Von Graffenried ist neuer Favorit

BERN ⋅ Im Rennen um das Berner Stadtpräsidium kommt es zu einem zweiten Wahlgang. Die Stadtregierung rutscht noch weiter nach links.

28. November 2016, 00:00

Reto Wissmann

Noch vor wenigen Monaten schien die ehemalige Präsidentin der SP-Bundeshausfraktion, Ursula Wyss, als Nachfolgerin des Berner Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät gesetzt. Gestern überraschte jedoch Herausforderer Alec von Graffenried von der Grünen Freien Liste mit dem besten Resultat aller Kandidierenden. Der ehemalige Nationalrat ohne Exekutiverfahrung distanzierte die aktuelle Bau- und Verkehrsdirektorin der Stadt Bern um fast 1500 Stimmen. Seine erste Reaktion gestern Abend: «Ich bin überwältigt!» Da jedoch auch von Graffenried das absolute Mehr nicht erreichte, kommt es am 15. Januar zu einem zweiten Wahlgang.

Nicht weniger als neun Personen hatten sich um das Präsidium der Bundesstadt beworben – abgesehen vom zurücktretenden Alexander Tschäppät auch sämtliche Mitglieder der derzeitigen Stadtregierung. Als Drittplatzierte erhielt die ehemalige VCS-­Präsidentin und heutige Schul- und Sozialdirektorin der Stadt, Franziska Teuscher, nur gerade rund die Hälfte der Stimmen von Alec von Graffenried. Die fünf bürgerlichen Kandidaten hatten nicht den Hauch einer Chance. Obschon die SP zunächst gar keine Freude an der Kandidatur von Alec von Graffenried gehabt hatte, waren die Rot-grün-Mitte-Parteien im Gegensatz zu den Bürgerlichen geeint in den Wahlkampf gestiegen. Seit 24 Jahren dominiert das RGM-Bündnis die Politik in der Stadt Bern.

Grosse Verspätung

Mit eineinhalb Stunden Verspätung – was für Bern schon beinahe üblich ist – wurde am späten gestrigen Abend auch die neue Zusammensetzung der fünfköpfigen Stadtregierung bekannt. Hier holt Rot-grün-Mitte mit Alec von Graffenried einen vierten Sitz. Abgewählt wird der amtierende Finanzdirektor Alexandre Schmidt von der FDP.

Franziska Teuscher (Grüne) und Reto Nause (CVP) werden wiedergewählt, und Michael Aebersold von der SP besetzt neu den frei werdenden Sitz von Alexander Tschäppät. Schuld am Linksrutsch der Stadtregierung sind die bürgerlichen Parteien selber. Anders als vor vier Jahren konnten sich SVP und FDP nicht auf eine gemeinsame Liste einigen. In ersten Reaktionen befürchteten Vertreter der Rechten, dass es künftig in der Bundesstadt noch schwieriger werde, den Anliegen der Minderheit Gehör zu verschaffen.

Für den zweiten Wahlgang um das Stadtpräsidium scheinen Ursula Wyss und Alec von Graffenried gesetzt. Reto Nause, der als einziger gewählter bürgerlicher Gemeinderat ebenfalls noch antreten könnte, hat gestern Abend bereits seinen Verzicht bekannt gegeben. Damit steigen die Chancen von Alec von Graffenried weiter an. Bereits gestern hatte er viele Stimmen von Mitte-rechts erhalten.

Selber gibt sich der neue Kronfavorit allerdings noch zurückhaltend: «Im zweiten Wahlgang beginnt alles wieder von vorne», sagte er in ersten Interviews, es gehe am 15. Januar vor allem darum, wer am besten mobilisieren könne.

Unregelmässigkeit entdeckt

Die Beteiligung an der Stadtpräsidentenwahl war mit über 50 Prozent ausserordentlich hoch. Am Sonntag bildeten sich vor den Urnen lange Schlangen, und es gab Wartezeiten von bis zu einer Dreiviertelstunde. Auch um 12 Uhr, als die Wahllokale eigentlich hätten schliessen sollen, hatten noch nicht alle ihre Stimme abgeben können.

Es sei vor Ort dennoch alles mit rechten Dingen zu- und hergegangen, betonten die Verantwortlichen. Wer vor 12 Uhr schon in der Schlange stand, durfte seinen Wahlzettel noch einwerfen, die anderen wurden wieder nach Hause geschickt. Eine Unregelmässigkeit hat es aber trotzdem gegeben: Den Stimmenzählern sind 300 SVP-Wahlzettel aufgefallen, die alle in derselben Handschrift ausgefüllt waren. Sie wurden für ungültig erklärt. Die Stadtkanzlei wird Strafanzeige gegen unbekannt einreichen.

«Im zweiten Wahlgang beginnt alles wieder von vorne.»

Alec von Graffenried

Ehemaliger Nationalrat


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