Hilfe für Bauern in Not

STUDIE ⋅ Der Bund unterstützt ein Forschungsprojekt zu Suiziden von Schweizer Landwirten. Damit soll unter anderem geklärt werden, ob neue Massnahmen nötig sind bei der Prävention.
12. April 2017, 00:00

Michel Burtscher

Der Schweizerische Bauernverband (SBV) zeichnet ein düsteres Bild: Der Alltag der Bauern sei heute eine Herausforderung, der Druck nehme ständig zu, das ­Einkommen sinke. Unsicherheit, Ängste und schlaflose Nächte seien mögliche Folgen davon. In schwierigen Lebensphasen könne es zu Depressionen, Burn-outs oder gar Suizidgedanken kommen. So steht es auf der Internetseite des SBV unter der Rubrik «Bauern in Not», in der auf Hilfsangebote für Landwirte aufmerksam gemacht wird. Das Thema Suizid in der Landwirtschaft ist in den letzten Monaten in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.

Nun wird der Bund aktiv in dieser Sache: Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) unterstützt ein Forschungsprojekt, bei dem es um Suizide in der Landwirtschaft geht, wie Mediensprecherin Florie Marion bestätigt. Bisher ist dieses Thema hierzulande noch kaum erforscht. So gibt es etwa keine schweizweiten Zahlen dazu. Für Bestürzung gesorgt haben denn auch immer einzelne Meldungen aus einzelnen Kantonen. Etwa als Anfang dieses Jahres herauskam, dass sich im Kanton Thurgau drei Jungbauern innert kurzer Zeit das Leben genommen hatten. Oder Zahlen aus dem Kanton Waadt, wo im vergangenen Jahr acht Landwirte Suizid begingen – doppelt so viele als im Jahr zuvor. Die Nöte der einzelnen Bauern seien sehr unterschiedlich, sagt Markus Ritter, SBV-Präsident und St.Galler CVP-Nationalrat. «Oftmals sind es wirtschaftliche ­Probleme in Kombination mit schwierigen Situationen im sozialen Umfeld oder gesundheitlichen Problemen.» Konkrete Zahlen zu den Suiziden kann auch Ritter nicht nennen. Er sagt aber: «Bei mir hat sich in den letzten Monaten eine grössere Zahl von Bauern mit Problemen gemeldet.» In den USA beispielsweise ist das Thema besser erforscht. Eine Untersuchung kam dort zum Schluss, dass die Suizidrate unter den Landwirten sehr hoch ist. Das hiesige Forschungsprojekt wird an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen im Kanton Bern durchgeführt. Die vom Bund bewilligten Gesamtkosten dafür betragen 60000 Franken. Ziel der Studie sei es, zu klären, ob neue Massnahmen nötig seien bei der Suizidprävention, sagt Marion. «Und wenn ja, sollen solide Grundlagen für diese Massnahmen geschaffen werden», so die Mediensprecherin. Für eine «effektive Präventionsstrategie» seien wissenschaftliche Grundlagen wichtig, heisst es in den Erläuterungen zum Forschungsprojekt.

Bäuerliche Berater sollen profitieren

Einerseits wird mit einer «systematischen Literaturrecherche» der Forschungsstand erhoben. Andererseits sollen Experteninterviews mit Vertretern aus der Wissenschaft, Politik und Praxis durchgeführt werden. So sollen laut dem BLW Wissenslücken identifiziert werden. Die Ergebnisse der Studie würden direkt für weitere Projekte und Massnahmen verwendet werden können, heisst es im Projektbeschrieb weiter. Konkrete Pläne hierzu hat man beim Bund zurzeit aber nicht. Das BLW wartet nun die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts ab, wie Mediensprecherin Marion sagt. Dann werde man in Abstimmung mit dem «Aktionsplan Suizidprävention Schweiz» über das weitere Vorgehen entscheiden.

Gemäss Angaben der HAFL ist in rund einem Jahr mit den Ergebnissen der Studie zu rechnen. Auf diese sollen dann auch Fachpersonen aus der Praxis zugreifen können. «Wir werden diese Ergebnisse sicher mit Interesse anschauen», sagt Bauernverbandspräsident Ritter. Gleichzeitig betont er, dass der SBV eine solche Studie nicht gefordert habe. «Wir konzentrieren uns darauf, den betroffenen Bauern auf direktem Weg zu helfen – beispielsweise mit persönlichen Gesprächen.» GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy (BE) hat grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, dass der Bund diese Studie finanziert. «Es gibt in der Landwirtschaft wie in gewissen anderen Berufs- oder Bevölkerungsgruppen Probleme mit Suiziden», sagt Bertschy. Ihr falle jedoch auf, dass die Diskussionen um Suizide von Bauern immer dann starten, wenn im Parlament über das Budget diskutiert werde, fügt die Nationalrätin kritisch an.


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