlichkeit, die für scheinbare Ordnung und wirtschaftlichen Erfolg sorgt.

Welche Rolle spielen dabei die Medien?

Eine sehr entscheidende. Denn wer in Ungarn sich lediglich über das Fernsehen und die regierungsnahen Zeitungen informiert und nicht gezielt nach unabhängigem Journalismus im Internet sucht, erlebt unbewusst eine mediale Manipulation. So beginnen Narrative der Angst und des Hasses nach und nach zu greifen. Die wenigen, die sich aktiv für oder in der Opposition engagieren, leben zumeist in der Hauptstadt, sind gut ausgebildet und eher jung. Aus Furcht vor einem Jobverlust verzichten viele darauf, ihre regierungspolitischen Ansichten offen zu äussern. In öffentlichen Ämtern oder in einem staatlich unterstützten Konzern kann nur Karriere machen, wer sich zur Regierung Orbáns bekennt oder sich zumindest in seiner Kritik stark zurücknimmt.

Wie erklären Sie sich die grosse Popularität von Viktor Orbán in Ungarn?

Die Antwort findet sich am ehesten in der Geschichte des Staates – Ungarn hat nach der sozialistischen Ära noch zu keiner demokratischen Normalität gefunden. Auch die vorangehenden Regierungen hatten Fehler gemacht: Es gab Fälle von Korruption und die Arbeitslosigkeit wurde zu wenig aktiv bekämpft. Das Vertrauen der Bevölkerung in ihr politisches System wurde dadurch nicht gestärkt. Zudem sind die Ungarn ein stolzes Volk: Die eigene Sprache, Kultur und Geschichte wird hochgehalten, der Nährboden für Nationalismus und illiberale Tendenzen ist damit vielleicht noch stärker gegeben als in anderen Ländern ohnehin auch.

In weiten Teilen Westeuropas wird Orbáns Ungarn als fremdenfeindlich wahrgenommen. Was sagen Sie dazu?

Diese Sicht stimmt absolut, wenn Sie den Bau des Grenzzauns zu Serbien und Kroatien bedenken und das Land nach der destruktiven Haltung der Regierung innerhalb der EU beurteilen. Dennoch muss man sehen, dass ein nicht geringer Teil der ungarischen Bevölkerung mit diesem Vorgehen nicht einverstanden ist und sich deshalb auch immer wieder Proteste und Demonstrationen erheben.


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