Von wegen Hochgeschwindigkeit

GOTTHARD ⋅ Mit der Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels rücken die deutsche Schweiz und das Tessin näher zusammen. Doch südlich von Lugano verkehren Eurocity-Züge langsamer nach Mailand als bisher.

21. November 2016, 00:00

Gerhard Lob/Bellinzona

Ab dem 11. Dezember 2016 gilt der neue Fahrplan im Bahnverkehr. Am kommenden Donnerstag informieren die SBB in Zürich über die wichtigsten Änderungen. Bekanntlich betrifft die grösste Veränderung die Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels (GBT). Die Reisezeit auf der Nord-Süd-Achse verkürzt sich um rund 30 Minuten. Auch Italienreisende profitieren von der neuen, 57 Kilometer langen Doppelröhre. Zwischen Zürich und Mailand brauchen Bahnfahrer im Eurocity statt der bisherigen 4 Stunden und 3 Minuten fahrplanmässig nur noch 3 Stunden und 26 Minuten – eine Fahrzeitverkürzung von 37 Minuten. Der gleiche Zeitgewinn resultiert zwischen Luzern und Mailand, wobei – mit Ausnahme eines direkten EC – in Arth-Goldau umgestiegen werden muss.

Diese allgemeine Zeitersparnis verschleiert allerdings die Tatsache, dass die internationalen Züge auf dem Teilabschnitt Lugano–Mailand länger unterwegs sein werden als bisher. Während ein in Italien zuschlags- und reservationspflichtiger Eurocity heute in 67 Minuten von Lugano nach Milano Centrale fährt, wird er mit der Fahrplanumstellung für 2017 mindestens 76 Minuten benötigen. Das gilt auch für die Gegenrichtung. Besonders extrem ist der Fall des EC 158 von Mailand nach Basel via Luzern, der nach seiner Abfahrt in der lombardischen Metropole (10.15 Uhr) ganze 86 Minuten bis Lugano benötigen wird – praktisch eineinhalb Stunden für gut 80 Kilometer. Selbst die S-Bahn Tilo (Ticino–Lombardia) mit Halt an allen Stationen auf dieser Strecke ist schneller als der Eurocity und braucht nur 75 Minuten.

Während in ganz Europa Hochgeschwindigkeitsstrecken entstehen und nun auch im Herzen der Schweiz Beschleunigung ansteht, scheint im grenzüberschreitenden Bahnverkehr zwischen Lugano und Mailand die Zeit stillzustehen. Mehr noch: Das Rad dreht sich rückwärts. Im Jahr 1964 brauchten die legendären TEE genau 64 Minuten zwischen Lugano und Mailand. In der Ära Cisalpino reduzierte sich die Fahrzeit sogar kurzzeitig – nämlich im Jahr 2005 auf 59 Minuten – zumindest theoretisch, wenn diese pannenanfälligen Neige­züge pünktlich unterwegs waren. Nun werden die Fahrzeiten wieder länger.

SBB nennen viele Baustellen als Grund

SBB-Sprecherin Roberta Trevisan bestätigt diesen Befund. Sie weist darauf hin, dass es auf diesem Abschnitt viele Baustellen gebe, unter anderem wegen des Ausbaus auf den 4-Meter-Korridor: «Dazu kommt ein kurzer Halt in Chiasso für die Kontrollen der Grenzwacht.» Besonders problematisch sei aber die Situation im Grossraum Mailand, mit regelrechten Staus auf dem Gleisnetz. Züge könnten nur in bestimmten «Slots» in Milano ­Centrale ein- beziehungsweise ausfahren. Zudem geniesst der Regionalverkehr in Italien Vorrang vor dem Fernverkehr.

Aus diesen Gründen wurden Zeitpuffer eingebaut, um den Fahrplan für die ECs einhalten zu können. Gemäss dem Motto: Lieber fahrplanmässig, aber länger unterwegs sein als mit Verspätung. Nach der Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels im Jahr 2021 wird laut Trevisan eine Fahrzeit für die ECs zwischen Lugano und Mailand von 70 Minuten die Regel sein. Das ist immer noch sechs Minuten länger als mit dem TEE vor über 50 Jahren.

Petition will Bundesrat zum Alptransit-Projekt drängen

Das Problem mangelnder Infrastruktur-Kapazitäten im grenzüberschreitenden Bahnverkehr sorgt den ehemaligen CVP-Nationalrat, Uni-Professor und Verkehrsexperten Remigio Ratti: «Ich habe den Eindruck, dass man den Personen-Bahnverkehr auf dieser Strecke unterschätzt hat», sagt Ratti. Aber auch für den Güterverkehr, und angesichts der ­zunehmenden Bedeutung der Mittelmeerhäfen, müssten die Engpässe unbedingt beseitigt werden.

Ratti gehört zu einem Initiativkomitee, das vor wenigen Tagen unter dem Namen «Pro San Gottardo» eine Petition lanciert hat, um den Bundesrat zur Verwirklichung des ursprünglichen Alptransit-Projekts – von Grenze zu Grenze – zu drängen.

Die bis ins Jahr 2050 eingefrorene Verlängerung von Alptransit zwischen Lugano und der Landesgrenze bei Chiasso sollte gemäss diesem Komitee unbedingt vorgezogen werden, möglichst auf das Jahr 2035. Dasselbe fordert das Komitee für den Ausbau nördlich von Erstfeld in Richtung Deutschland. Aktiv unterstützt wird die Petition auch vom ehemaligen Tessiner SP-Staatsrat Pietro Martinelli: «Es kann doch nicht der Sinn von Alptransit und Gesamtinvestitionen von 22 Milliarden Franken sein, 25 Minuten schneller von Bellinzona nach Zürich zu fahren.»


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