«Viele rasen nicht des Tempos wegen»

VERKEHR ⋅ Raser lösen in der Gesellschaft immer wieder Empörung aus. So wie jüngst eine Bande aus der Zentralschweiz. Was verleitet sie zum Schnellfahren? Ein Verkehrspsychologe gewährt Einblick in eine Therapiestunde.
15. Juli 2017, 00:00

Gabriela Jordan

gabriela.jordan@luzernerzeitung.ch

«Dynamisch», «zügig», «sportlich», «offensiv». So lauten die harmlosen Worte, mit denen Verkehrssünder laut Verkehrstherapeut Lorenz Imbach häufig ihren Fahrstil beschreiben. Ein Fahrstil, der meist gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen verstösst und nicht selten eine Gefahr für Mitmenschen und die Lenker selbst ist. Solche Fahrten, die andere als «rasend», «aufdringlich» oder «gefährlich» bezeichnen würden, sorgen in der Gesellschaft immer wieder für Empörung.

Jüngste Beispiele für das zeitlose Phänomen gibt es zur Ge­nüge: Erst diese Woche hat die Luzerner Polizei darüber informiert, dass ihr sechs junge Raser aus der Zentralschweiz ins Netz gegangen sind, die mit bis zu 280 Stundenkilometern auf der Autobahn unterwegs waren. Einen ähnlichen Fall vermeldete sie gestern, wie auch die Kantonspolizei Uri (siehe Kasten).

Was treibt Menschen dazu, mit Wahnsinnsgeschwindigkeit über die Strassen zu brettern? Der Reiz einer schnellen Fahrt ist es erstaunlicherweise oft nicht, sagt Lorenz Imbach, Psychotherapeut und forensischer Gutachter in Luzern. Er therapiert seit 15 Jahren Autofahrer, die wegen eines Verkehrsdelikts ihren Fahrausweis abgeben mussten. Seine Erfahrung widerlegt das Klischee eines Rasers, der stets den Kick sucht: «Viele rasen nicht des Tempos wegen», sagt Imbach. «Unter meinen Patienten fährt nur rund ein Drittel deswegen zu schnell – wobei längst nicht jeder von ihnen ein Raser ist.» Als Raser gilt, wer in der Zone 50 über 100 km/h, ausserorts über 140 km/h oder auf der Autobahn über 200 km/h fährt. Was also sind die anderen Gründe? «Bei den meisten schleicht sich nach und nach ein zu schnelles Tempo ein, an das sie sich gewöhnen, zum Beispiel 130 km/h auf der Autobahn. Die Männer – es sind selten Frauen – identifizieren sich dann mit diesem Fahrerselbstbild und empfinden die 120 als zu langsam. Das gilt es zu ändern», so Imbach.

Wie man Risikosituationen besser begegnen kann

Ein Raser, der von Imbach therapiert wird, ist der 25-jährige Schweizer M., der anonym bleiben will. Auch er beschreibt sich in seiner sechsten von acht Therapiestunden als «zügigen» Fahrer, der schnell von A nach B kommen will. Einmal war er jedoch viel zu schnell und wurde ausserorts mit 150 km/h erwischt – 70 zu viel. Konsequenz: zwei Jahre ohne Führerschein. Dass er es nicht aus Spass tat, sondern weil er seine kranke Cousine ins Spital bringen wollte, machte keinen Unterschied. Seit neun Monaten darf er wieder fahren, sofern er in einer gewissen Zeit die Therapie absolviert. In Imbachs Büro sprechen die beiden über Risikosituationen und wie M. ihnen in Zukunft besser begegnen kann. Passend dazu hängt an der Wand der Spruch: «I may at any point turn into a superhero.» Zu Deutsch: Ich könnte mich jederzeit in einen Superhelden verwandeln.

«Was ist gegenüber früher anders?», fragt Imbach. M. antwortet zögerlich: «Ich reisse mich mehr zusammen und versuche, mich an die Tempolimite zu halten. Aber es fällt mir schwer, und ich fühle mich dabei oft nicht wohl.» Es sei eine Veränderung, die Zeit brauche. In den letzten Monaten bemerke er Riesenfortschritte, fügt er an. «Wenn zum Beispiel die Ampel orange wird, zwinge ich mich zu bremsen.» Nebst seinem Hang zur schnelleren Fahrt bereitet M. laut Imbach auch seine Eigenschaft, die Kontrolle nicht abgeben zu können, Probleme. Dies zeigte sich auch bei seiner Raserfahrt: «Die Ambulanz anzurufen, kam mir nicht in den Sinn», so M.

In einem wesentlichen Teil der Sitzung erteilt Imbach Ratschläge zur Alltagsbewältigung. Denn erschwerend kommt für M. hinzu, dass er in seinem Beruf als Bauleiter oft von Kunde zu Kunde fahren muss. «Wenn ich spät dran bin und der Kunde genervt ist, ist mir das sehr unangenehm.» Imbach bezeichnet dies als gutes Übungsfeld: «Stellen Sie sich ein Bild im Kopf vor, das Stress reduziert: nicht den genervten Kunden, sondern das lockere Gespräch danach.» Nach der Stunde spricht Imbach über M. als ernsthaften jungen Mann, der wie viele seiner Patienten Schwierigkeiten habe, sich kritisch mit sich selber auseinanderzusetzen. «Das sind manchmal zähflüssige Stunden», gesteht er. Motivierend sei aber: «Was alle meine Patienten wollen, ist, als gute Fahrer zu gelten. Dazu gehört auch, dass sich andere bei ihnen sicher fühlen.»


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