Kriens schickt seine Schüler bald nach Polen

AUSTAUSCH ⋅ Lehrer aus Kriens reisten jüngst ins polnische Krotoszyn, um das dortige Schulsystem und die Kultur des Landes kennen zu lernen. Dem Besuch sollen weitere folgen – hier wie dort.
14. November 2017, 00:00

Im Gegensatz zur Stadt Luzern, die ihre Städtepartnerschaft mit Cieszyn beendet hat, pflegt die Schule Roggern ihre Beziehungen zu Polen nach wie vor. Während der Herbstferien verbrachten acht Lehrpersonen der Krienser Sekundarschule eine Woche in Krotoszyn im Süden Polens.

Nachdem in den vergangenen Jahren mehrere Schüler­austausche zwischen Krotoszyn und Kriens stattgefunden haben, machten sich in diesem Jahr die Lehrer auf den Weg nach Polen. «Mit der Reise konnten wir uns sowohl persönlich als auch schulisch fortbilden. Der Austausch mit den polnischen Lehrern ermöglichte uns einen Einblick in die Art und Weise des Schulunterrichtes in anderen Ländern», erklärt Aleksandra ­Bossert, Sekundarschullehrerin in Kriens und Initiantin der diesjährigen Polenreise.

Fünf Besuche in 20 Jahren

Die ersten Schüleraustausche zwischen den beiden Kommunen starteten vor rund zwanzig Jahren. Bis 2010 fanden diese in unregelmässigen Abständen insgesamt fünf Mal statt. Dabei reiste jeweils eine Krienser Klasse mit ihren Lehrpersonen nach Krotoszyn und wurde im Gegenzug von einer polnischen Klasse besucht. Seither lag das Projekt jedoch auf Eis. Mit dem Austausch verfolgten die Gemeinden das Ziel, die Schüler für die Geschichte und Kultur des Partnerlandes zu begeistern. Auch die Bedeutung des Fremdsprachenunterrichts soll aufgezeigt werden.

Laut Aleksandra Bossert hat das Projekt grosses Potenzial: «Seit 2010 lagen die Beziehungen zu Krotoszyn auf Eis – daher wollten wir nun den Austausch wieder aufnehmen. Viele Schweizer kennen Polen nur am Rande, obwohl das Land viele Gemeinsamkeiten mit der Schweiz hat.»

Während der Polenreise hospitierten die Krienser Lehrer in polnischen Klassen und unterrichteten eine Lektion in Schweizerdeutsch. «Wenn man als Schweizer Lehrer den polnischen Unterricht besucht, fühlt man sich wohl ähnlich wie ein Flüchtlingskind, das ohne Sprachkenntnisse an eine Schweizer Schule kommt», erklärt ein Lehrer und schafft damit eine Verbindung zu den Schwierigkeiten, mit denen ausländische Kinder in der Schweiz konfrontiert sind. Der Umgang mit Integrationskindern sei für die Krienser Lehrpersonen eine tägliche Herausforderung, denn der Anteil an ausländischen Kindern ist im Schulhaus Roggern nach wie vor hoch.

Projekt soll wieder aufgenommen werden

Obschon Polen der Schweiz in vielen Sachen ähnlich ist, gibt es doch einige Unterschiede: «Die ganze Infrastruktur in den Klassenzimmern in Polen ist einfacher als bei uns. Auch die Klassen sind grösser und der Lohn der Lehrpersonen massiv kleiner», erklärt Aleksandra Bossert, die selbst ebenfalls in Polen aufgewachsen ist. So erhält ein polnischer Lehrer für ein 100-Prozent-Pensum rund 800 Franken pro Monat – er muss dafür aber nur 18 Lektionen unterrichten. Ein Sekundarschullehrer im Kanton Luzern, der bei gleichem Pensum 30 Lektionen geben muss, wird durchschnittlich mit knapp 7000 Franken entlöhnt.

Trotz des niedrigen Lohnniveaus seien die Polen gegenüber Gästen sehr grosszügig: «Gastfreundschaft wird in Polen grossgeschrieben. Wir alle konnten während unserer Reise bei den polnischen Lehrern übernachten und wurden mit Geschenken überhäuft», sagt Bos­sert: «Dank des regen Austauschs sind Vorurteile abgebaut und Kontakte aufgebaut worden. Wir sind nun für Krotoszyn nicht mehr nur das reiche Land mit den Bergen, dem Käse und der Schokolade.» Mit dem Besuch von Auschwitz sei zudem auch der geschichtliche Hintergrund Polens aufgearbeitet worden.

Im nächsten Frühling werden die Krienser Schulklassen Besuch von polnischen Lehrpersonen erhalten. Der gegenseitige Lehreraustausch soll ein erster Schritt sein, um auch die Schüleraustausche wieder regelmässig durchzuführen. «Wir möchten das Projekt gerne wieder aufgreifen. Denn der interkulturelle Austausch erweitert den Horizont der Schüler und ermöglicht das ungezwungene Erlernen einer Zweitsprache – in diesem Fall Englisch», fügt Bossert an.

Bei vielen Schülern sei der Fremdsprachenunterricht eher unbeliebt und der Einsatz im Unterricht dementsprechend gering, weiss Bossert aus eigener Erfahrung: «Erst wenn Schüler in eine Situation kommen, in der sie sich notgedrungen in einer anderen Sprache ausdrücken müssen, wird ihnen bewusst, wie wichtig es ist, andere Sprachen zu lernen.» Aus diesem Grund pflegt die Lehrerin auch bereits mit einigen Klassen den Briefaustausch mit Schülern aus Krotoszyn. Vielleicht wird also bald eines der Kinder seinen Brieffreund aus Polen persönlich kennen lernen.

Chiara Stäheli

chiara.staeheli@luzernerzeitung.ch

Sekundarlehrerin in Kriens


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