Der Energieverbrauch sinkt bereits

ENERGIESTRATEGIE ⋅ Die SVP warnt vor massiven Einschränkungen im Alltag, sollte das Energiegesetz angenommen werden. Was sie nicht sagt: Bisher ist die Schweiz bei den Verbrauchsrichtwerten auf Kurs.
20. April 2017, 00:00

Roger Braun

Die SVP-Szenarien im Falle eines Ja zur Energiestrategie sind dramatisch. Die Partei droht mit ­kalten Duschen, dem Ende der Weihnachtsbeleuchtung und kalten Stuben. Grundlage sind die Richtwerte, die das Energiegesetz vorsieht. Ausgehend vom Jahr 2000 sollen in der Schweiz pro Kopf im Jahr 2020 16 Prozent weniger Energie verbraucht werden, im Jahr 2035 sollen es sogar 43 Prozent weniger sein. Richtwerte gibt es auch für den Strom. Hier lauten die Reduktionsziele 3 respektive 13 Prozent. Mit diesen Orientierungsgrössen soll es der Schweiz gelingen, künftig auf Atomkraftwerke zu verzichten.

Auch wenn diese Ziele ambitioniert klingen: Bisher ist die Schweiz dank Effizienzgewinnen auf gutem Weg. Wie eine Zusammenstellung des Bundesamts für Energie zeigt, sind die Ziele der ersten Etappe schon fast erreicht (siehe Grafik) – und weiterhin fliesst das Wasser in gewünschter Temperatur, und die Weihnachtsbeleuchtung erstrahlte auch im vergangenen Jahr.

Brunner sieht wahren ­Härtetest erst noch kommen

Zeigt dies nicht, dass die Argumente der Gegner masslos überzogen sind? Kampagnenleiter und SVP-Nationalrat Toni Brunner (SG) verneint. «Entscheidend sind die Richtwerte bis 2035», sagt er. Zu Beginn sei es einfacher, den Energiekonsum zu reduzieren, doch die grossen Reduktionsschritte kämen erst noch. «Wenn man die Ziele für 2035 erreichen will, wird es den Bürgern wehtun, denn das wird nicht ohne staat­liche Bevormundung gehen», sagt Brunner. Ganz anders sehen das die Befürworter. «Toni Brunner hat offenbar kein Vertrauen in den Schweizer Forschungsplatz», sagt Grüne-Präsidentin Regula Rytz. Die Berner Nationalrätin gibt sich überzeugt, dass die Effizienzgewinne im selben Tempo weitergehen – «und zwar nicht durch einen Konsumverzicht, sondern indem die alten Geräte Schritt für Schritt durch neue ersetzt werden». Der Luzerner FDP-­Nationalrat Peter Schilliger, auch er ein Befürworter der Energiestrategie, sieht den technologischen Fortschritt ebenfalls ungebrochen. Ein Neubau benötige heute nur noch einen Drittel der Energie eines Hauses, das um die Jahr­tausendwende entstanden sei, sagt er. «Und auch die Autoflotte in der Schweiz ist seither um einen Drittel effizienter geworden.» Sowohl Rytz als auch Schilliger geben sich optimistisch, dass der Ersatz alter Gebäude, Beleuchtungen oder Fahrzeuge reichen wird, den Energieverbrauch wie gesetzlich vorgesehen zu senken.

Brunner hingegen hält die Sparziele für «illusorisch». Er wirft den Befürwortern vor, sich selbst zu widersprechen, da sie sowohl Gesamtenergie- als auch Stromverbrauch senken wollen. Hintergrund sind die Anstrengungen der Schweiz, die Elektromobilität und elektrisch betriebene Wärmepumpen zu fördern, um so den CO2-Ausstoss zu senken und damit den Klimawandel zu bremsen. «Einerseits will man sich von Öl und Gas lösen, anderseits den Stromkonsum deutlich reduzieren – das geht nicht auf», sagt Brunner.

Selbst Befürworter sehen Problem mit Stromrichtwert

Schilliger räumt ein, dass es hier einen Zielkonflikt gibt. Während er daran glaubt, die Energiesparziele zu erreichen, ist er beim Strom kritischer. «Es ist für mich ehrlich gesagt auch nicht relevant, ob weniger Strom konsumiert wird», sagt er. «Die gesamte Energiebilanz und damit die Treibhausgase sind viel wichtiger.» Brunner bezeichnet dies als «unredliche Politik». «Wer Richtwerte ins Gesetz schreibt, wird ­alles unternehmen, um diese zu erreichen», sagt er.

Schilliger sieht keine Veranlassung, zwingend weitere Massnahmen einzuführen, um den Stromverbrauch zu senken. «Die Zahl ist lediglich ein Richtwert», sagt er. Es gebe viele gesetzliche Bestimmungen, die nicht eingehalten werden. «Wir müssen uns an den wesentlichen Dingen orientieren – und das ist der gesamte Energieverbrauch.» Durchs Band optimistisch ist Rytz. Sie glaubt daran, auch die Strom­reduktionsziele zu erreichen. Ob LED-Lampen, verbrauchsarme Haushaltsgeräte oder effizientere Heizungspumpen: Sie sieht beim Strom genügend Sparpotenzial, um gleichzeitig den Übergang von fossiler zu elektrischer Energie bewältigen zu können.


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