Skyguide im Visier der Justiz

F/A-18-ABSTURZ ⋅ Die Flug- sicherung hat dem tödlich verunglückten F/A-18-Piloten eine zu tiefe Flughöhe angeordnet. Die Untersuchungsrichter ermitteln dennoch weiterhin in alle Richtungen.

07. September 2016, 00:00

Michel Burtscher

Die Militärjustiz ist gestern in Offen­sive gegangen: Rund eine Woche nach dem Absturz eines F/A-18-Kampfflugzeugs im Sustengebiet hat sie erste Ergebnisse der Untersuchung veröffentlicht. Grund für die ungewöhnlich frühe Kommunikation waren Spekulationen in verschiedenen Medien. Bestätigen konnte die Militärjustiz gestern, dass die Flugsicherung Skyguide dem beim Unfall tödlich verunglückten Piloten eine Flughöhe angeordnet hatte, die für dieses Gebiet deutlich zu tief war. Ob das der Grund für den Absturz gewesen sei, werde nun untersucht, sagten die Untersuchungsrichter. Für den Flugverkehrsleiter gelte weiterhin die Unschuldsvermutung.

Radarkontakt verloren

Klar ist im Moment: Um 16.01 Uhr waren am 29. August zwei einsitzige F/A-18-Kampfjets kurz nacheinander vom Militärflugplatz in Meiringen gestartet. Sie wollten an einer Luftkampfübung teilnehmen. Die Sicht war schlecht, der Himmel wolkenverhangen. Die Piloten starteten deshalb im Instrumentenflugverfahren, wie Untersuchungsrichter Gionata Carmine sagte. Dabei musste die Unglücksmaschine dem vorausfliegenden Jet mit Hilfe ihres Bordradars folgen, Sichtverbindung bestand keine. Kurz nach dem Start verlor der zweite Pilot jedoch den Radarkontakt zum anderen F/A-18. Der Grund dafür ist laut den Untersuchungsrichtern noch unklar. Der 27-jährige Pilot forderte darum vorschriftsgemäss die Freigabe einer Flughöhe beim Flugverkehrsleiter an, auf der er weiterfliegen kann. Dieser ordnete eine Höhe von rund 3000 Metern über Meer an, obwohl die Mindestflughöhe für das Startgebiet eigentlich bei 4360 Metern liegt. Kurze Zeit später zerschellte das Flugzeug auf einer Höhe von 3300 Metern an der Krete des Hinter Tierberg.

Warum der Fluglotse in Meiringen eine zu tiefe Höhe angeordnet hatte, wird untersucht. Unklar ist auch, ob der Pilot realisierte, dass er auf Kollisionskurs war oder versuchte auszuweichen, sagte Carmine.

Für Aviatikexperte Rolf Müller sieht es im Moment so aus, als habe eine Verkettung unglücklicher Umstände zu diesem Unfall geführt: «Der Abbruch des Radarkontaktes, das schlechte Wetter und schliesslich die falsche Angabe des Fluglotsen.» Die Piloten seien in einer solchen Situation vollkommen auf dessen Anweisungen angewiesen. Sie hätten nicht den Auftrag oder die Zeit, diese Anweisungen zu hinterfragen. «Ein Pilot mit mehreren tausend Flugstunden Erfahrung und guten Kenntnissen des Gebietes hätte vielleicht gespürt, dass etwas nicht stimmen kann mit den Anweisungen», sagt Müller. «Doch auch für diesen wäre es eine schwierige Situation gewesen.» Grundsätzlich müsse man nun aber die Endergebnisse der Untersuchung abwarten. Vorher zu spekulieren, sei sinnlos.

«Ein erfahrener Lotse»

Der betroffene Flugverkehrsleiter von Skyguide war gemäss Untersuchungsrichter Carmine seit Anfang 2015 in Meiringen tätig. «Es war ein erfahrener Lotse, der seine Lizenz seit rund zehn Jahren hatte», sagte Skyguide-Sprecher Roger Gaberell gestern an einer zweiten Medienkonferenz. «Es scheint, dass das Handeln der Flugsicherung zum Unglück in der Sustenregion beigetragen hat. Das tut uns unendlich leid.» Skyguide werde die Ermittlungen mit allen Kräften unterstützen und habe auch eine interne Untersuchung gestartet, sagte Gaberell. Trotz dieser Informationen wird weiterhin in alle Richtungen ermittelt, wie Untersuchungsrichter Andreas Hagi sagte. Die Untersuchung richte sich im jetzigen Stadium gegen keine bestimmte Person. Es gehe erst einmal darum, den genauen Unfallhergang zu rekonstruieren. Entscheidende Hinweise dazu könnte die Black Box des Flugzeugs liefern. Diese ist jedoch immer noch nicht gefunden worden. «Wir müssen heute davon ausgehen, dass keine Daten vom Flugschreiber zur Verfügung stehen werden», sagte Hagi. Die Militärjustiz müsse sich bei den Ermittlungen darum auf andere Daten sowie Befragungen stützen. Im Moment sind immer noch Gebirgsspezialisten am Untersuchungsort, um die Trümmer zu suchen. Die Untersuchung wird deshalb wohl auch nicht vor Jahresende abgeschlossen werden.


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