Bund schüttelt Diplomatie durch

BOTSCHAFTEN ⋅ Schluss mit automatischen Lohnerhöhungen, mehr Leistungsanreize und zusätzliche Konkurrenz durch Quereinsteiger: Dem diplomatischen Corps der Schweiz steht ein Umbruch bevor.
22. April 2017, 00:00

Roger Braun

Diplomat ist kein Beruf wie jeder andere. Am Beginn der Karriere steht ein strenges Aufnahmeverfahren, der sogenannte Concours diplomatique. Von etwa 250 Bewerbern werden jährlich ein gutes Dutzend Personen ausgewählt, die gehalten sind, ihre Karriere beim Bund zu absolvieren. Alle vier Jahre werden die Diplomaten an einen anderen Ort im Ausland oder in Bern versetzt. Diesen Zwängen stehen Privilegien gegenüber. Wer einmal aufgenommen ist, wird üblicherweise in regelmässigen Abständen befördert und erhält mehr Lohn, bis zu einem maximalen Grundsalär von 256000 Franken.

Nun kommt es zum Umbruch. Auf Druck des Parlaments hat der Bundesrat am Donnerstag vergangener Woche bisher unbemerkt einschneidende Änderungen beschlossen, um die Qualität des diplomatischen Corps zu erhöhen. Mit den quasi automatischen Beförderungen und Lohnerhöhungen ist Schluss. Stattdessen richten sich Karriererang und Bezahlung künftig nach der jeweiligen Funktion – so wie dies heute bereits beim Bundespersonal der Fall ist. Den Karrierediplomaten droht zudem Konkurrenz durch Quereinsteiger. Der Bundesrat möchte die Karriere für qualifizierte Personen von aussen öffnen, da es den angestammten Diplomaten zum Teil an Führungsstärke und Spezialwissen fehlt. Dazu wird das Aufnahmeverfahren angepasst.

Heute richtet sich der Concours ausschliesslich an junge Talente bis maximal 35 Jahre, wobei jüngere Bewerber beim Auswahlverfahren bevorzugt behandelt werden. Neu soll ein weiterer Zugang geschaffen werden für ältere Personen, die sich durch aussergewöhnliche Führungsqualitäten oder Fachwissen auszeichnen; zum Beispiel Manager aus der Privatwirtschaft oder Bundesangestellte aus anderen Departementen.

Tim Guldimann ist SP-Nationalrat und war selbst jahrelang als Botschafter tätig. Er unterstützt die Beschlüsse des Bundesrats. «Ein leistungsorientiertes Anreizsystem hat das Potenzial, die Motivation ambitionierter und kompetenter Diplomatinnen und Diplomaten zu verbessern», sagt er. Gleichzeitig macht er darauf aufmerksam, dass die Reform auch Verlierer produziere. Angesichts der weiterhin bestehenden Versetzungspflicht zu einer tiefer besoldeten Funktion fordert er deshalb grosszügige Abfederungsmassnahmen. Guldimann bekennt sich auch zu einer erhöhten Durchlässigkeit. «Es ist richtig, fähigen Personen mit wertvollen Erfahrungen von ausserhalb den Eintritt in den diplomatischen Dienst zu erleichtern», sagt er. Für Guldimann sind die Hürden dabei tief anzusetzen. Noch ist offen, wo diese beim zweigeteilten Concours zu liegen kommen.

Gegner sehen Corps-Geist in Gefahr

Gegen eine zu starke Öffnung des diplomatischen Corps stellt sich der langjährige Diplomat Max Schweizer, der heute den Verband Swiss Diplomats in Zürich präsidiert und Fachbücher verfasst. «Man kann nicht alles haben», sagt Schweizer. «Einerseits fordert man Flexibilität, Loyalität und Versetzbarkeit, andererseits will man Personal unkompliziert von aussen rekrutieren – das lässt sich schwierig vereinbaren.» Schweizer warnt davor, dass eine zu hohe Durchlässigkeit den Corps-Geist schwächen wird. «Es ist frustrierend, wenn ein ­Diplomat Jahre in Ländern wie Saudi-Arabien oder Nigeria verbracht hat und dann jemand von aussen die attraktiveren Botschafterposten in Berlin, Washington oder London zugesprochen erhält.» Schweizer sieht keinen dringenden Bedarf an Quereinsteigern. Wenn jemand spezialisiertes und nutzbares Wissen in eine Botschaft einbringen soll, sei dies schon heute mit einem befristeten Diplomatenpass möglich, sagt er. «Fachexpertisen kann man schon jetzt zuziehen, wenn dies nötig ist.»

Es ist nicht der erste Versuch, den Zugang zum Diplomatenstatus zu öffnen. Bisher hat sich der Widerstand aus dem Corps jedoch als zu gross erwiesen. Welches Ende die Debatte dieses Mal nimmt, ist offen. Die Verantwortung über die genaue Ausgestaltung des Concours liegt beim Aussendepartement. Bereits entschieden ist der Umbau des Beförderungs- und Entlöhnungssystems. Hier entscheidet der Bundesrat Anfang 2018 einzig noch, wie viel Geld für Übergangsmassnahmen aufgewendet werden sollen. In Kraft treten wird das neue Karrieresystem 2019.


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