Eine Sechs für ihre Premiere

EBIKON ⋅ Aileen Fuchs (18) drehte für ihre Maturaarbeit erstmals in ihrem Leben einen Film – über einen jungen Flüchtling. Neben der Bestnote bescherte ihr das Projekt auch eine neue Freundschaft.
22. Juni 2017, 00:00

«Wie schlimm muss es um ein Land stehen, wenn sich eine ­Familie entscheidet, ihr minderjähriges Kind allein fortzuschicken?» Diese Frage stellte sich die Ebikonerin Aileen Fuchs, als sie sich an die Umsetzung ihrer Maturaarbeit machte – einen Film über Alexander H., der als 16-Jähriger aus Eritrea geflüchtet war (Ausgabe vom 15. Dezember 2016). Was folgte, war intensives Recherchieren, Ausprobieren und Überarbeiten. Schliesslich betrat die damals 17-Jährige Neuland, «ich hatte doch keine ­Ahnung vom Filmen».

Die Kamera lieh sie sich von der Kantonsschule Alpenquai, den Gesprächspartner fand sie im Zentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende Pilatusblick in Kriens. Während eines Jahres war Fuchs mit ihrem Dokumentarfilm beschäftigt, führte Interviews, sammelte rund vier Stunden Material und verarbeitete es schliesslich zu einem 20-minütigen Streifen. «Seine Mutter hatte viel Geld zusammengetragen, damit er gehen konnte. Hunger, Durst und Krieg machten die Situation in Eritrea untragbar», sagt Fuchs über Alexander. Die Reise in die Schweiz – zu Fuss, im Holzboot über das Mittelmeer, in Lastwagen und Autos – sei beschwerlich und gefährlich gewesen. «Er hat alles zurückgelassen. Während Alex sprach, sah man in seinem Gesicht, wie offen diese Wunde noch immer ist.»

Mittlerweile hat Aileen Fuchs die letzte Prüfung an der Kantonsschule Alpenquai geschrieben und die Note für ihre Maturaarbeit erhalten. «Eine Sechs», sagt sie und lächelt bescheiden. Gestern Abend fand die Maturafeier statt (siehe Kasten).

Nicht minder wichtig ist ihr das herzliche Verhältnis zum mittlerweile 19-jährigen Alexander. «Es ist eine Freundschaft zwischen ihm und meiner Familie entstanden, er kommt zu uns nach Hause zum Abendessen, für Gesellschaftsspiele, oder wir gehen gemeinsam ins Kino.» Und wie hält er Kontakt zu seiner eigenen Familie in Eritrea? «Das ist schwierig, weil seine Mutter jeweils in die nächstgelegene Stadt fahren muss, um ein Telefon zu finden. Sie sprechen höchstens einmal pro Monat miteinander.» Wenn sie es tun, dann mit Bedacht, weil in Eritrea die Telefongespräche abgehört würden. «Alex erzählte mir, dass seine Mutter ins Gefängnis gehen müsse, wenn man herausfinden würde, dass ihr Sohn das Land als Flüchtling verlassen habe.» Nun möchte die Familie Fuchs Alexander bei der Suche nach einer Anlehre als Automechaniker unterstützen.

Der Film bleibt wohl eine einmalige Sache

Und wie sieht die Zukunft von ­Aileen aus? Sie hat Gefallen gefunden am Filmemachen, einen beruflichen Einstieg in diese Branche kann sie sich allerdings nicht vorstellen. Da komme eher ein Wirtschaftsstudium, soziale Arbeit oder Tourismus in Frage. Vorderhand muss sie aber erst einmal realisieren, dass ihre Zeit an der Kanti vorüber ist, «irgendwie kann ich es noch gar nicht richtig glauben». Als Nächstes plant Fuchs ein Zwischenjahr, um sich nach insgesamt 12 Jahren Schule mit der Arbeitswelt vertraut zu machen.

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Der Film von Aileen Fuchs wird am 28. Juni im Rahmen der Aktionswoche Asyl um 19 Uhr im Pfarreiheim in Malters gezeigt.

www. Bilder der Maturafeiern auf: luzernerzeitung.ch/bilder

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