Das Wallis schickt Freysinger in Rente

STAATSRAT ⋅ Die Überraschung ist perfekt: Die SVP verliert ihren Sitz an einen Nobody – und reagiert unzimperlich. Zudem ist es das erste Mal in der jüngeren Geschichte des Kantons Wallis, dass ein amtierender Staatsrat abgewählt worden ist.
20. März 2017, 00:00

Antonio Fumagalli, Sitten

«Die spannendsten, härtesten und seltsamsten Wahlen der Walliser Geschichte.» So resümierte SVP-Mann Oskar Freysinger gegenüber dem «Walliser Boten» das, was sich in den letzten Monaten im zweisprachigen Kanton abgespielt hat. Was er nicht sagte: Er war für diesen durchaus zutreffenden Befund in entscheidendem Ausmass mitverantwortlich. Noch nie hat ein Kandidat die Bevölkerung derart gespalten, wie er es tat. Entweder man liebte ihn – oder man hasste ihn.

Kurz nach 15.30 Uhr war gestern klar, in welche Richtung das Pendel ausschlägt. «Es ist definitiv», rief jemand in den Pulk vor dem Sittener Wahlzentrum. Der noch vor wenigen Monaten weitgehend unbekannte FDP-Kan­didat Frédéric Favre überholte Freysinger tatsächlich und schnappte ihm den fünften Regierungssitz weg – eine Sensation. Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte des Kantons wurde ein amtierender Staatsrat abgewählt. Auf welche Weise dies geschah, passte ganz ins Drehbuch der «spannendsten Wahlen der Geschichte»: In den zuerst ausgezählten Oberwalliser Gemeinden lag Freysinger noch deutlich vorne, doch mit jeder Unterwalliser Gemeinde, die ­dazukam, rückte Favre näher – bis er ihn mit 44644 Stimmen schliesslich um gut 2000 Stimmen distanzierte.

Auf der Strasse brandete spontan Applaus auf, Vertreter unterschiedlicher Parteien fielen sich in die Arme. Bei der SVP, die sich im Bistro gegenüber ver­sammelt hatte, lagen die Nerven hingegen blank: Nationalrat Jean-Luc Addor hielt eine Rede vor Sympathisanten, Journalisten waren dabei unerwünscht. «Kein Zutritt, das ist eine interne Kommunikation», fauchte ein Breitschultriger und verwehrte unsanft den Zutritt ins Lokal. Später sagte Addor auf Anfrage, er habe zuvor mit Freysinger telefoniert und in seinem Namen den Wahlkampfhelfern für ihren Einsatz gedankt.

Auf Tauchstation

Denn Freysinger selbst war der grosse Abwesende des gestrigen Tages. Vor zwei Wochen erklärte er sein schlechtes Resultat im ersten Wahlgang noch wortreich mit wahltaktischen Fehleinschätzungen und der harten Kampagne gegen ihn, gestern wollte er sich den Mikrofonen nicht stellen.

Das übernahmen andere für ihn. «Man kann nicht zwei Anzüge gleichzeitig tragen», sagte René Constantin, Präsident der FDP Wallis. Er spielte damit auf Freysingers umstrittene und nicht mit der Regierungsfunktion zusammenhängende Auftritte bei rechtskonservativen Gruppierungen in ganz Europa an.

Was Freysinger (42520 Stimmen) aber letztlich das Genick gebrochen haben dürfte, waren umstrittene Personalentscheide während seiner Amtszeit als Bildungs- und Sicherheitsminister – insbesondere das Engagement des externen Beraters Piero San Giorgio, der unter anderem mit abschätzigen Äusserungen gegenüber Behinderten auffiel. «Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht», sagte Constantin. Die Verteilung der übrigen Walliser Regierungssitze verlief weitgehend überraschungsfrei. Das CVP-Trio mit Roberto Schmidt (neu, 59616 Stimmen), Jacques Melly (bisher, 57582 Stimmen) und Christophe Darbellay (neu, 54338 Stimmen) verblieb auf den vordersten Plätzen, Esther Waeber-Kalbermatten (SP) folgte sodann mit 53990 Stimmen gleich dahinter.

SP nur bedingt zufrieden

Für die SP war das hingegen nur ein halber Erfolg, erhoffte sie sich nach dem guten Abschneiden von Stéphane Rossini im ersten Wahlgang doch eine Doppelvertretung in der Exekutive. Das konservative Wahlvolk wollte sich jedoch offensichtlich nicht auf das Experiment einer Mitte-links-Regierung bei gleichzeitig bürgerlichem Parlament einlassen.

Oskar Freysinger seinerseits steht nun von einem auf den anderen Tag ohne Job da. Was der Tausendsassa künftig zu tun gedenkt, konnte gestern nicht in Erfahrung gebracht werden. Via Parteikollege Franz Ruppen liess er einzig ausrichten, dass er «sehr enttäuscht, aber auch befreit» sei. Vor zwei Wochen stellte er für den Fall einer Abwahl in Aussicht, dass er in Rente gehen wolle – und somit «endlich weniger Stress» habe.


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