Stunde der Wahrheit für neuen Nationalpark

26. November 2016, 00:00

Abstimmung Am Wochenende fällt die Entscheidung, ob es einen zweiten Schweizer Nationalpark geben wird.

Bis zuletzt liefern sich Befürworter und Gegner des Nationalparkprojekts Parc Adula einen Schlagabtausch. Die Befürworter betonen die einmalige Chance des Projekts. «Diesen Zug müssen wir nehmen, er wird nicht mehr vorbeikommen», findet Marco Baggi von der Gruppe «Junge für den Parc Adula». Die Gegner sprechen von falschen Versprechungen und Bürokratie. «Pärke schaffen immer räumliche und mentale Begrenzungen», meint Adrian Vieli vom Nein-Komitee.

Die 17 betroffenen Gemeinden fällen an diesem Wochenende einen wichtigen Entscheid für die ganze Schweiz. Geht es doch um die Frage, ob zum 1914 gegründeten ersten und bisher einzigen Schweizer Nationalpark ein weiterer hinzukommt. Die Naturschutzvereinigung Pro Natura hatte diese Diskussion in Gang gesetzt, als sie 2000 den Ideenwettbewerb «Gründen wir einen neuen Nationalpark» lancierte.

Entscheidend am neuen Nationalpark ist, dass die beteiligten Gemeinden ihn wollen müssen. Er wird nicht von oben verordnet. Genau deshalb sind die Abstimmungen so wichtig. Parkdirektor Martin Hilfiker: «Keine Gemeinde, die mit Nein abgestimmt hat, wird dazu gezwungen, dem Parc Adula beizutreten.»

Der Parc Adula betrifft ein siedlungsarmes Gebiet von rund 1000 Quadratkilometern zwischen den Kantonen Graubünden und Tessin, in dem nur 14000 Personen leben. Die Kernzone, in der die Natur praktisch sich selbst überlassen wird, betrifft 200 Quadratkilometer, insbesondere die Gegend um das Rheinwaldhorn (Italienisch: Adula) sowie die Greina-Hochebene. In der Umgebungszone gibt es keine Einschränkung. Diese soll wirtschaftlich vom Nationalpark-Label profitieren.

Streit um Einschränkungen in der Kernzone

Obwohl die Einschränkungen nur für die Kernzone gelten, haben sie zu Auseinandersetzungen geführt. Alpen-Verein und Bergführerverband kritisieren, dass fast die Hälfte der SAC-Sommerrouten gestrichen wurden. Es ist nur erlaubt, auf den markierten Wegen zu gehen oder zu klettern. Kritisch äusserten sich auch Landwirte, denen die schrittweise Reduzierung von Alpweiden in der Kernzone missfällt. Der Naturschutzverband Pro Natura war der Ansicht, dass das Regelwerk für den Parc Adula dem Naturschutz nicht genügend Rechnung trage. Es gebe für die Kernzone zu viele Ausnahmen. Fraglich sei, ob so eine freie Naturentwicklung möglich sei. Gleichwohl unterstützt Pro Natura das Projekt.

Grosse Hoffnungen machen sich derweil die Touristiker. «Wir glauben ganz stark an dieses Nationalparkprojekt», sagt Christian Vigné, Direktor des Verkehrsvereins Misox und San Bernardino, «denn das Label wird die Wahrnehmung unserer Region erhöhen.» Ziel sei es, das Naturerlebnis zu fördern, daher gehe es nicht um Massentourismus, sondern darum, mehr Gäste für einen sanften und quali­tativen Tourismus zu gewinnen, beteuert Vigné. (gl)


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