Um ihren Job beneiden sie viele

MEGGENHORN ⋅ Bereits 100 Bewerbungen sind für ihren frei werdenden Posten eingangen: Schlosswartin Ruth Ruchti geht Ende Jahr in Pension und sagt, was alles zu ihren Aufgaben zählt – und welcher Promi das Schloss schon kaufen wollte.
12. April 2018, 00:00

Roman Hodel

roman.hodel@luzernerzeitung.ch

Es gibt kaum einen Tag, an dem Ruth Ruchti nicht von irgendjemandem um ihren Job beneidet wird. «Ja, das habe ich viel gehört in den letzten 25 Jahren», sagt die 62-Jährige. Entsprechend haben sich schon hundert potenzielle Nachfolgerinnen und Nachfolger gemeldet, seit das Stelleninserat erschienen ist, mit dem die Gemeinde Meggen eine neue Schlosswartin oder einen neuen Schlosswart sucht (wir berichteten). «Wahnsinnig!», so Ruth Ruchti dazu. «Pro Tag sind es bis zu 20 Anrufe allein bei mir.»

Die aktuelle Stelleninhaberin kann das grosse Interesse gut nachvollziehen. Es ging ihr ähnlich, damals, 1992. «Ich habe 20 Jahre im Verkauf gearbeitet, wollte etwas Neues anpacken und hatte schon immer ein Flair für alte Häuser und Schlösser – dann sah ich dieses Stelleninserat.» Ruchti war wie elektrisiert, bewarb sich, kam in die engste Auswahl und setzte sich schliesslich gegen rund 60 Bewerberinnen und Bewerber durch. «Es war für mich wie ein Sechser im Lotto», sagt sie. Nach dem Zuschlag schrieb sie ihren Freunden, die bis dato nichts davon wussten, eine Karte vom Meggenhorn mit dem Text: «Hier haben wir geheiratet und bald wohnen wir hier.» Mit einem Schmunzeln sagt sie: «Die dachten alle, jetzt erzählt sie ein Märchen.»

«Manchmal sollte man an drei Orten gleichzeitig sein»

Das Gefühl, den Sechser im Lotto gewonnen zu haben, hat sie bis heute bewahrt. Auf einem Rundgang durch das Schloss schwärmt sie von der Architektur des Hauses, von der Aussicht, zeigt stolz jedes Zimmer – und weiss zu allem etwas zu erzählen. Es könnte ihr eigenes Schloss sein. «Ich habe es eben richtig gern und schaue gut zu ihm», sagt Ruchti. Kinder würden sie sowieso meistens für die Besitzerin halten: «Manche springen auf mich zu und fragen, wie viele Zimmer ich hätte oder noch besser, wie viel Geld.» Ab und zu inspizieren auch Immobilienmakler das Areal – in der falschen Annahme, das Anwesen sei verkäuflich. «Einmal hatte ich sogar den Vermögensverwalter von Tina Turner am Telefon.» Sie habe ihn freundlich an die Gemeinde verwiesen.

Gute Umgangsformen und Top-Gastgeber-Qualitäten sind laut Ruth Ruchti unabdingbar für eine Schlosswartin. Pro Jahr finden hier rund 120 Anlässe statt. Der grösste Teil davon sind private Geburtstage, Hochzeitsfeiern und Ziviltrauungen – lange Zeit war das Meggenhorn bekannt für seine Japaner-Hochzeiten. Hinzu kommen Tagungen, öffentliche Konzerte und Lesungen sowie das Museum, wo die Wohnräume der ehemaligen Besitzerfamilie des Schlosses gezeigt werden. Will heissen: Es gibt viel zu organisieren, koordinieren und besprechen. «Manchmal sollte man an drei Orten gleichzeitig sein», so Ruth Ruchti. Glücklicherweise kann sie dabei auf ein Team von sechs Mitarbeiterinnen zurückgreifen – sodass ihr 100-Prozent- nicht zu einem 150-Prozent-Job ausartet.

Eine halbe Stunde für das Schliessen der Fensterläden

Als Schlosswartin kümmert sich Ruth Ruchti aber auch um Brandmelder, Einbruchanlage, Turmuhr oder schliesst bei aufziehendem Sturm die 58 Fensterläden auf allen Etagen – «dafür brauche ich eine halbe Stunde». Und sie schwingt regelmässig den Putzlappen – trotz Reinigungspersonal. Es ist einer der seltenen Momente, in denen sie locker gekleidet im Schloss unterwegs ist, «in Jeans», wie sie sagt. Sonst legt die 62-Jährige viel Wert auf ein gepflegtes Äusseres, trägt edle Stoffe – und immer einen Hut. «Der ist mein Markenzeichen, ich habe denn auch einige Exemplare», sagt Ruchti und lächelt verschmitzt.

Ihr Sinn für Ästhetik ist auch in den Schlossräumen spürbar: Ruth Ruchti sorgt überall für Blumenschmuck und Deko: «Im Frühling beispielsweise lege ich helle Kissen aus, im Herbst eher dunkle, etwa Bordeaux-farbene – so wie ich es daheim auch mache.» Daheim war sie bis vor zwei Jahren in der Dienstwohnung, die sich in einem Anbau auf der Ostseite des Schlosses befindet – und die zum Job gehört, neben «einem schönen Gehalt», wie es Ruchti ausdrückt. Drei Zimmer verteilt auf drei Etagen. «Mein Mann, unsere Viszla-Hündin und ich waren ständig am Treppensteigen – aber es war eine tolle Zeit», sagt Ruth Ruchti. Im Hinblick auf die bevorstehende Pensionierung wechselten sie vorzeitig in eine Wohnung in der Region. Nun bewohnen zwei junge Leute die Dienstwohnung, bis die neue Schlosswartin oder der neue Schlosswart einzieht.

Diesen Moment will sich Ruchti noch nicht so recht vorstellen, so sehr sie sich auf die Zeit danach freut: «Oh, ich werde wohl vieles vermissen. Nur schon das Knirschen des Kieses, wenn sich jemand auf dem Weg dem Schloss nähert, oder das Pfeifen der Vögel im Park.» Sie habe halt schon einen der wohl schönsten Arbeitsplätze überhaupt. «Ich muss nicht in einer Fabrik oder in einem Grossraumbüro antraben.»


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