Schnuppern, wo Mami und Papi arbeiten

ZUKUNFTSTAG ⋅ In über 2500 Betrieben in der Schweiz war gestern vieles anders. Tausende Kinder von der fünften bis zur siebten Klasse haben ihren Eltern über die Schultern geschaut. Im Luzerner Kantonsspital durften sie sogar operieren.
10. November 2017, 00:00

Wenn der Operationssaal zur Werkstatt wird

«Wo bin ich?», fragt Flurina Lussmann (9) aus Luzern. Sie weiss sehr wohl, wo sie ist: Im Operationssaal 9 im Luzerner Kantonsspital (Luks). Die Wo-Frage bezieht sich auf die laparoskopische Schere. Das Mädchen kann das technische Operationsinstrument im Bauchraum eines «Patienten» nicht mehr orten. Ihre Assistentinnen – alle auch in der fünften Klasse – kichern. «Da ist es!», ruft das Kind, welches die Kamera im Bauchraum bedient. Selbstverständlich handelt es sich nicht um reale Patienten, sondern um Puppen. Zum Glück auch: Denn ein anderes Kind ist soeben abgerutscht, als es den Blinddarm zu fassen versuchte. «Das genaue Führen des Instruments ist schwierig», sind sich die Mädchen einig.

Nicht nur die Handhabung des laparoskopischen Geräts ist eine Herausforderung. Das Erkennen der Organe auf dem Bildschirm ist auch nicht ohne. «Ist das nun das Herz oder die Leber?», fragen die Fünftklässlerinnen. Alexandra Burkart, Fachfrau Operationstechnik am Luks, erklärt ihnen, woran man Organe erkennen kann und wo sie im Bauchraum lokalisiert sind. Die Kinder hören gut zu und haben vor allem am praktischen Teil Spass. Für Aiyana Stutz (10) aus Sempach ist dennoch klar: «Ich will nicht jeden Tag im Bauch ‹rumgröble›». Sie freue sich besonders auf die Anästhesie. «Ich glaube, es würde mir mehr zusagen, Patienten vor und nach einer Operation zu betreuen.» Auch wenn es Vera Meier (10) nichts ausmachen würde, im Inneren eines Menschen herumzuwerkeln, hat sie einen anderen Berufswunsch: «Ich könnte mir vorstellen, einst Hebamme zu werden», sagt die Fünftklässlerin aus Luzern.

Parcours im OP findet grossen Anklang

Mehr als 250 Kinder von der fünften bis zur siebten Klasse haben gestern Einblick in diverse Spitalberufe erhalten. Der Parcours im Operationssaal war dabei ein Novum und ist auf grosses Interesse gestossen, wie Marco Stücheli, Kommunikationschef des Luks, sagt. Mit dem Zukunftstag wolle man den Kindern die Möglichkeit bieten, den Horizont zu erweitern und potenziellen Nachwuchs zu rekrutieren. Das Echo sei jeweils gross: «Jedes Jahr nehmen mehr Kinder am Zukunftstag teil», freut er sich. Neben der Operationstechnik gibt es unter anderem mit Physiotherapie, Rettungsdienst, Logistik und Pflege noch weitere Tätigkeitsfelder, welche die Kinder am Spital erkunden können.

Nach der Bauch-OP geht es für die Kinder in den Operationssaal 8, wo sie Gips-Knochen bohren dürfen. «Das ist wie im Werkunterricht», sagt ein Mädchen und führt sogleich den Bohrer durch den Gips-Knochen. Anschliessend fixiert sie das Ganze mit einer Schraube. «Knochen zusammenflicken gefällt mir besser, als im Bauchraum etwas suchen», sagt Flurina. Und wer weiss, vielleicht macht sie das in ein paar Jahren tatsächlich. Sie will nämlich Kinderärztin werden. (kuy)

In der Ritterausrüstung ein Kässeli schweissen

Fast sehen sie aus wie junge Ritter von einst: einen Helm auf dem Kopf, das Visier hinuntergeklappt. Aber es geht hier nicht um Vergangenes, sondern um die Zukunft: Die Gruppe der Fünft- bis Siebtklässler, die sich gestern Nachmittag in einer Schindler-Produktionshalle um den jungen Anlagen- und Apparatebauer Simon Schär drängt, nimmt am nationalen Zukunftstag teil. 105 Schüler sind es, welche die Berufswelt der Firma vor Ort erleben wollen. Dabei sollen die jungen Leute auch untypische Berufswege und Lebensentwürfe erkunden. So kommt es, dass nicht nur Knaben, sondern auch Mädchen die Schutzkleidung überziehen. Die blanken Metallteile, die säuberlich geordnet bereitliegen, werden zu einem Stifthalter zusammengeschweisst, angeleitet von Ausbildner Schär und seinen Lernenden. Anfänglicher Respekt vor den ungewohnten Gerätschaften weicht bald stolzer Befriedigung.

Konstrukteure sind Erfinder auf Knopfdruck

«Ja, man wird halt schon auch mal etwas dreckig bei diesen Arbeiten – da darf man sich nicht zu schade sein darum», sagt Schär. Sicher sei es noch ein eher typischer Männerberuf, aber diesen Sommer hätten auch zwei junge Frauen die Ausbildung als Anlage- und Apparatebauerinnen abgeschlossen. Jamie Spring aus Zürich hat in seinem Leben «zum ersten Mal geschweisst», aber er sieht sich dann schon eher «bei etwas mit Computer». Sein Götti arbeitet bei Schindler, deshalb ist er als Zürcher nach Ebikon gekommen. Nun, auf dem weiteren Rundgang ist auch der Computer ein Thema. Da ist etwa der Arbeitsplatz der Konstrukteure. Die Lernenden Silvan Belz und Noel Arnold sitzen am Bildschirm und stellen ihr «Hauptwerkzeug» vor: ein CAD-Programm. «Irgendetwas geht bei einer Maschine nicht, ein neues Teil muss eingebaut werden – dann sind wir als Konstrukteure gefragt, eine Lösung zu kreieren», erklären sie und fügen an: «Unser Ausbildner sagt jeweils im Spass, wir seien Erfinder auf Knopfdruck.» Und: Gefragt sei in ihrem Beruf unter anderem «viel Vorstellungsvermögen». Insgesamt können bei Schindler zwölf Berufe gelernt werden. So etwa auch Elektroniker und Polymechaniker. Nicht alle Arbeitsplätze eignen sich jedoch für eine Inszenierung. Neben vielen Eindrücken nehmen die Kinder auch Materielles heim: Einen elektronischen Würfel und ein «Metallkässali».

Eva Haas hat den Anlass vorbereitet, wozu auch Sicherheitsvorkehrungen gehören. Das Ziel, künftige Lehrlinge zu generieren, werde erreicht. Haas: «Es gibt viele Lehrlinge, die sagen, dass sie bereits am Zukunftstag bei uns waren.» Ob es auch bei der Sechstklässlerin Lara Wassmer aus Eschenbach der Fall sein wird? Sie arbeitet gerne mit den Händen: Im Moment steht bei ihr der Schreinerberuf an erster Stelle. Aber vielleicht hat sie jetzt die Liebe zum Metall entdeckt. (hbr)

TV schauen während der Arbeit

Fernsehschauen, das macht jedes Kind gerne. Entsprechend aufgeregt waren die 19 Fünft- bis Siebtklässler, welche sich gestern am Zukunftstag im Haus der LZ Medien bei «Tele 1», «Radio Pilatus» und der «Luzerner Zeitung» umsehen durften. Überall Bildschirme, Kameras und Mikrofone. «Dass wir mit den Fernsehkameras zoomen konnten, hat mir am besten gefallen», sagte etwa die 11-jährige Elena Sarvari. Und auch das Mithören der Radionachrichten im Studio hat Eindruck hinterlassen, erzählt sie. Worüber genau berichtet wurde, wusste die Krienserin später zwar nicht mehr so genau, doch beim nationalen Zukunftstag ist es der Eindruck, der zählt.

Etwas schüchterner gaben sich die Kinder am Morgen in der Redaktion der «Luzerner Zeitung». Besonders interessiert hat das Sport-Ressort – vor allem bei den Buben. Hier werden schliesslich auch die Schlagzeilen über den FCL geschrieben. «Sportreporter, das wäre schon ein cooler Beruf», sagte der 10-jährige Nico Marquard etwas verlegen. Annina Schlatter hingegen hat noch keinen Traumberuf. Wie wäre es mit Radiomoderatorin? «Selber einen Text sprechen zu können, das war mein Highlight», sagte die 10-Jährige stolz. Ronny Portmann, Mitorganisator des Zukunftstages im LZ-Medien-Haus, war überrascht, wie still die Kinder während der Livesendung neben dem Mikrofon standen: «Sie haben diese Aufgabe gut gemeistert», bilanziert er den Tag. (jon)


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