«Es braucht genügend Pensen»

SEKUNDARSCHULE ⋅ Die Aufhebung der Niveauklassen A, B und C stösst auf viel Skepsis. Der Erfolg des neuen Modells hänge entscheidend von den Lehrpersonen ab, sagt deren Verbandspräsidentin.
29. Juni 2017, 00:00

Interview: Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Die Stadt Luzern hat das integrierte Sekundarschulmodell eingeführt. Die Niveauklassen A, B und C werden aufgehoben, alle Lernenden in einer Stammklasse unterrichtet und nur Deutsch, Englisch, Französisch und Mathematik als Niveaufächer in separaten Lerngruppen geführt. Die Stadt Luzern lässt als einzige Gemeinde im Kanton aber auch Deutsch und Mathematik in der Stammklasse unterrichten, was auf Kritik stösst. Der Kanton gewährte dafür eine auf drei Jahre befristete Ausnahmebewilligung. «Das ist vertretbar», sagt Charles Vincent, Dienststellenleiter Volksschulbildung. Mathematik werde in vier bis fünf Lektionen pro Woche unterrichtet. Das reiche, «um diese Unterrichtsform organisierbar zu machen».

Neben dem integrierten gibt es das getrennte Modell (eine Stammklasse pro Niveau) und das kooperative Modell (zwei Stammklassen A/B und C mit Deutsch, Englisch, Französisch, Mathematik als Niveaufächern). Wir sprachen über die Modelle mit Annamarie Bürkli, Präsidentin des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbands.

Annamarie Bürkli, verstehen Sie die Kritik am integrierten Sekundarschulmodell und besonders an der Sonderregelung in der Stadt Luzern?

Es handelt sich hier um eine abgeänderte Form des integrierten Sekundarschulmodells an einem Schulort. Ob die Kritik angebracht ist, müsste bei den Lehrpersonen nachgefragt werden. Grundsätzlich sind alle drei Unterrichtsmodelle gleichwertig. Die Akzeptanz hängt stark vom Dialog mit den Betroffenen ab. Entscheidend ist, wie die Lehrpersonen das Modell mittragen.

In der Stadt Luzern ist die Skepsis vor allem bei Eltern sehr gross. Was ist zu tun?

Ein Modellwechsel braucht eine sehr sorgfältige Planung und viel Zeit, um alle Beteiligten auf diesen Weg mitnehmen zu können. Diesbezüglich war in der Stadt sicher genügend Zeit vorhanden, wurde doch der Wechsel bereits 2011 beschlossen.

Weshalb ist dann trotzdem Kritik entstanden?

Was ein Modellwechsel letztlich bedeutet, ist von aussen schwer vorauszusagen. So kann dann der Schulbetrieb unter den neuen Bedingungen zu Fragen und auch zu Kritik führen. Meistens steht dann die Frage im Raum, ob sich die Lernenden unter diesen speziellen Bedingungen auch gut weiterentwickeln können.

Sind die Modelle abhängig von der Grösse einer Schule?

Ja, die Schülerzahl einer Schule gibt das Modell vor. Den Ausschlag geben kann auch die finanzielle Situation; das betrifft vor allem kleinere Schulen. Je länger, desto mehr Schulen nehmen einen Systemwechsel aus pädagogischen Gründen vor, oft auch grosse Schulen. Solche Wechsel sind wie gesagt davon abhängig, ob sich die Lehrpersonen mit ihrem Modell identifizieren können.

Beim integrierten Modell werden Französisch, Englisch und Mathematik innerhalb der Stammklasse weiter in getrennten Niveaugruppen unterrichtet und die Schüler individuell gefördert und beurteilt. Macht dies Sinn?

Studien ergaben, dass in Klassen, in denen das Leistungsgefälle gross ist, der Lernzuwachs der einzelnen Schülerinnen und Schüler grösser ist als in «homogenen» Leistungsgruppen. Das Modell setzt aber verlässliche Rahmenbedingungen voraus.

Welche?

Es braucht überzeugte Lehrpersonen und genügend Pensen, das heisst genügend Lektionen für die Unterstützungsangebote wie IF und DaZ und Zeit für die Absprachen. Selbstverständlich spielt auch das Raumangebot eine grosse Rolle, damit die verschiedenen Lernangebote auch umgesetzt werden können.

Haben Sie Verständnis für die Sonderregelung in der Stadt?

Anscheinend stimmten im Setting der Stadt Luzern anfänglich die Ressourcen nicht. Um mehr Fächer in der Stammklasse zu unterrichten – mit individueller Förderung –, braucht es zusätzlichen zeitlichen und finanziellen Aufwand. Die vom Stadtrat beantragte Pensenaufstockung ist sicher eine Reaktion darauf. (Der Stadtrat beantragt im laufenden und im kommenden Schuljahr beim Parlament je 800000 Franken für die Umsetzung des Modellversuches, um entweder Pensenaufstockungen oder die Einstellung zusätzlicher Lehrpersonen zu finanzieren, d. Red.)

Dennoch: Ist die Ausnahmeregelung ein guter Entscheid?

Das wird die Zukunft weisen, wenn dieses Projekt nach drei Jahren evaluiert wird. Warum sollte aber etwas schlecht sein, was sich in der Primarschule schon jahrelang bewährt?

Gegner argumentieren, vor allem im Fach Mathematik sei das Leistungsgefälle zu gross.

Ich bin sehr gespannt, wie die grösseren Pensen nun eingesetzt werden. Team-Teaching, das heisst, dass zwei Lehrpersonen gleichzeitig im Schulzimmer sind, könnte helfen, dieses Problem zu entschärfen.

Kritiker befürchten, dass der Lehrplan so nicht eingehalten werden kann und vor allem die leistungsstärkeren Schüler darunter leiden.

Bei gutem Unterricht und genügend Ressourcen – je nach Heterogenität der Klasse braucht es mehr – kann auf alle Schüler genügend eingegangen werden. Die leistungsstärkeren Schüler profitieren unter anderem durch Vertiefung, selbstständiges Arbeiten und die Unterstützung von Mitschülern. Ich finde, die jetzigen Modelle sollten nicht «zementiert» werden; nur so ist eine Schulentwicklung möglich. Die wichtigsten Akteure, um die Schule vorwärtszubringen, sind die Lehrpersonen. Für ihren Versuch musste die Stadt bekanntlich eine Bewilligung beim Kanton einholen. Ich gehe davon aus, dass dort die Umsetzung genau beschrieben wurde.

Was wollen Sie damit sagen?

Wir haben uns dagegen gewehrt, dass aufgrund des kantonalen Sparpakets die Lehrpersonen im nächsten Schuljahr kostenlos mehr unterrichten müssen. In der Lohnentwicklung belegen wir im Vergleich zu unseren sechs Nachbarkantonen heute schon den letzten Platz. Die aktuelle Situation in der Stadt Luzern zeigt, dass unser Widerstand gerechtfertigt ist. Es zahlt sich nicht aus, Höchstleistungen vom Personal zu erwarten und im Gegenzug die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern.

Die Stadt Luzern müsste also die Lehrerpensen für dieses Modell auf der Sekundarstufe aufstocken?

Einen ersten Schritt dazu hat die Stadt ja jetzt getan. Ob diese Massnahme dann allgemein gültig werden muss, wird dann die Evaluation wohl zeigen.

www. Eine Übersicht über die Modelle in Luzerner Gemeinden auf: luzernerzeitung.ch/bonus

«In Klassen mit grossem Leistungsgefälle ist der Lernzuwachs der Schüler grösser als in ‹homogenen› Leistungsgruppen.»

Annamarie Bürkli

Präsidentin Lehrerverband


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