Stadtwärts

Fremdschlafen

17. Juli 2017, 00:00

Die einen lieben den Sommer, die anderen hassen ihn. Ich stehe mit meiner Meinung zwischen den Fronten. Ich kann ihm Schönes abgewinnen, finde ihn zuweilen aber auch mühsam. Nämlich dann, wenn ich nach der Arbeit in meine Dachwohnung komme. Mit jeder Stufe im Treppenhaus wird die Luft ein bisschen wärmer und abgestandener. Wenn die Schweisstropfen tagsüber noch nicht aus den Poren gedrungen sind, dann tun sie es auf der 22. Stufe das erste Mal.

Ich muss Ihnen nicht sagen, wie unangenehm Tropennächte sind. Diese stehen jedoch in keinem Vergleich zu den Temperaturen in meiner Dachwohnung. Schlafen bei teils über 35 Grad – unmöglich. Mittlerweile habe ich doch schon einige alternative Schlafplätze inner- und ausserhalb der Wohnung getestet: Der Küchenboden bleibt beispielsweise auch bei heissen Temperaturen relativ kühl – ist aber unbequem. Die Sitzbänke am Rotsee gehö­ren in die Kategorie «ungeeignete Schlafstätten». Und statt Bettflaschen lege ich Kühlelemente unter die Decke.

Lange dachte ich, ich sei mit dem schweisstreibenden Problem allein. Nachforschungen ergaben jedoch, dass viele Journalisten just unterhalb des Daches wohnen. Ein Psychoanalytiker käme wohl zum Schluss: Journalisten brauchen den Überblick, streben nach Höherem und trampeln anderen gerne auf dem Kopf rum. Die Wohnung aufzugeben, käme also einem Kontrollverlust gleich.

So werde ich diesen Sommer wohl noch ein paar heisse Nächte anderswo verbringen. Schliesslich ist Fremdschlafen mit deutlich mehr Abenteuer verbunden, als eine stöhnende Klimaanlage je bieten könnte.

Yasmin Kunz, Reporterin

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch


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