Luzerns Fasnacht «tickt anders»

WELTKULTURERBE ⋅ Die Basler Fasnacht wird höchst wahrscheinlich zum Unesco-Welterbe. In Luzern reagiert man auf die Ernennung gelassen – auch wenn es hier einst ebenfalls entsprechende Avancen gab.
07. Dezember 2017, 00:00

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Die Luzerner Fasnacht ist Weltklasse. Einzigartig, bombastisch. Darüber ist man sich in Luzern und weitherum einig. Und jetzt das: Die Basler Fasnacht, das etwas strenger reglementierte Pendant am Rhein, soll Unesco-Welterbe werden, die Luzerner Fasnacht hingegen nicht. Ein Skandal? Wir fragten nach.

Der Entscheid sei nur noch eine Formsache, vermeldete die «Basler Zeitung» gestern mit unverhohlenem Stolz. Offiziell gefällt werden soll er spätestens morgen bei der Tagung der Unesco-Kommission (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur) auf der Insel Jeju südlich der südkoreanischen Halbinsel.

Keine Spur von Neid in Luzern

Ganz überraschend kommt das Ganze nicht. Es ist kein vorfasnächtlicher Überraschungscoup der Basler Waggis, sozusagen ein verfrühter «Morgestraich» (was ohnehin ein undenkbarer Frevel wäre). Nein, es handelt sich um ein von langer Hand vorbereitetes Unternehmen. Im April 2016 stellte das Bundesamt für Kultur bei der Unesco den offiziellen Antrag zur Aufnahme der Basler Fasnacht in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes.

Was sagt man nun aber in ­Luzern zur internationalen Bei­nahe-Heiligsprechung der Basler Fasnacht? Ist man erbost, frustriert, gar neidisch? Keine Spur von alledem, wie eine kleine, nicht repräsentative Umfrage gestern ergab. «Das ist schön für Basel, wir gönnen ihnen diese Ehrung und gratulieren ihnen von Herzen», sagt Peti Federer, Medienchef des Lozärner Fasnachtskomitees. «Die Luzerner Fasnacht tickt anders. Ob Kulturerbe oder nicht – sie passiert einfach. Sie gehört jedem Einzelnen, bis zu den Familien mit ihren Leiterwagen und Dröpsli.»

Ein Label, wie es die Basler jetzt erhalten, würde zur Luzerner Fasnacht nicht passen, sagt Federer: «Uns genügt es, wenn wir uns an der Fasnacht ausleben können.» Natürlich mache das Unesco-Label die Basler Fasnacht weltweit noch bekannter. In Luzern gehe es nicht darum: «Wir wollen keinen Fasnachtstourismus produzieren», betont Federer. Dennoch sei jeder auswärtige Besucher auch in Luzern herzlich willkommen. Federer hat null Berührungsängste mit der Basler Fasnacht: «Ich finde sie sehr schön und gehe gern an den Morgestraich.»

Völlig gelassen reagiert auch Linus Jäck, Präsident Vereinigte, dem Zusammenschluss von rund 80 Guuggenmusigen, Tambourenvereinen, Kleinformationen und Wagen- und Maskengruppen aus der Stadt Luzern und den umliegenden Agglomerationsgemeinden. «Gratulation an die Basler Fasnacht», sagt Jäck. «Für uns spielt eine solche Auszeichnung keine Rolle. Wir machen einfach Fasnacht.» Auch Jäck hat keine Probleme mit der Basler Fasnacht. Im Gegenteil: «Schliesslich verdanken wir den Baslern unsere Guuggenmusigen.» Jäck spricht damit den Basler Josef Ebinger (1912–1983) an, der vor 70 Jahren die erste Luzerner Guuggenmusig gründete.

«Ein Plus für die Schweiz als Reiseland»

Was sagt man bei Luzern Tourismus? Ein Unesco-Label könnte doch ein zusätzliches Marketinginstrument sein. «Es ist schwierig abzuschätzen, welche Auswirkungen das international hätte im Vergleich mit dem immensen Aufwand zur Erlangung des Labels», sagt Sibylle Gerardi, Leiterin Kommunikation bei Luzern Tourismus. «In Luzern profitieren wir neben der Fasnacht von diversen anderen Top-Events wie zum Beispiel dem Lucerne Festival, dem Blue Balls Festival oder der Lucerne Regatta.» Zur Unesco-Ehrung der Basler Fasnacht sagt Sibylle Gerardi: «Das ist ein Plus für die Schweiz als Reiseland. Wenn jetzt mehr Leute wegen der Basler Fasnacht in die Schweiz reisen, kommen einige von ihnen vielleicht auch nach Luzern.»

Als bisher einzige lebendige Tradition der Schweiz fand 2016 das Weinfest Fete des Vignerons im Kanton Waadt Eingang in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes. Nun folgt die Basler Fasnacht – sofern die Unesco-Kommission dazu definitiv ihren Segen gibt. Einziges Unesco-Weltnaturerbe der Zentralschweiz ist die Biosphäre Entlebuch. Der Versuch, Luzerns Kapellbrücke zum Unesco-Welterbe zu machen, scheiterte 2014.

Zurück zur Luzerner Fasnacht: Ganz frei von Unesco-Gelüsten ist die hiesige Szene denn doch nicht. Silvio Panizza, Herausgeber des «Rüüdigen Lozärner Fasnachtsfüerers», wollte 2014 per Brief von Bundesrat Alain Berset wissen, warum er statt der Luzerner die Basler Fasnacht als Weltkulturerbe vorschlage. Sie habe «ein unverkennbareres Profil», lautete Bersets Antwort. Doch dafür ist Luzerns Fasnacht wilder, vielfältiger, offener, kann man da nur sagen. Eben Weltklasse!

Medienchef Lozärner Fasnachtskomitee


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